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ESC 2012 in Baku: Engelbert - oder die letzte Hoffnung

Die Popnation schickt einen Schnulzensänger: Engelbert Humperdinck fährt für Großbritannien zum Eurovision Song Contest. Die Entscheidung beweist vor allem, wie groß die Verzweiflung auf der Insel ist.

Von Jens Maier

Die Verzweiflung beim Fernsehsender BBC muss ziemlich groß sein. In den vergangenen Jahren haben die Briten mit Blue eine ehemalige Nummer-Eins-Boyband, mit Pete Waterman und Andrew Lloyd-Webber sogar zwei der besten Komponisten des Landes ins Rennen um den Eurovision Song Contest (ESC) geschickt. Genutzt haben die Anstrengungen freilich wenig. Seit 1997 mit Katrina and the Waves hat die große Popnation den Wettbewerb nicht mehr für sich entscheiden können, musste stattdessen die Schmach von drei letzten Plätzen ertragen. Außer einem Achtungserfolg 2009 mit einem fünften Platz waren die Engländer von einem Sieg beim größten Gesangswettbewerb der Welt ebenso weit entfernt wie deren Leibspeise "Fish and Chips" von Nouvelle Cuisine.

Jetzt soll es ausgerechnet einer richten, der seine besten Zeiten in den 70er Jahren hatte: Engelbert Humperdinck tritt am 26. Mai für das Vereinigte Königreich beim Eurovision Song Contest in Baku an. Mit dann 76 Jahren wird er der älteste Teilnehmer aller Zeiten sein. Während die jüngeren ESC-Fans verdutzt fragen, "Engelbert wer?", ist der oft als Schnulzensänger verspottete Humperdinck vor allem der älteren Generation ein Begriff. Mit "Spanish Eyes" oder "Please Release Me" hat er Musikgeschichte geschrieben. Die Songs sind Evergreens, die noch heute im Radio gespielt werden. Humperdinck, der mit bürgerlichem Namen Arnold Dorsey heißt, erhielt bislang 68 Goldene und 26 Platin-Schallplatten, ist weit über die Insel hinaus bekannt. Also eigentlich doch genau der Richtige für Baku, oder?

BBC begeistert, Fans spotten

"Seit den siebziger Jahren hat uns nicht mehr eine solch etablierte internationale Musiklegende vertreten", frohlockt eine Sprecherin der BBC über die interne Wahl. Der Sänger selbst sagt, es sei eine absolute Ehre für ihn, sein Land beim Eurovision Song Contest vertreten zu dürfen. "Als die BBC mich gefragt hat, fühlte es sich einfach richtig an, Teil einer Institution wie Eurovision zu sein." Die britischen Zeitungen bejubeln die Entscheidung. "Dieses Mal schicken wie unseren Glauben an Alter und Erfahrung", schreibt die "Daily Mail", und selbst der "Guardian" setzt seine Hoffnungen auf Engelbert. Man drehe die Uhr zurück, um die "peinliche Pleitenserie" zu beenden.

Ganz so optimistisch sehen das die ESC-Fans allerdings nicht. In Kommentaren und Blogs wird mit Häme nicht gespart. "Ich habe bisher nicht gewusst, dass wir so verzweifelt sind", schreibt ein User auf der Internetseite der "Daily Mail". Ein anderer lässt sich über die Gesangskünste Humperdincks aus: "Ich habe ihn live gehört, und es war igitt-igitt." Auch in Deutschland sind die Fans von der Wahl nicht überzeugt. "Das ist doch wohl ein Witz! Die Pop-Nation schlechthin muss auf einen alten Knacker zurückgreifen", schreibt ein User auf dem Eurovision-Blog der Zeitschrift "Prinz".

Der ESC hat ein Herz für alternde Sänger

Einen Trumpf haben die Engländer allerdings noch in der Hinterhand: den Song. Der wird erst in den kommenden Wochen veröffentlicht und stammt aus der Feder von Martin Terefe, der bereits für James Morrison und KT Tunstall gearbeitet hat, und Sacha Skarbek, Songwriter von Adele und James Blunt. Somit sind bereits drei namhafte Komponisten aus Großbritannien in den Wettbewerb involviert. Der deutsche Beitrag "Standing Still", mit dem der 21-jährige Roman Lob an den Start gehen wird, stammt aus der Feder des Briten Jamie Cullum. Mit der Wahl von Terefe und Skrabek wird den Zuschauern eine typische Engelbertt-Schnulze erspart bleiben. Stattdessen will sich das Vereinigte Königreich mit einem modernen Popsong präsentieren. Aber wird das ausreichen, um beim ESC zu reüssieren?

Der Song Contest hat durchaus ein Herz für alternde Sänger. Als die "Olsen Brothers" 2000 mit "Fly on the Wings of Love" die Eurovisions-Krone nach Dänemark holten, waren sie 50 und 46 Jahre alt, im vergangenen Jahr belegte der Bosnier Dino Merlin mit 48 Jahren immerhin Rang 6. Doch das Manöver, Engelbert Humperdinck nach Baku zu schicken, ist eine durchschaubare Verzweiflungstat. Es wird gemunkelt, dass alle anderen namhaften Sänger, die von der BBC befragt wurden, dankend abgewinkt hätten. Engelbert ist Englands letzte Hoffnung. Ein Kommentator fasst es so zusammen: "Es ist vielleicht eine schlechte Wahl, aber sie ist wenigstens einfallsreich."