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Justin Biebers Erben: Das Erfolgsrezept der neuen Youtube-Stars

Justin Bieber war gestern: Längst rücken neue Stars über Youtube nach - und pfeifen auf traditionelle Vertriebswege und Plattenverträge. Ein ganz besonderer Trick macht's möglich.

Von Jens Wiesner

Wer Popmusik sagt, denkt zuallererst an Katy Perry, Robbie Williams oder Lady Gaga. Bei den älteren Semestern blitzen vielleicht noch die Namen Michael Jackson, Madonna oder Prince auf. Aber haben Sie schon einmal von Tyler Ward gehört? Von Sam Tsui, MattyB oder Tiffany Alvord? Nein?

Dabei sind die jungen Musiker längst feste Größen im Musikbusiness - und doch hat man ihre Songs im Radio noch nie gehört. Doch auf Youtube folgen ihnen Millionen: Die Zugriffszahlen dieser Clips liegen oft im zweistelligen Millionenbereich. An der besonderen musikalischen Qualität kann es nicht liegen: Bei den Songs handelt es sich fast ausschließlich um seichte Pop-Cover, im Vordergrund stehen Herzschmerz und Beziehungssorgen. Doch die Art, wie Tyler Ward und Co. ihre Musik unters Volk bringen, ist revolutionär: Ähnlich wie einst Justin Bieber reichte ihnen ein Konto auf der weltgrößten Videoplattform aus, um Weltruhm zu erlangen. Im Gegensatz zu The Biebs, der längst ins Lager der großen Plattenfirmen gewechselt ist, pfeift die neue Pop-Avanguard allerdings auf Plattenverträge und Zwischenhändler.

Ein Cover zur rechten Zeit...

Die jungen Musiker vermarkten sich selbst - als Stars zum Anfassen. Beziehungsweise zum Anchatten. Via Youtube, Skype, Twitter und Co. halten sie direkten Kontakt mit ihren Fans - und die bedanken sich mit Klicks. Der Vorteil: Alle Erlöse, die durch auf Youtube geschaltete Werbung oder Product-Placement-Deals zustande kommen, landen direkt bei ihnen. Und das kann sich schnell läppern. Nehmen wir den monatlichen Verdienst des elfjährigen Kinderrappers MattyB. Dessen Kanal, den über 2,1 Millionen Menschen abonniert haben, wirft nach Schätzungen der Youtube-Statistikseite Socialblade zwischen 14.000 und 140.000 US-Dollar monatlich ab. Und das allein durch Youtube-Werbeeinnahmen.

Doch um einen solchen Grad an Berühmtheit zu erlangen, um viral zu gehen, braucht es Anschubhilfe. Und die erreichen die geschäftstüchtigen Youtuber mit einem gewitzten Trick: Steht ein bestimmter Song gerade besonders hoch im Kurs - oder kurz vor der Veröffentlichung - bringen sie eine eigene Coverversion heraus und reiten so huckepack auf der Beliebtheitswelle mit. Ist schließlich eine kritische Fanmasse erreicht, können sie ihre eigenen Songs hinterherschieben.

Tyler Ward

Bestes Beispiel: Tyler Ward. Einen Tag, bevor der Erdbeben-Benefizsong "We Are the World 25 for Haiti" veröffentlicht wurde, nahmen Ward und befreundete Musiker im Februar 2010 eine akustische Coverversion des Michael-Jackson-Klassikers auf und stellten es unter dem Titel des mit Spannung erwarteten Liedes ins Netz. Der Durchbruch war geschafft.

Ward ist mit seinen 25 Jahren längst ein Vermarktungsgott. 1,5 Millionen zumeist minderjährige Abonnenten folgen dem aus Colorado stammende Sänger auf Youtube, der mittlerweile ein eigenes Album ("Honestly") veröffentlicht hat und ein wahres Heer befreundeter Musiker um sich geschart hat.

Wards erfolgreichstes Video ist aber - natürlich - ein Cover. Im April 2012 sang er gemeinsam mit Katy McAllister eine Akustikversion der Maroon-5-Single "Payphone" ein und stellte sie kurz nach der Veröffentlichung des Originals online. Mittlerweile (Stand: 26. Februar 2014) kommt das Video auf 23 Millionen Zugriffe.

Tiffany Alvord

Auf eine vergleichbare Reichweite kommt Wards Kollegin Tiffany Alvord. Knapp 1,8 Millionen Youtuber folgen der 1992 in Kalifornien geborenen Künstlerin, die mit 15 ihren ersten Song auf der Videoplattform veröffentlichte. Seitdem ist viel passiert: 365 Millionen mal wurden alle Clips auf ihrer Seite zusammengerechnet angesehen, allein 25 Millionen Zugriffe verzeichnet ihr Cover zu "The One That Got Away" von Katy Perry. Doch mittlerweile ist die poppige Singer/Songwriterin auch mit selbst geschriebenen Liedern erfolgreich - ihr beliebtester Song aus eigener Feder, "Baby, I Love You", kommt auf 6,2 Millionen Zugriffe.

Mittlerweile hat die 21-Jährige bereits mehrere Platten aufgenommen und wurde sogar zur Neujahrsfeier 2013 auf dem New Yorker Times Square eingeladen, wo sie vor knapp zwei Millionen Menschen spielte. Einen Plattenvertrag hat sie weiterhin nicht.

Sam Tsui und Kurt Hugo Schneider

Wer schon bei den Zahlen von Tyler und Alvord mit den Ohren geschlackert hat, sollte bei Sam Tsui zum Riechsalz greifen. Fast 76 Millionen Zugriffe verzeichnet allein sein Cover zu Nellys "Just A Dream", das der 24-Jährige im November 2011 mit Musikerkollegin Christina Grimmie einstellte. Der Durchbruch war Tsui, der in der Regel über den Youtube-Account seines Freundes und Videoproduzenten Kurt Hugo Schneider veröffentlicht, bereits im Jahr zuvor gelungen - mit einem Michael-Jackson-Medley (Aufrufe bislang: 31,8 Millionen).

MattyB

Der aktuelle König der neuen Youtube-Stars ist gleichzeitig ihr jüngstes Kind: Der Kanal MattyBRaps verzeichnet 2,1 Millionen Abonnenten und 818 Millionen Videoaufrufe insgesamt - dabei ist Matthew David Morris gerade erst elf Jahre alt. Seinen Song "Don't Call Me Baby", eine Parodie auf Carly Rae Jepsens "Call Me Maybe", wurde bereits 87,5 Millionen Mal angeklickt - obwohl er erst vor knapp zwei Jahren veröffentlicht wurde. Damit gilt MattyBRaps als momentan klickstärkster unter den jungen Youtube-Stars - und schafft es locker in die Top 100 der wichtigsten Musikchannels auf Youtube überhaupt (Platz 60).

Zum Vergleich: Rihanna führt diese Liste derzeit an - mit 4,7 Milliarden Gesamtabrufen und 13 Millionen Abos. Justin Bieber, der Youtube-Stern der ersten Generation, folgt mit 8,8 Millionen Abos und 4,5 Milliarden Videoaufrufen knapp dahinter auf Platz drei. Doch sie alle haben längst eine riesige Maschinerie im Rücken, die wohl geölt und finanziert werden muss. Ward, Alvord und Konsorten haben es aus eigener Kraft ganz nach oben geschaft - und müssen ihre Erlöse nun mit niemandem teilen.

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