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Volker Beck im Interview: Wie gefährlich ist Moskau für Schwule?

Zeitgleich mit dem Eurovision Song Contest wollen Homosexuelle in Moskau für mehr Rechte demonstrieren. Im Interview mit stern.de spricht der Bundestagsordnete der Grünen, Volker Beck, über die Menschenrechtssituation in Russland und die Gefahren für schwule Grand-Prix-Touristen.

Herr Beck, Sie haben bereits 2006 und 2007 in Moskau an Demonstrationen für mehr Rechte von Schwulen und Lesben teilgenommen. Vor drei Jahren wurden Sie dort von Rechtsradikalen unter den Augen der Polizei blutig geschlagen. Halten Sie ähnliche Szenen auch dieses Mal für möglich?

Grundsätzlich hat sich an der Situation für Schwule und Lesben in Russland nichts geändert. Homosexualität ist dort stärker abgelehnt, als wir das sonst kennen. Und die Miliz ist Teil des Problems statt Teil der Lösung.

Viele schwule Touristen - auch aus Deutschland - sind in der Stadt, weil zeitgleich der Eurovision Song Contest stattfindet. Sollten diese sich an der Demonstration beteiligen?

Das muss jeder für sich entscheiden, ich kann da niemandem einen Rat geben. Wer teilnehmen will, sollte allerdings wissen, dass die Gefahr besteht, verhaftet oder verprügelt zu werden. Deshalb empfehle ich dringend, vorher die Deutsche Botschaft zu informieren und sich mit der Notfallnummer zu versorgen.

Müssen schwule Grand-Prix-Besucher auch an anderer Stelle mit Übergriffen rechnen?

Während der Veranstaltung sicher nicht. Wenn jemand in der Halle eine Regenbogenfahne hoch hält, wird wohl nicht viel passieren. Vielleicht werden die Kameras abgeschaltet. Ich glaube nicht, dass die Sicherheitskräfte sich vor Millionen Fernsehzuschauern die Blöße geben werden, brutal einzugreifen.

Auch die Bundesregierung hat sich nach einer Anfrage mit der Sicherheit der homosexuellen Grand-Prix-Besucher in Moskau beschäftigt. Was sagt Berlin dazu?

Leider viel zu wenig. Die Bundesregierung hat sehr ausweichend geantwortet, weil sie sich seit jeher scheut, die Frage der Menschenrechte und des Demonstrationsrechts bei der russischen Regierung offen anzusprechen.

Im Vorfeld haben sich mehrere Sänger als homosexuell geoutet, unter anderem der deutsche Teilnehmer Oscar Loya. Erwarten Sie von denen besondere Unterstützung?

Grundsätzlich sind Menschenrechte nicht nur Sache der Schwulen, deshalb erwarte ich von allen Teilnehmern Zivilcourage und Unterstützung. Die holländische Band "The Toppers" hat zum Beispiel angekündigt, ihre Teilnahme am Samstag abzusagen, falls es bei Demonstrationen zu Übergriffen kommt. Das ist vorbildlich!

Was können Teilnehmer noch tun?

Die Grand-Prix-Bühne ist sicherlich eine gute Gelegenheit, Sichtbarkeit herzustellen, zum Beispiel mit einem T-Shirt oder einer Flagge.

Allerdings verbietet das Reglement politische Äußerungen auf der Bühne

Menschenrechte stehen über der Politik. Und die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe ist ja wohl nicht politisch, oder?

Interview: Jens Maier