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Echo 2008: "Ich hab das Dreckscheißding verdient"

Wirklich freundlich ist die Stimmung beim Echo eigentlich nie. Mit der 17. Verleihung des deutschen Musikpreises in Berlin ist die Stimmung jedoch im Eiskeller gelandet. Nur Mark Medlock machte dem sonst so gehassten Dieter Bohlen eine ungestüme Liebeserklärung.

Von Sophie Albers

Bei der Echo-Verleihung sind schon häufig deutliche Worte gefallen. Da pöbelt ein Dieter Bohlen, nachdem er ausgebuht wurde, oder ein Howard Carpendale kritisiert das Business im Rundumschlag. Doch dass die gesamte Show sich selbst in den Dreck zieht, ist neu und sollte den Organisatoren dann doch mal zu denken geben. Die 17. Verleihung des "bedeutendsten Musikpreises Europas" wird wohl als Zyniker-Party in die Geschichte dieser Veranstaltung eingehen. Oder wie eine junge Kollegin es formulierte: "Wieso wird der Echo eigentlich verliehen, wenn alle ihn hassen?"

Fast wartete man bei der "Leistungsschau der deutschen Musikwirtschaft" 2008 darauf, dass die Kulissen in sich zusammenfallen, um den Blick auf die Innereien freizugeben, die Bestie Unterhaltungsindustrie, der es nur ums Geld geht, gierige Manager, kaputte Künstler, ein ausgeträumter Traum. Diese Show jedenfalls hatte der Ernüchterung nichts entgegenzusetzen.

Wirre Worte vor leeren Reihen

Nachdem der definitiv nicht zum Redner geborene Vorsitzende der Deutschen Phono-Akademie, Viva-Gründer Dieter Gorny, die Macht der Musik beschwor und mehr Respekt vor dem Wert geistigen Eigentums forderte, wurde sogleich die Königin des Pop entthront: In einem skurrilen Videoeinspieler sprach Madonna ein völlig belangloses Grußwort, das auch noch so abrupt abgeschnitten wurde, dass die 49-Jährige zur Witzfigur verkam. Dann wurde - offenbar einem auf Kante genähten Zeitplan geschuldet - so schnell der Echo für den besten Künstler International an James Blunt verliehen, dass der melodiös lamentierende Ex-Kosovosoldat schneller wieder von der Bühne war, als es brauchte, sich zu fragen, warum eigentlich so viele Reihen im Saal leer sind.

Auftritt Michael Mittermaier: Der Komiker glänzte durch brachiale Unkomik. Selbst mehrfaches Nachfassen konnte die Zoten nicht retten. Ein bisschen Bohlen und Spears, ein bisschen Jugendkriminalität und "Deutschland sucht den Superstar". Fast hilflos klang der einst so scharfe Beißer. Dann gab es die erste schallende Ohrfeige ausgerechnet von Kritikerliebling Herbert Grönemeyer, bester Künstler National Rock/Pop, der in ätzendem Ton seine Verachtung für alles und jeden über den Abend schüttete.

"Künstler kommt von Verkünsteln", darin sei er im vergangenen Jahr besonders gut gewesen, so der Held des ehrlichen Deutsch-Pop. Gebe es nicht die Leute, die ihn antreiben, er würde keine Platte mehr herausbringen, sondern stattdessen zuhause sitzen, duschen und telefonieren. "Wer müßig geht und flüssig spricht, für den ist geregelte Arbeit nicht", klatschte er an seine "Publikumsbeschimpfung". Der anschließende Ich&Ich-Song mit der Zeile "Ich steh nur hier oben und sing mein Lied" wirkte wie der klägliche Versuch einer Rechtfertigung.

