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Johnny Cash: Man in Black

Gottesfurcht und Drogensucht. Country und Punk. Rebellion und Romantik. Knastauftritt und Shakehands mit Präsidenten: Im Leben des Sängers Johnny Cash passte das alles zusammen. Er war die zornigste Stimme Amerikas - und die ehrlichste

Willie Winkler

Nun gibt es kaum ein verlogeneres Gewerbe als die Countrymusik. Männer- und auch Frauenstimmen alterieren sich zu Geigenschmalz und Gröbstgefiedel über verlorene Liebe und vergangenes Glück und finden Ruhe und Frieden nur daheim auf der nach Vorvätersitte bestellten Scholle. Nur dort, wo sich Büffel und Geißbock im ebenso falschen Diskant gute Nacht sagen, ist die Welt noch in Ordnung. Auf dem Land, das will uns der Sänger mit der einschmeichelnden Stimme eines hochbetagten Katers, dem eben der Dreschflegel über den Schwanz gezogen wurde, sagen, nur auf dem Country gibt's koa Sünd'.

Dieses himmelschreiende Gemähre wird als immergrüne Botschaft Jahr für Jahr millionenfach über eine trostlos unwirtliche Großstadt namens Nashville ins Land hinausgejodelt und wie alle schwachsinnigen Botschaften vom hungernden Volk empfangen, als wär's das lang entbehrte Manna vom Himmel. Country ist eine maßlos erfolgreiche Industrie, die, um weiter erfolgreich zu sein, zwei Irrlehren auf keinen Fall dulden kann: Humor und heiligen Ernst.

Fromm ist der Landmann, glaubt felsenfest an Gut und Boden, vor allem aber an Gott, dem er seine Seele, aber auch sein irdisches Geschick anempfiehlt. Johnny Cash kam in Gottes ureigenstem Land, im waldreichen und weltfernen Arkansas, im Jahre des Herrn 1932 zur Welt. Einer seiner Vorfahren, so will es eine fromme Legende, war ein schottischer Kapitän, der Pilger über den Atlantik beförderte. Fünf Kinder waren es zu Hause, und wie die anderen teilte er sein frühes Leben in Arbeiten, Singen und Beten. Das Singen, wird er später sagen, habe ihm die Arbeit auf den Feldern erleichtert, die vielleicht biblisch (nicht etwa: himmlisch) einfach, aber desto anstrengender war. Als wär's immer noch "Onkel Toms Hütte", mussten die Kinder mittun beim Baumwollpflücken, mitleiden, wenn die Ernte wegen Trockenheit ausfiel, und mitsingen, wenn Gott allein noch helfen konnte aus dieser tiefen Not.

Die Rettung brachte aber schließlich die Air Force. Soldat. In Landsberg am Lech war John R. Cash als Funker stationiert und empfing am 5. März 1953 angeblich als Erster die Nachricht, dass drüben in Moskau der Große Bruder Stalin gestorben war. Vor allem eine Gitarre kaufte er sich, der brave Soldat, und trat damit in bayerischen Wirtschaften auf. "Wenn ich auftrete, ist die Art, die Farbe und der Preis der Gitarre bedeutungslos", schrieb er später in der Beilage zu seiner CD "American Recordings" (1994). "Es kommt nur darauf an, dass die Gitarre und ich eins sind. Ich brauche das Gefühl, dass der Klang der Gitarre beim Singen aus mir herauskommt, aus den Eingeweiden. Dass ich nur zwei oder drei Akkorde weiß, ist völlig wurscht." Profis wie Keith Richards können stundenlang darüber perorieren, wie sparsam Cash seine Gitarre und seine Stimme einsetzt. Immer ist es haargenau richtig. Ein bedingungsloser Minimalist, der auf die Basslinie im Hintergrund und sonst ausschließlich auf seinen Bariton vertraute, der ihm fast bis zuletzt erhalten blieb. Wir müssen uns Johnny Cash als den letzten Mystiker in der durch die Industrialisierung zu Tode geschundenen Popmusik vorstellen. Außerdem besaß er neben Elvis und Roy Orbison die schönste Männerstimme.

