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Eurovision Song Contest: Conchita Wurst, die junge Kaiserin

Vom Sonderling zum gefeierten Star: Conchita Wurst aus Österreich hat beste Aussichten, den Eurovision Song Contest 2014 zu gewinnen. Wer ist der Mann hinter der Frau mit dem Bart?

Von Lars Peters, Kopenhagen

Beim ESC-Halbfinale lag ihr das Publikum in Kopenhagen schon zu Füßen, am Samstag soll der Rest Europas Folgen: Conchita Wurst

Beim ESC-Halbfinale lag ihr das Publikum in Kopenhagen schon zu Füßen, am Samstag soll der Rest Europas Folgen: Conchita Wurst

So viel Aufmerksamkeit für den österreichischen Teilnehmer gab es seit Udo Jürgens ("Merci, Cherie") nicht mehr: Conchita Wurst ist der unangefochtene Star des Eurovision Song Contest in Kopenhagen. "Das ist genau das, was ich wollte und was ich mir für mein Leben wünsche. Von mir aus könnte das immer so weiter gehen", sagte die Travestiekünstlerin zu stern.de. So glamourös, wie sie beim ESC auf der Bühne steht, war das Leben des Mannes, der hinter der Frau mit dem Bart steckt, nicht immer.

Einfach hatte es Tom Neuwirth nicht. Geboren im österreichischen 13.000-Seelen-Städtchen Gmunden und aufgewachsen in der Provinz war er oft der Außenseiter, nicht zuletzt wegen seiner Homosexualität. Doch Neuwirth besaß nicht nur Durchhaltevermögen, sondern auch eine hervorragende Stimme und den unbedingten Wunsch, auf der Bühne zu stehen.

Als 18-Jähriger feierte Neuwirth seinen ersten großen Erfolg: Bei der ORF-Castingshow Starmania wurde er Zweiter hinter Nadine Beiler, die Österreich 2011 beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf vertrat. Das folgende Engagement bei einer Boyband war nur ein kurzes Zwischenspiel, bevor es wieder ruhig um ihn wurde.

Jeder hat eine Meinung zu ihr

Im Jahr 2011 trat Neuwirth dann wieder bei einer Talentshow an - diesmal mit Perücke und Bart als Conchita Wurst. Immerhin ein sechster Platz war der Lohn. Und die Chance, im gleichen Jahr beim österreichischen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest anzutreten. Dort verpasste er mit seiner Hymne "That's What I Am" nur äußerst knapp den Sieg.

Seitdem ist Conchita Wurst in aller Munde und polarisiert wie kaum eine andere Figur im Showgeschäft. Jeder hat eine Meinung zu ihr, und die ist nicht immer nur positiv. Entsprechend gepoltert wurde auch, als der ORF Wurst direkt für den Eurovision Song Contest in Kopenhagen nominierte. Aufgebrachte Österreicher starteten einen Shitstorm auf Facebook, der aber recht bald wieder verstummte.

Doch auch im Osten Europas regte sich Unmut: In Weißrussland und Russland wurde per Petition versucht, den Auftritt von Conchita Wurst beim ESC zu unterbinden - ohne Erfolg. Die Künstlerin selbst nahm das alles gelassen, auch die homophoben Äußerungen des diesjährigen armenischen Vertreters Aram Mp3, die dieser später kleinlaut zurückzog.

Er hat sich durchgesetzt

Der Song "Rise Like a Phoenix", mit dem Conchita Wurst beim Semifinale am Donnerstag die Kopenhagener Arena zum Kochen brachte, kann auch als das Lebensmotto von Thomas Neuwirth verstanden werden. Er hat sich durchgesetzt, ist aus der Verzweiflung und Unsicherheit seiner Jugend aufgestiegen zum gefeierten Star wie Phoenix aus der Asche.

Heute ist Conchita Wurst eine selbstbewusste Frau. Dabei ist sie mehr als eine Transe mit einer hervorragenden Stimme. Denn Neuwirth will mit der Figur ein Zeichen setzen: "Ich möchte der Welt zeigen, dass man sein kann, wie man möchte. Und wenn man niemandem wehtut, kann man sein Leben leben, wie man das will, ohne dafür angefeindet und diskriminiert zu werden. Es ist nämlich Wurst wie man aussieht und woher man kommt. Es geht einfach nur um die Persönlichkeit."

Dass er dabei auch noch die Massen so perfekt unterhält wie jetzt beim Eurovision Song Contest, ist eine glückliche Fügung, die nur wenigen vergönnt ist.