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Haftbefehl und sein "Russisch Roulette": "Das ist echt asozial"

Harte Musik für harte Zeiten: Der Rapper Haftbefehl bringt den Sound der Straße nach oben in die Charts. Ein Besuch im Azzlackz-Studio nahe Offenbach.

Von Nora Gantenbrink

Haftbefehl gilt derzeit als der interessanteste Rapper Deutschlands.

Haftbefehl gilt derzeit als der interessanteste Rapper Deutschlands.

Das Studio des Rappers Haftbefehl liegt in einem Industriegebiet zwischen Frankfurt am Main und Offenbach, und auf dem Flur gibt es Thai-Tantra-Massagen mit Happy End für 80 Euro die Stunde. Haftbefehl kommt in einem schwarzen Jaguar, der ihm gehört, den er aber nicht fahren darf, weil er keinen Führerschein hat. Deshalb fährt ihn ein Kollege. Haftbefehl trägt Turnschuhe, die aussehen wie tote Tiere. Er ist riesengroß, fast zwei Meter. Er macht keine Texte, die jeder mögen muss. Es geht um Drogen, Gewalt und Kriminalität. Aber wenn jemand fragt, wer gerade der interessanteste Rapper Deutschlands ist, dann ist es er: Aykut Anhan alias Haftbefehl.

Seine Lieder sind so multikulti wie Frankfurt selbst. Haftbefehl benutzt Wörter aus dem Türkischen, Kurdischen, aus der Zaza-Sprache und dem Arabischen. Manchmal spricht er, als habe er eine Socke im Mund, manchmal, als explodiere eine Packung Knallfrösche in seiner Kehle. Anhan hat es geschafft, dass Wohlstandsschüler seine Texte singen. Sein erfolgreichstes Lied heißt "Chabos wissen wer der Babo ist". Babo bedeutet "Boss". Anfang dieses Jahres warb ein CSU-Politiker mit dem Spruch.

Das "Azzlackz-Studio" gehört Haftbefehl. Im Aufnahmeraum nehmen zwei seiner "Brudis" ein neues Lied auf. Vorn setzt sich Haftbefehl auf eine Ledercouch.

Viele Ihrer Texte klingen wütend. Sind Sie wütend?


Ich habe viel Hass in mir, vor allem gegen die Leute, die es mir nicht gönnen, dass ich Erfolg habe. Das Lied "Ihr Hurensöhne" ist an alle Leute gerichtet, die es nicht abkönnen, dass ein Kanake aus Frankfurt um die Ecke kommt und was Neues macht.

Warum Ihr Name Haftbefehl?


In Deutschland wurde ich per Haftbefehl gesucht, deshalb war ich in die Türkei geflüchtet, daher mein Künstlername.

Wieso wurden Sie per Haftbefehl gesucht?


Weil ich in Deutschland als Koksdealer gearbeitet habe. Darauf bin ich nicht stolz.

Was haben Ihre Eltern gemacht?


Mein Vater ist kurdischer Alevit und kam als Gastarbeiter nach Deutschland. Meine Mutter ist Türkin vom Schwarzen Meer. Sie war in der türkischen Nationalrudermannschaft. Sie war wegen des Ruderns hier und trainierte auf dem Main. Mein Vater hat sie gesehen und sich in sie verliebt. Dann kamen die Kinder, drei Jungs, und meine Mutter blieb zu Hause. Mein Vater war Zocker, er hat Geld verzockt. Er nahm sich das Leben, als ich 14 war. Danach habe ich die Schule abgebrochen. Das bereue ich.

Sie sind nach dem Tod des Vaters auf die schiefe Bahn geraten. Das war 1999. Drei Songs auf Ihrem Album heißen so.


1999, ja, von da an ging es bergab, ich wurde kriminell. Mit 15 wurde ich das erste Mal verurteilt.

Was hat Sie da rausgeholt?