Im Bildungsprogramm der Landsberger Kaserne lief eine Dokumentation über die Zustände in amerikanischen Gefängnissen, und Cash schrieb - ohne je eine Zelle von innen gesehen zu haben - den "Folsom Prison Blues" und darin seine berühmtesten Zeilen: "I shot a man in Reno/Just to watch him die". das klang tapfer jugendlich und kraftmeiernd und wird ihm später die Bewunderung der Punks und Gangsta Rapper eintragen. Von einem Aufenthalt in der Ausnüchterungszelle abgesehen, musste dieser Mann nie selbst ins Gefängnis. Dafür war er viel zu gesetzestreu und gottesfürchtig. Allerdings begab er sich gern freiwillig dorthin. Er konnte aussprechen, was andere bewegte. Bei jeder Live-Aufnahme aus einem der Gefängnisse, in denen Cash später auftrat, hört man den Jubel bei diesen Zeilen. Der Mann wusste, wovon er sang: vom Leben. Für die einen ist es Mord- und Totschlag und lebenslänglich, die anderen sind schon mit dem nackten Überstehen überfordert.

In Memphis lernte er Elvis, Carl Perkins und Jerry Lee Lewis kennen, er heiratete und begann eine handelsübliche Karriere. Es hätte alles so schön weitergehen können, wenn er nicht eines Tages June Carter getroffen hätte. Die kam aus der Carter Family, die fast ganz allein die Folk-Tradition der USA weitergetragen hat. (Bob Dylan nennt sie noch heute als eine wesentliche Inspiration. ) Cash passte gar nicht dazu, die blutrünstigen Geschichten, die er zu erzählen hatte ("nur um ihn sterben zu sehen"), waren kein traditionelles Liedgut, sondern aktuelle Seelenpein. Auch wenn seine Texte häufig nicht zu unterscheiden sind von dem, was unter dem marktgängigen Geschrammel und Gedudel vorgetragen wird, ist es immer sein Leben. Selbst seine lang anhaltende Liebesgeschichte mit June ist ein Country-Song, und natürlich hat er ihn sich gleich selbst geschrieben: "Jackson".

"We got married in a fever", sangen sie später im Duett, doch dauerte es sechs Jahre, bis beide sich aus ihrer jeweiligen Ehe herausgelöst hatten und zusammenfanden. In diesen sechs Jahren waren sie das prominenteste Ehebrecher-Paar von Nashville, wobei die Todsünde vielleicht abgebüßt wurde durch den kaum weniger bescheinwerferten Umstand, dass June Carter an Cashs Seite ihren Zweitberuf der Krankenschwester von der Pike auf erlernte. Drogen. Johnny Cash war süchtig. Wie alle fahrenden Musikanten, die den Tournee-Druck sonst nicht ertragen hätten, warf er alle jeweils kurrenten Tabletten ein. In El Paso nahmen sie ihn 1967 auf dem Flughafen fest wie einen Verbrecher, dabei war er nur ein Sünder, schwach, weil er doch der unbändigen Kraft der Dexedrin- und Equanilpillen so sehr bedurfte, die er deshalb in seinem Gitarrenkoffer mit sich führte. Ohne Amphetamin ging es nicht mehr, aber auch nicht ohne June. Im Jahr darauf folgte ein erster, halbwegs ernsthafter Drogenentzugsversuch. Er zog sich in ein Holzhaus zurück und ging 30 Tage lang die Wände hoch. Der Arzt schaute jeden Nachmittag nach ihm und kontrollierte den Fortschritt. Da war keiner. Wo sind sie?, fragte der Arzt, und endlich warf Johnny Cash seine Pillen weg, holte jede einzelne aus dem Versteck und wurde endlich halbwegs gesund. Man in Black. Johnny Cash kommt von weither, und womöglich sogar aus der Unterwelt. Einen Vorschein davon gab 1955 Robert Mitchum, der in Charles Laughtons Film "Die Nacht des Jägers" schwarz gewandet einen Prediger zum Fürchten gibt. Auf seine Finger hat er links und rechts die Buchstaben für LOVE und HATE tätowiert; dazwischen gibt es nichts. Er ist gekommen zum großen Weltabräumen. Warum schwarz? Die Kerle in Nashville "trugen alle falsche Perlen, Strass, flimmernde Hosen und blinkende Cowboystiefel, das ganze Zeug" , Johnny Cash wollte nicht glitzern, sondern predigen. Vom Jüngsten Gericht, von Strafe und Erlösung. Von der Sünde. Das sind die klassischen Themen, steinbrockenschwer vom Pathos, aber es ist komisch: Bei Johnny Cash lacht keiner, denn ihm ist ernst damit.

