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Zweites ESC Semifinale: Måns, du darfst nicht nackt mit dem Wolf tanzen

Die Schweden lassen die Wölfe los: Beim zweiten Semifinale des Eurovision Song Contest kamen Fans bissigen Humors auf ihre Kosten. Ach ja, und Musik gab's auch noch. Hurz!

Mans Zelmerlöw

Scherzten über das Nackt- und Tierverbot beim ESC: die Moderatoren Petra Mede und Måns Zelmerlöw

Das Lamm. Der Wolf. Hurz. Hape Kerkeling ahnte schon früh, welchen Unterhaltungswert Canis lupus hat. Das scheint sich inzwischen auch bis ins ferne Weißrussland herumgesprochen zu haben. Gleich ein ganzes Rudel wollte der singende Naturist Ivan aus den Wäldern um Minsk mit nach Stockholm bringen, um nackt wie Odin ihn schuf von Befreiung zu jaulen. Doch der Eurovision Song Contest erwies sich weder als Animal- noch als Nudistenfreund: keine Tiere auf der Bühne, keine Nackten. Zum Heulen.

Doch wer Ivan heißt, lässt sich von solchen Verboten nicht beeindrucken. Beim zweiten Semifinale des Eurovision Song Contest am Donnerstagabend war der 21-Jährige dann doch als nackter Rudelführer zu bestaunen - moderne Technik macht's möglich. Die Wölfe und sein blanker Popo wurden per Hologramm auf die Bühne gezaubert. In bester David-Copperfield-Manier ließ er sich sogar selbst klonen. Leider hatte auch sein Double den letzten Friseurbesuch verpasst. So winselte er in mehrfacher Ausführung über den Schirm. Hoffentlich spricht sich die Effekthascherei nicht bis zu "Germany's Next Topmodel" rum. Oder wollen Sie Heidi Klum in Zukunft in dreifacher Ausfertigung sehen? Eben.

ESC

Nicht Peter, sondern Ivan und die Wölfe.

ESC ohne Herz für Zottel

Doch den Namen Ivan schienen die Zuschauer und Jurys dann doch zu sehr mit schrecklich zu assoziieren. Für ihn geht's zurück in die Tundra. Wuff, wuff. Überhaupt bewies der ESC wenig Herz für Zottel. Michal Szpak, der Wolle Petry aus Polen, kam zwar weiter, die blaugelockte Rykka aus der Schweiz jedoch scheiterte. Da nützte auch der Dampfreiniger nichts, den sie unter ihrem Kleid versteckt hatte. Oder fing der BH Feuer? Der weiße Rauch verzog sich ebenso schnell wie die Erinnerung an das blasse Liedchen. 

Auch Boybands hatten schon bessere Tage. Vor allem, wenn sie etwas welk sind und auf die 50 zugehen. Das stellten Dänemark und Irland unter Beweis. Nicky Byrne, ehemaliges Bandmitglied von Westlife, quäkte sein "Sunlight" so infernalisch ins Mikro, dass Sehnsucht nach einem baldigen Sonnenuntergang aufkam. Gleiches gilt für Lighthouse X aus Kopenhagen und ihre Kate-Ryan-Gedächtnis-Lichter am Mikrofonständer. Entschuldigung, das ist so 2006. Hat damals schon nicht geklappt - und Licht aus.

Mit viel Getöse sprang Donny Montell aus Litauen per Überschlag durch zwei Nebelfontänen - und damit ins Finale. Sollte es mit dem Singen doch nichts werden, kann er immer noch Werbung für Haarspray machen. Seine Miniplifrisur saß trotz Purzelbaum. Perfekter Halt. Pfft, pfft.

Australien und Ukaine wahren Siegchancen

Dass dieser ESC trotz aller Windmaschinen und Showeffekte keine Ansammlung von singenden Truthähnen und jammernden Großmütterchen mehr ist, stellten zwei starke Frauen unter Beweis. Dami Im aus Australien und Jamala aus der Ukraine. Ihre powerballadisierenden Songs "Sound of Silence" und "1944" werden am Samstag im Rennen um den Sieg dabei sein. Wie eine Diva verbrachte die Australierin die meiste Zeit ihres Auftritts sitzend auf der Bühne und zeigte, welch raffinierte Wirkung die Hologrammtechnik haben kann, wenn sie nicht von Wölfen zerfleischt wird. Um sie herum schwebten wie in einem Traum Gesichter. Magisch gut.

ESC

Die ukrainische Kampfansage Jamala

Showdown Russland gegen Ukraine möglich

Bewegend auch, wie die Krimtatarin Jamala sich die Wut über Putin von der Seele sang. Ihr Ruf "You think you are gods, but everyone dies" dürfte bis nach Moskau zu hören gewesen sein. Der russische Favorit Sergey Lazarev sollte sich besser in Acht nehmen. Nicht vor Jamala, sondern vor ihrer Stimme. In der Halle wurde sie mit viel Applaus und Bravorufen bedacht.

Es könnte im Finale also tatsächlich zum Showdown Russland gegen Ukraine kommen. Doch wird der ESC einen politisierenden Song über die Deportation von Jamalas Großmutter 1944 ganz nach vorne wählen? Geschichtsstunde statt Party, das könnte viele Telefonanrufer überfordern. Sonst würden sie schließlich gleich N-TV und keine Unterhaltungsshow schauen.

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Balten-Schnuckel Justs aus Lettland

Mans Zelmerlöw zeigt seinen Wolf

Zu erwähnen sind noch die beiden Schnuckels des Abends. Zum einen Justs aus Lettland, der problemlos bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" mitspielen könnte: Dreitagebart, Fönfrisur und blaue Augen. Sein Song "Heartbeat" war eine Hymne moderner Popmusik. Wummernde Bässe, metallischer Sound. Ja, da spüren selbst betagte ARD-Zuschauer ihren Herzschlag wieder.

Zum anderen Moderator Mans Zelmerlöw. Der Vorjahressieger und Meister-Charmebolzen witzelte sich mit viel Selbstironie durch den Abend und machte auch vor Ivan-Scherzen keinen Halt. Nach dem Auftritt des Weißrussen stand Zelmerlöw plötzlich splitterfasernackt auf der Bühne, seinen Schritt nur mit einem Plüschwolf bedeckt. Haha. Die Schweden, die wissen eben wie's geht. Tack så mycket, Sverige. Wir freuen uns auf Samstag.