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Pro & Contra: "Unser Star für Oslo": Führt Stefan Raab Deutschland zum Erfolg?

Nach den Pleiten der letzten Jahre soll Stefan Raab Deutschland beim Eurovision Song Contest wieder zum Erfolg führen. Wird ihm das gelingen? Unbedingt, sagt Ingo Scheel und bestückt schon mal seinen Käseigel. Jens Maier ist skeptisch und weist darauf hin, dass andere Länder den Wettbewerb viel ernster nehmen.

Bestückt schon mal die Käseigel!

Deutschland einig Eurovision-Land? Oder sollte man dem angejahrten Sangeswettstreit hierzulande nicht doch einfach den Stecker aus der Box ziehen? Die ARD hat sich diese Frage auch gestellt. Nach den Desastern der letzten Jahre, als Gesangsdarsteller wie Gracia und Alex C. oder vermeintlich arrivierte Acts wie Texas Lightning und Roger Cicero das Hütchen aufhielten und vergeblich um Punkte bettelten, haben an den Nerven der ARD-Programmdirektoren gezehrt. So sehr, dass man sich mit Stefan Raab Verstärkung von den Privaten geholt hat. Während die einen das als "Hilflosigkeit" abtun, feiern die anderen diese "progressive Entscheidung" - und bestücken im Geiste schon den Käseigel für den Eurovisionsabend am letzten Mai-Wochenende. Und womit? Mit Recht.

Bereits vor zwölf Jahren schickte Raab einen Realschullehrer mit schütterem Haar und Vorliebe für Nussecken ins Rennen um Länderpunkte. Das Resultat: Den guten Guildo Horn hatte nicht nur Deutschland lieb, auch in Europa kam sein Song an und landete mal eben auf dem fünften Platz in Birmingham. Raab nannte sich damals Alf Igel, und der ironische Gruß an den Grandseigneur des Grand Prix, Ralph Siegel, zeigte schon 1998 die Richtung an: Der Raabinator steht auf Wettkampf. Der hat die vielen Zähne, um dem Gegner ins Gesicht zu lächeln. Wer den ehemaligen Metzger bei seiner Erfolgssendung "Schlag den Raab" sieht, weiß längst: Der will nicht nur spielen, der will gewinnen. Ob beim Turmspringen oder Frauenboxen, beim Eisfußball, Stockcar-Rennen oder eben beim traditionsreichsten Wettsingen der Neuzeit, dessen einzige Siegeslorbeeren für Deutschland immer noch in der Siegel'schen Vitrine vor sich hinwelken.

Gleich die erste Folge brachte eine Favoritin

Und so castet Raab zunächst auf ProSieben, demnächst zieht die Karawane weiter in Richtung ARD. Gleich nach der ersten Ausgabe von "Unser Star für Oslo" rauschte schon der Name einer 18-Jährigen durch den Blätterwald, die es möglicherweise besser machen könnte als all die Gracias, Corinnas und Lous zuvor. Lena heißt die Abiturientin aus Hannover und ist jetzt schon ein heißeres Eisen im Feuer des Eurovision Song Contests, als es Alex C. selbst mit einer splitternackten Dita von Teese je gewesen wäre. Dabei geht es Raab, so jedenfalls seine offizielle Version, angeblich gar nicht um den Sieg, sondern nur darum, wieder Begeisterung für den Grand Prix zu entfachen und dem nach einer Nicole-Nachfolge dürstenden Volk endlich einmal wieder einen deutschen Namen auf den Tippzettel zu buchstabieren.

Ob das am Ende nun lediglich ein bisschen Frieden für Schlagerfans bedeutet oder die legitime Siegel-Nachfolge für Stefan Raab - das werden die kommenden Wochen zeigen. Wer es jedoch schafft, ein Millionenpublikum vor die Röhre zu locken, wenn C-Promis in japanischem Kochgeschirr rodeln oder Mitglieder der Kelly Family vom Sprungturm ins Schwimmbecken plumpsen, dem ist durchaus zuzutrauen, auch diesen Elchtest von nationaler Bedeutung zu bestehen.