So besessen war er von seinem selbst gestellten Auftrag, dass er eine, seine Biografie des Apostels Paulus zusammenstellte. Wie der Völkerapostel wollte auch Johnny Cash als Missionar wirken, den Menschen von seinem sündigen Leben und dann seiner Umkehr berichten. Seine Musik konnte einen erlösen. Für alle anderen Fälle hielt sich am Bühnenrand ein Pfarrer bereit, den man in Zweifelsfällen gern bemühen durfte.

In der verlogensten Branche auf Gottes weitem Erdboden wirkte allein dieser Mann glaubwürdig, der sich zu den Mühsamen und Beladenen herabbeugte und sang, als wäre er einer von ihnen, als hätte er selbst wegen Mordes im Gefängnis gesessen oder vor gar nicht so langer Zeit eine Bank überfallen. Johnny Cash trat auf wie einer von den Outlaws, die so grimmig vom billigen Druck auf den Steckbriefen herunterlächelten. Das war sein Image, aber er brauchte dieses Bild gar nicht zu spielen. Er blieb der verlorene Sohn, der aus der Heimat vertrieben ist und ruhelos in der Fremde umherzieht. so wäre der tiefreligiöse Mann, der einen der härtesten Sätze in der ganzen Popmusik verantwortet, der ideale Friedensrichter gewesen: ein trockener Alkoholiker, ein immer wieder strauchelnder ehemaliger Süchtiger, ein Heiliger für die letzten Tage. In diesem waffenversessenen Land, das er liebte wie nur ein Amerikaner, plädierte er gegen die Lynchjustiz und gegen die Knarre ("Don't Take Your Guns To Town"). Dieses Lied handelte von ihm und doch wieder von allen. Es geht um den Farmerbuben Billy Joe, der das Land verlässt: "Er zog andere Sachen an, wienerte seine Schuhe, schmierte sich Gel in die Haare und brach auf in die Stadt." Das hätte er nicht tun sollen. Den Fehler machte Johnny Cash auch, aber gleichzeitig war der Fehler unvermeidlich. Wie ein Moritatensänger zog Johnny Cash deshalb umher, um seine weit verstreuten Jünger vor dem Unheil zu warnen, das er bereits erlebt hatte und allen anderen noch bevorstand.

Das konnte nicht gut gehen. Bob Dylan besuchte ihn. Cash hatte sich für ihn eingesetzt, als man Dylan zum ersten Mal Verrat an der Folkmusik vorwarf. Kris Kristofferson gab er die erste Chance. Das war die Drogenzeit: "Er glitt über die Bühne wie ein Panter. Er sah aus, als würde er gleich explodieren. Manchmal kam es auch so weit, dann hat er sämtliche Scheinwerfer am Bühnenrand ausgetreten, dafür bekam er dann Hausverbot in der Grand Ole Opry." Cash sang mit auf Dylans "Nashville Skyline", Dylan ging in die Show, die Cash mittlerweile im Fernsehen veranstaltete. Cash trat in San Quentin auf und schaute bei dem Mann vorbei, dem keiner einen Gebrauchtwagen abkaufen wollte und der es dennoch zum Präsidenten gebracht hatte: Richard Nixon. comeback. Die Sucht war er los, aber seine Musik wurde immer schlechter. Er war auf dem besten Weg nach Nashville. Auf Wunsch der Plattenfirma Columbia sollte seine Karriere 1986 zu Ende sein. Er war nicht mehr vermittelbar, gab angeblich nichts mehr her für die Jungen; zu wenig Markt-Appeal. "Ich tanze nicht, ich erzähle keine Witze, ich trage auch keine zu engen Hosen, aber ich kenne 1000 Songs."

