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TV-Kritik

ESC 2019: Happy Holland, trauriges Deutschland und eine atemlose Madonna

Bekannte Stars, spektakuläre Auftritte und viel Drama: Der Eurovision Song Contest in Tel Aviv bot wieder einmal alles, was die Faszination dieser kunterbunten TV-Überraschungstüte ausmacht. 

Von Lars Peters

Stern-Reporter Edgars Noskovs hat den Auftritt der Sisters live beim ESC in Tel Aviv den ESC miterlebt.

Man konnte das Unheil schon ahnen, als die ESC-Moderatorin Bar Refaeli am Samstagabend die Bekanntgabe der Zuschauerpunkte für Deutschland mit einem "Sorry, Germany" einleitete. Dass danach allerdings ein "zero points" kam, also null Punkte, war dann doch ein noch herberer Schlag, als er von den meisten erwartet worden war. Denn bis zu dem Zeitpunkt war der deutsche Beitrag "Sister", vorgetragen von den S!sters Carlotta Truman und Laurita, den Umständen entsprechend ganz gut bewertet worden. 

Schließlich lag Deutschland bei den Wettquoten vor dem ESC-Finale auf dem letzten Platz. Während des Jury-Votings waren für die schlichte, aber stilvolle Performance des deutschen Mittempo-Songs dennoch immerhin 32 Punkte zusammengekommen – und damit ein 21. Platz. Nach den 0 Punkten der Zuschauer blieb dann nur noch der 24. Platz im Gesamtergebnis - Drittletzter. Die Sisters zeigten sich anschließend aber vergleichsweise aufgeräumt und ein wenig überdreht. Der Abend sei für sie ein "ein Feuerwerk der Gefühle" gewesen. Der Aussage ihres Liedes entsprechend hätten sich die beiden Frauen nach der Show auch unterstützt. Laurita in der ARD: "Wir richten uns immer gegenseitig die Krönchen."

Nicht nur beim deutschen Beitrag lagen die Wettanbieter (fast) richtig. Auch mit der Vorhersage des Siegers hatten sie recht. Der Niederländer Duncan Laurence konnte sich am Samstagabend den Sieg sichern. Mit seiner zu Herzen gehenden Ballade "Arcade" und einer reduzierten Performance erhielt er die meisten Punkte. 

Spannende Abstimmung beim ESC

Dabei war er gleichzeitig ein sehr guter Kompromisskandidat. Denn er holte sich den Sieg, obwohl er weder das Jury- noch das Publikumsvoting gewonnen hatte. Entsprechend spannend verlief der Abend in Tel Aviv mit häufig wechselnden Spitzenreitern. Lange Zeit hatte die nordmazedonische Sängerin Tamara Todevska, die im Vorfeld des Wettbewerbs unter dem Radar geflogen war, bei der Punktebekanntgabe der Jurys vorn gelegen. Erst am Ende konnte sich noch der Schwede John Lundvik mit seinem Gospel-Popsong vor sie schieben. 

Allerdings hatten beide das Nachsehen, als die Punkte der TV-Zuschauer verlesen wurden. Da landeten sie nämlich nur im Mittelfeld. Stattdessen konnte hier die norwegische Gruppe KEiiNO an meisten abräumen. Ihre fröhliche Euro-Dance-Nummer "Spirit in the Sky", in der auch ein samischer Rapper einen traditonellen Jojk-Gesang anstimmt, bekam auch von den deutschen TV-Zuschauern Höchstpunktzahl. 

In der Addition reichte es aber zum Sieg des Niederländers, vor dem Italiener Mahmood und dem russischen Superstar Sergey Lazarev, der sich wieder einmal auf seine zahlreichen Fans in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und auch in Deutschland verlassen konnte. Acht Punkte gönnte ihm das deutsche Publikum. Zehn Punkte gingen allerdings aus Deutschland in die Schweiz auf das Konto von Luca Hänni. 

Beste Schweizer Platzierung seit 1993

Der ehemalige Sieger von Deutschland sucht den Superstar trat für die Eidgenossen mit der Latino-Pop-Nummer "She Got Me" an. In einem halbtransparenten Oberteil geizte er nicht mit seinen Reizen und bot auch mit seinen Tanzeinlagen sehr professionelles "Dirty Dancing" und unterhaltsame drei Minuten. Am Ende erzielte der Sunnyboy einen verdienten vierten Platz. So gut haben die Schweizer seit 1993 nicht mehr beim ESC abgeschnitten. 

Atemlose Madonna

Über diesen spannenden Abstimmungsprozess könnte man fast den als Highlight der Show hochgepushten Auftritt von Madonna vergessen. Sie nutzte – natürlich gegen die Zahlung einer entsprechenden Gage – die 200 Millionen Zuschauer des ESC, um ihre neue Single "Future" zu promoten. Zuvor präsentierte sie aber noch eine sehr theatralisch inszenierte Version ihres Klassikers "Like a Prayer", der sich in der dargebotenen Form ganz sicher nicht für das ESC-Finale qualifiziert hätte. Sagen wir es so: Es gebührt Madonna Anerkennung, dass sie live gesungen hat. Und auf so einer großen Bühne bleibt einem schon mal der Atem weg. Der neue Titel wird aber sicher seinen Weg in die internationalen Charts finden. 

Madonnas Auftritt beim ESC 2019 in Tel Aviv

Madonnas Auftritt beim ESC 2019 in Tel Aviv

AFP

Trotz der überbordenden Darbietung von Madonna bleiben womöglich andere Auftritte mehr in Erinnerung dieses ESC. Die Australiern Kate Miller-Heidke etwa schwebte ihrem Songtitel "Zero Gravity" (Keine Erdanziehung) entsprechend über die Bühne und schmetterte dabei ein Pop-Opera-Song heraus. Ein solches Spektakel gibt's nur beim ESC. 

Skandal um Palästina-Flagge

Das komplette visuelle und akustischen Gegenteil dazu lieferte die isländische Band Hatari. Im BDSM-Outfit trugen sie sehr martialisch und laut ihre Kapitalismuskritik vor, dass es für Rammstein-Fans eine Freude gewesen sein dürfte. Ihrer provokanten Grundeinstellung folgend, zeigten sie bei der Punktevergabe die palästinensische Flagge. Ein klares politisches Statement gegen das Gastgeberland Israel, das nicht nur in der Halle mit Pfiffen quittiert wurde, sondern auch Sanktionen des Veranstalters des ESC nach sich ziehen kann. Das Drama endet beim ESC eben nicht einfach mit der Bekanntgabe des Siegers.