Die anderen nehmen den Wettbewerb ernster

Viele Länder nehmen den Eurovision Song Contest sehr ernst. Aserbaidschan zum Beispiel ist so ein Land. Insbesondere um Armenien zu übertrumpfen, scheint den Aserbaidschanern jedes Mittel recht. Der Beitrag des verhassten Nachbarn litt im vergangenen Jahr unter merkwürdigen Bildstörungen, die mit dem Auftritt der armenischen Sängerinnen begonnen hatten und bei dessen Ende wieder verschwanden. Seltsamerweise wiederholten sich die Störungen immer dann, wenn die Telefonnummer zur Abstimmung für den armenischen Beitrag eingeblendet wurde. 43 Anrufer aus Aserbaidschan stimmten trotzdem für Armenien. Sie bekamen hinterher Besuch von der Polizei.

Diese Details muss man wissen, wenn Stefan Raab den Grand Prix in Deutschland zu einer "nationalen Aufgabe mit historischer Tragweite" ausruft. Für die deutschen Teilnehmer ist der Song Contest seit Jahren ein Waterloo. Das soll nun anders werden. Doch Raab hat eine schier unlösbare Aufgabe übernommen. Fünf Gründe, warum das Projekt in Oslo scheitern wird:

Erstens:

Nicht die deutschen Zuschauer entscheiden über das Abschneiden, sondern der Rest Europas. Da nützt das Versprechen Raabs, einen Kandidaten zu finden, mit dem das heimische Publikum mitfiebert und hinter dem das ganze Land steht, reichlich wenig. Vielleicht werden ein paar deutsche Urlauber im Ausland für den eigenen Beitrag anrufen, gewonnen ist damit allerdings noch nichts - im Gegenteil. Sollte Deutschland trotz der Mobilmachung scheitern, ist der Katzenjammer hinterher umso größer.

Zweitens: Jeder Beitrag beim Eurovision Song Contest muss live gesungen werden. Drei Minuten vor weltweit hundert Millionen Fernsehzuschauern zu bestehen ist selbst für gestandene Sänger eine große Herausforderung. Es ist eher unwahrscheinlich, dass ein unbeleckter Castingkandidat bis zum Finale im Mai genügend Routine sammeln kann. Und es ist ein Fehler zu glauben, dass die Zuschauer und Jurys über den ein oder anderen musikalischen Fehler hinwegsehen, wenn der Kandidat nur authentisch rüberkommt. Falsche Töne werden sofort abgestraft, siehe Gracia 2005 oder die No Angels 2008.

Drittens:

Andere Länder werfen die geballte Kompetenz der größten heimischen Musikstars in die Wagschale. Im vergangenen Jahr schickte Frankreich Patricia Kaas und Großbritannien Andrew Lloyd Webber zum Grand Prix, beide belegten vordere Plätze. Russland gewann im Jahr zuvor mit dem dort gefeierten Pop-Star Dima Bilan. Sicherlich sind Stars keine Erfolgsgarantie. Sie helfen aber ungemein, die internationale Aufmerksamkeit zu erhöhen. Das Interesse an einem bis dato selbst in Deutschland unbekannten Sänger dürfte hingegen eher gering ausfallen.

Viertens:

Geld spielt inzwischen auch beim Song Contest eine entscheidende Rolle. Zehn Millionen Euro soll der Auftritt der Ukrainerin Ani Lorak im Jahr 2008 gekostet haben - sie erreichte Rang zwei. Perfekte Choreographie und einzigartige Showeffekte kann man kaufen. Die Kommerzialisierung mag beklagenswert sein, ähnlich wie im Fußball ist sie aber kaum aufzuhalten.

Fünftens:

Andere Länder nehmen den Wettbewerb sehr viel ernster als wir. Das eingangs erwähnte Beispiel Aserbaidschans beweist: Gerade kleinere Staaten und Ostblockländer messen dem Eurovision Song Contest eine Bedeutung bei, wie sie für uns 1954 der Gewinn der Fußball-WM hatte. Für junge Staaten wie Moldau oder Armenien ist es die einzige Möglichkeit, ihren Nationalstolz zu transportieren. In Deutschland mag eine schlechte Platzierung eine Woche lang die Boulevardblätter füllen, Grund zur nationalen Trauer ist es aber nicht. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass es auch Länder gibt, denen der Wettbewerb noch gleichgültiger ist als uns: Österreich und Italien nehmen schon seit Jahren nicht mehr teil.

Stefan Raab weiß das alles. Mit etwas Glück schafft er es, die angepeilte Platzierung unter den ersten zehn zu erreichen. Es wird verdammt schwer werden.