Da meldete sich eines Tages Rick Rubin bei ihm und ließ ihn diese 1000 Songs singen. Alle. Einen nach dem andern. Nur singen und dazu die Gitarre. Kein Geschmalz und Gedudel. Kein Nashville, nur Country. Rubin hatte mit den Red Hot Chili Peppers gearbeitet und sich jetzt in den Kopf gesetzt, aus Johnny Cash, den die Musikindustrie ausgespuckt hatte, endgültig einen Star zu machen. In einer gemeinsamen Anzeige an die leitenden Herren der Musikindustrie zeigt Johnny Cash den Bossen den Stinkefinger. Was brauchte er sie, er war der Mann in Schwarz?

Wie konnte er aufgeben, er war Johnny Cash? "I Won't Back Down." Tom Petty hat das Lied geschrieben, aber es ist seins geworden. Er gab nicht auf: Diabetes, Asthma, ein fehldiagnostiziertes Parkinsonähnliches Leiden - er sammelte zuletzt alles ein, was es an Krankheiten nur gab. Nie war sein Ruhm größer. Er konnte längst nicht mehr auftreten, er hatte Tourneen abgebrochen und dann ganz abgesagt, und selbst zu den Aufnahmen, zu denen ihn Rick Rubin bis in die letzten Wochen eisern anhielt, konnte er nur im Rollstuhl befördert werden. Zwischen den Takes musste er sich hinlegen, doch wenn er sich wieder stark genug fühlte, sang er weiter, probierte es ein weiteres Mal, nahm das Gesangsbuch seiner längst verewigten Mutter auf. Gospel, wie es schauriger, hinterwäldlerischer, frömmer und aufrichtiger kaum geht. Der Mann musste alles immer ganz machen. Warum, Johnny?

Gott. Ja, Gott. Johnny Cash war ein gläubiger Mann. Einen herzensfrommeren Mann hat dieses hundsgemeine, sacharingetriebene Gewerbe nie erlebt. Der gut katholische Ire Bono von U2 war dann doch erstaunt, als man sich am Tisch zu Hause bei Cash vor dem Essen und Brotbrechen verneigte und einen Segen sprach und dankte für das Mahl. Gott hatte seine Sünden gesehen und seine Qualen, und Gott hatte ihn wieder herausgeführt aus dem Tal der Tränen. Gott hatte ihn nicht sterben lassen, auch dann nicht, als er sich systematisch umbringen wollte mit seiner Sucht. Gott liebte seinen Johnny. zum Schluss war er sauber, jahrelang. Kein Speed mehr, keine Schmerzmittel trotz der Schmerzen, nur noch die Arbeit. Und doch, kläglich, das Eingeständnis in dem Triumph über die Abhängigkeit: "Mir fehlen die Drogen." Er war ein Sünder und blieb es, so lange er nur konnte.

In "Columbo" hört man ihn einmal im Hintergrund "I Saw The Light" singen, worauf jemand zu ihm sagt: "Ein Mann, der so singen kann wie Sie, kann nicht ganz und gar schlecht sein." Im Mai 2003 starb June Carter Cash nach einer Herzoperation. Ihr fiebernder Geliebter hat sie nur um vier Monate überlebt. Im Himmel, heißt es, herrsche mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte, die ohnehin auf dem geraden Weg dorthin gelangt sind. Cashs Weg nahm alle nur möglichen Umwege.

Größe. Groß war die Sünde, in der Cash sein Leben zubrachte, größer noch die Musik, die dabei und deswegen entstand. Wie groß muss erst die Freude hoch da droben gewesen sein, als Johnny Cash vor einem Jahr an die Himmelspforten klopfte und Einlass begehrte nach einem Leben voller Müh' und Plag'? Er hat das Licht gesehen, die Wahrheit und das Leben.

In den USA wollen sie jetzt Ronald Reagan zur Ehre eines Felsenkopfes am Mount Rushmore erheben. Bei aller Liebe zu großen Präsidenten sollte man doch der Gerechtigkeit nachgeben und auf Kris Kristofferson hören, der für diese Ehre Johnny Cash vorgeschlagen hat. Auch wenn er gestorben ist, so singt er doch weiter: "The ring of fire, the ring of fire, the ring of fire ..."