Liebeserklärung an Hass-Dieter

Nächstes Oho-Erlebnis war Mark Medlock, der in der Kategorie Newcomer gewann und auf dem Weg zur Bühne sogar Bushido aus dem Weg zwang, was der erwartungsgemäß nicht so witzig fand. Und dann auch noch das: Anstatt wie ein ordentlicher Quotenschwuler à la Ross im Dschungelcamp weinend "Danke" zu stammeln, sagte der "Deutschland sucht den Superstar"-Gewinner: "Ich hab das Dreckscheißding hier verdient!" Und über seinen "Lieblingsproduzenten", den im Saal von vielen so leidenschaftlich gehassten Dieter Bohlen: "Freu dich, dass du keine Frau bist, ich hätte dich geschwängert vom Feinsten, Baby." "Gut, dass wir zeitversetzt senden, wir müssen einiges schneiden", kommentierte Moderator Oliver Geissen nur lasch, dem die Show auch völlig am Hintern vorbei zu gehen schien.

Da war es verwirrend, im Anschluss Medlocks britische Castingshow-Kollegin Leona Lewis ein perfektes Lied singen zu hören. Mit ihrer perfekten Stimme und dem perfekten Aussehen gelang es ihr fast, die Illusion der Diskokugel kurz wiederherzustellen. Allerdings nur, bis ein rabiater Griff am Oberarm sie von der Bühne holte und ein Komiker namens Paul Panzer die Kategorie Schlager vergab, in der DJ Ötzi Howard Carpendale und Semino Rossi aus dem Rennen schlug. "Herz zeigen", frotzelte der Laudator. Doch Herz suchte man an diesem Abend vergebens, da kann Wollmützenträger Ötzi noch Jahre von seinem Stern singen.

Böse Buben an der Leine

Das verwirrte offenbar sogar Bushido, der als Bester Künstler HipHop/ R&B National geehrt wurde. Hatte er es beim Abholen von Echo eins und zwei in den vergangenen Jahren als Kind der Straße noch all den Popgeschäft-Höflingen gezeigt, nun gehörte er dazu und hatte die Kälte betreffend an diesem Abend seinen Meister gefunden. Das wurde vor allem klar, als er sich in der Sparte Bester Live Act die zweite Trophäe am Abend abholen durfte: Er kam nicht allein auf die Bühne, sondern begleitet von Oliver Pocher, der das Publikum auf Kosten jeglicher Rapperklischees zu amüsieren suchte. Der Berg ist zum Propheten gekommen, das Ungeheuer Industrie hat all das, was an Bushido einst so provozierte, geschluckt, übernommen und aufs Konto überwiesen. Und nein, Pocher muss definitiv nicht fürchten, für seine Aktion "aufs Maul" zu bekommen.

Der gab dann auch noch das deutlichste Bild ab für den Status Quo des Geschäfts mit der Leidenschaft für Musik: Im Glitzerbikini mit Perücke auf dem Kopf tanzte er als Britney Spears über die Bühne, setzte die Wodkaflasche an, zog gierig an einer Zigarette und machte sein Publikum lachen über den gefallenen Star, das Produkt, das von der Maschine, die es geschaffen hat, gerade ausgespuckt und restverwertet wird. Und das Publikum lachte laut und lange, schließlich ist es bereits daran gewöhnt. Es heißt, Zyniker seien enttäuschte Romantiker. Pocher war an diesem Abend wohl der traurigste unter ihnen.

Ein Pils für Dieter Thomas Heck

Und so ging die Preisverleihung weiter. Weil Tokio Hotel gerade in Los Angeles ihren ersten US-Auftritt absolvierten, so die Vermutung Smudos, durften sich die Fantastischen Vier den Echo als Beste Künstler Rock/ Pop National abholen. Günther Jauch machte unrasiert und in Leder ein bisschen auf wilder Mann und steckte Grönemeyer auch noch den Preis für das Beste Album des Jahres zu. Diesmal gab der Unberührbare mit Fußballmetaphern den verbalen Mittelfinger. Kylie Minogues anschließender Auftritt war nichts weiter als ein netter Versuch.

Der Sonderpreis ging an Dieter Thomas Heck, dessen Rührung sich in Grenzen hielt: "Ich hätte jetzt lieber ein Bier". Und wen interessierte denn bitte der Echo fürs Lebenswerk an Rolf Zuckowski? Der Mann des Kinderliedes war im Kreise der Desillusionierten etwa so fehl am Platze wie ein Antialkoholiker auf der Aftershowparty. Die war übrigens voll bis unters Dach. Denn eines können Zyniker ganz gut: sich auf Kosten anderer amüsieren.