Joss Stone Blonder Engel, schwarze Stimme


Sie klingt, als hätte sie ein langes, wildes Leben hinter sich - und dabei ist sie gerade mal 16 Jahre alt: Die Engländerin Joss Stone wird als neue Göttin des Soul gefeiert.

Wer den wahren Soul singen will, so eines der dümmsten, aber auch hartnäckigsten Musikerklischees, den muss das Leben zuvor behandelt haben wie einen Aussätzigen. Eine Biografie mit einer überwundenen Drogensucht ist günstig, eine Anzahl Scheidungen vorteilhaft, eine zu Tränen rührende Ghetto-Kindheit Mindestvoraussetzung. Das ist auch der Grund, weshalb die Sängerin Joss Stone das Popgeschäft zurzeit in eine ebenso große Jubelhysterie wie Glaubenskrise gestürzt hat.

Die 16-jährige Engländerin

ist aufgewachsen in dem beschaulichen Nest Devon, hat in ihrem Leben vermutlich noch nie an einem Joint gezogen und will sich für ihren späteren Traummann aufsparen. Das alles wäre nicht weiter erwähnenswert, wäre Joss Stone nicht auch noch mit einer rauen, schwarzen Soulstimme gesegnet, die die "New York Times" bereits mit der von Norah Jones und Alicia Keys verglich. Übertreibung? In diesem Fall sollte man sich ruhig noch ein Stückchen weiter aus dem Fenster hängen: Joss Stone ist das vielleicht größte Stimmwunder der Popwelt, seit Whitney Houston in den frühen achtziger Jahren in einem New Yorker Nachtclub entdeckt wurde.

Ihr in diesen Tagen erscheinendes Debütalbum "The Soul Sessions" ist eine Sammlung obskurer, relativ unbekannter Siebziger-Jahre-Soulsongs von den Isley Brothers, Laura Lee und Aretha Franklin, die Joss Stone erstaunlich souverän interpretiert. So wie Norah Jones vor zwei Jahren den Kaffeehaus-Jazz zum weltweiten Siegeszug geführt hat, so könnte jetzt Joss Stone dem Soul der Siebziger zur kleinen Renaissance verhelfen. Doch das Schicksal, dass ihre Musik als Dauerschleife in Kaufhausfahrstühlen und Hotellobbys gespielt wird, bleibt Joss Stone wohl im Gegensatz zu Norah Jones erspart. Zu klein, zu kantig, zu traurig sind ihre Lieder, zu wenig glatt poliert für den hitparadentauglichen Radioeinsatz.

Es ist zwei Jahre her, dass der amerikanische Musikmanager Steve Greenberg, der bereits die Teenie-Band "The Hansons" groß gemacht hatte, die Sängerin bei einem Nachwuchswettbewerb entdeckte. Es folgten ein paar kleine Konzerte, dann veröffentlichte Joss ihre CD in den Staaten. Die kletterte zwar nicht an die Spitze der Charts, gab aber den Vorgeschmack auf ein großes Talent, von dem inzwischen jeder ein Stück abhaben will: Die Softpopper Simply Red nahmen Joss Stone mit auf Tournee, Soul-Altmeister James Brown lud zum Duett, und der Don Juan des Rock, Lenny Kravitz, kündigte vor kurzem an, er sei so begeistert, dass er Songs für Joss Stone schreiben wolle. Und so soll deren zweite CD auch schon in diesem Herbst folgen.

Eine Anti-Diva will sie sein, ein ganz normales Mädchen bleiben, sagt sie. Natürlich wohnt sie noch zu Hause in ihrem alten Kinderzimmer, und wenn sie auf Reisen geht, wird sie von ihrer Mutter Wendy begleitet, die gleichzeitig ihre Co-Managerin ist. Als ihre Plattenfirma sie kürzlich mit einem Erste-Klasse-Ticket über den Atlantik schicken wollte, lehnte Joss ab, weil sie nicht wollte, dass man so viel Geld für einen einzigen Flug ausgibt. Was sie so von sich gibt, erinnert zuweilen verdächtig an den Werbeslogan einer hiesigen Diätmargarine. Und tatsächlich sagt Joss Stone ein paar Augenblicke später: "Das Wichtigste ist für mich, dass ich so bleibe, wie ich bin."

Wer ihr gegenübersitzt, sieht ein schnell gewachsenes Mädchen, das sich noch nicht richtig wohl zu fühlen scheint in seinem Körper. Auf dem Tisch steht eine Schale voller Smarties, die Joss Stone gierig in sich hineinstopft, als wäre sie auf einem Kindergeburtstag. Sie verknotet die Beine ineinander, rutscht auf ihrem Stuhl hin und her, als müsste sie dringend zur Toilette.

"Die Leute scheinen zu glauben, man müsste täglich verprügelt werden, um mit Gefühl zu singen", sagt sie, "ich finde, es reicht schon, Teenager zu sein. Da sind die Gefühle größer als jemals sonst im Leben." Solche Sätze klingen wie rosarote Poesiealbum-Romantik. Man glaubt sie allerdings, wenn man Joss Stone singen hört.

Inzwischen ist die Geschichte vom Soul-Wunderkind sogar bis ins Weiße Haus gedrungen - zweimal bereits hat George W. Bush die Sängerin eingeladen. Eingeschüchtert war die 16-Jährige vom mächtigsten Mann der Welt anscheinend aber nicht. Als der Präsident sich vor ihr aufbaute, begrüßte sie ihn mit den schönen Worten: "Hi, George, was geht bei dir denn so ab?"

Hannes Ross print

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