Die Musik. 2006 kam ich zurück nach Deutschland, meine Strafe war zur Bewährung ausgesetzt und verjährt. Ich bekam einen Plattenvertrag. Wahrscheinlich würde ich sonst noch mit meinem albanischen Kollegen hier Kokstüten verkaufen. Brudi, komm mal rüber, darf ich deine Geschichte erzählen? Der Kollege ist dieses Jahr aus dem Gefängnis entlassen worden, er saß vier Jahre, er hat eine Bank überfallen. Ich wusste davon nichts und komme am nächsten Tag zu ihm nach Hause, und er und sein Mittäter sitzen auf dem Sofa, sind voll blass, ich denk mir, was geht hier? Playstation an, aber keiner spielt. Und die Waschmaschine läuft: Ich sag, was ist hier los? Die so: "Geld waschen!" Die haben echt das geklaute Geld in die Waschmaschine getan, weil der Typ in der Bank Farbpatronen reingetan hat. War alles rot. Wurden deshalb auch geschnappt.

Kann man nur über das rappen, was man selbst erlebt hat?


Nein, ich singe auch über Crack, obwohl ich nie Crack genommen oder verkauft habe. Aber ich kenne die Straße. Ich kenne Menschen, die kriminell sind. Von denen hole ich mir Inspiration. Ich muss mir nicht jeden Tag "Scarface" anschauen.

"Ich kenne die Straße. Ich muss mir nicht jeden Tag 'Scarface' anschauen."

"Ich kenne die Straße. Ich muss mir nicht jeden Tag 'Scarface' anschauen."

Sind Sie politisch?
Ich komme aus einem toleranten Haus. Klar, manchmal saß mein Vater vor dem Fernseher und sagte, Politiker seien Betrüger und Halsabschneider. Er hat aber nie über Türken oder Kurdenpolitik geredet.

In Kobani und im Sindschar-Gebirge kämpfen Kurden gegen Anhänger der IS. Verfolgen Sie diese Schlagzeilen?


Natürlich. Was meinen Landsleuten dort passiert, beschämt mich. Es geht nicht nur darum, dass Kurden umgebracht werden, sondern auch Araber, Sunniten. Die Ideologie des IS geht nicht auf. Sie meinen, dass sie im Namen Allahs in den Krieg ziehen müssen. Aber bringen dann Sunniten um. Die töten einfach alle, die sich ihnen nicht anschließen. Auch den Leute von den Taliban, die sich dem IS angeschlossen haben, ist das zu hart geworden.

Ihr musikalisches Vorbild ist der US-Rapper Notorious B.I.G., richtig?


Ich will aber nicht so früh sterben wie er.

Aber einer Ihrer Songs heißt "Azzlacks sterben jung".


Viele halt, nicht alle. Weil sie Crack-Steine verkaufen und das irgendwann ihren Kopf fickt. Sie sterben oft eher als andere.

Wer oder was ist ein Azzlack?


Ein Azzlack ist das Gegenteil von einem Dazlak. Ein Dazlak ist türkisch und bedeutet "Nazi". Ein Azzlack ist ein Kanake, der gegen Nazis ist.

Sind Sie ein Vorbild?


Ich habe zu viele Drogen genommen und zu viel getrunken, um ein Vorbild zu sein. Aber ich versuche, ein paar talentierte Jungs finanziell zu !ördern.

Auf Ihrem Label rappen nur Männer. Warum eigentlich?


Ich finde die Rapperinnen in Deutschland nicht gut. Aber wenn mich eine richtig aus den Socken haut, dann würde ich ihr eine Chance geben.

Wohnen Sie noch in Offenbach?


Ich wohne in einem Vorort von Darmstadt. In einem Reihenhaus neben meiner Mutter. Meine Familie ist mir wichtig.

In Ihren Songs geht es oft um Geld. Warum ist Ihnen das so wichtig?


Na, die Platten bring ich doch raus, um Geld zu verdienen. Sonst könnte ich mich doch auch mit der Gitarre vor Saturn stellen.

Was ist das Beste an Offenbach?


Der Döner. Und meine Freunde. Der Main ist auch schön. Da kann man gut sitzen und Bier trinken, also ich nicht, ich trink kein Bier. Ich trink lieber Whiskey oder Wodka.

Was haben Sie vom Langenscheidt-Verlag bekommen, als "Babo" Jugendwort des Jahres 2013 wurde?


Nichts. Falls es eine Verleihung gab und ich nicht eingeladen wurde, dann würde ich sagen: Das ist echt asozial.

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