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Klezmer: Lieder aus einer düsteren Zeit

Brave Old World ist eine der besten Klezmer-Gruppen der Welt. Mit ihrer CD "Song of the Lodz Ghetto" hat sich das Quartett einem traurigen Thema genähert - mit viel Fingerspitzengefühl.

Aus dem Ghetto überlieferte Lieder der Zeit zwischen 1940 und 1944 sind von der Klezmer-Gruppe Brave Old World in ein musikdramaturgisches Programm umgesetzt und in dieser Form erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgeführt worden. Die Lieder wurden von der Ethno-Musikwissenschaftlerin Dr. Gila Flam mit Hilfe von Holocaust-Überlebenden gesammelt. Ihre Nachforschungen und die Zusammenarbeit mit Brave Old World bildeten die Grundlage für diese CD. Straßen- und Volkssänger sind die Urheber, während die bekanntere Musik aus den Ghettos von Wilna, Warschau oder Krakau vielfach von anerkannten Dichtern und Komponisten stammt.

Die vier Musiker von Brave Old World gelten als eine der wenigen Gruppen die im Sinne und Stil der alten Traditionen vorgehen. So entstehen keine Brüche wenn sie eigene jiddische Lieder und Kompositionen mit Liedern aus Lodz und traditionellen jüdischen Melodien aus Polen verweben.

Täglich droht der Tod

"Dus gezang fin Geto Lodzh" gibt ein erschreckendes Bild vom erbärmlichen Leben und täglichen Tod in dieser dunklen Zeit. Die Texte sind beunruhigend und herausfordernd, aber auch satirisch und erbaulich. Die Mehrzahl der eingespielten Werke stammt von Yankele Herszkowicz, dem bekanntesten Volkssänger des Ghettos. Sein "Rumkovski Khayim" ist ein Meisterwerk kaum verhüllter sozialer Kritik und Doppelbedeutung, und hat nur den Anschein einer Lobeshymne auf Chaim Rumkowski, dem Judenrat des Ghettos von Litzmannstadt - tatsächlich ist das Lied ein wütender Aufschrei. In einer Aufnahme von 1985 singt Ya'akov Rotenberg Teile davon zu Beginn der CD.

Rührt "A gants fayn mazltov" mit einer Polka noch an der Shtetl-Romantik, folgt mit "Nisht nor simkhe" sogleich ein Lamento auf den Krieg. Sehr sarkastisch setzt sich dann "Val ikh bin a yiddele" mit jüdischen Kriegs-Schicksalen auseinander. "S'iz kaydankes, kaytn" hat den moralischen Verfall in Notzeiten zum Thema, ebenso "Yikhes", und "Makh tsi di eygelekh" ist ein düsteres Wiegelied. "Es geyt a yeke" - es geht ein deutscher Jude, ist ein kleiner dramatischer Höhepunkt - mit einem bösen Zitat auf die Vertonung von Schillers "An die Freude" in Beethovens 9. Sinfonie. Die Zeit war keine fröhliche, und so sind es die Lieder auch nicht: "Geto, getunya" beschreibt die harten Lebensumstände im Ghetto.

Vorzüglich editiertes Booklet

Wer Klezmer ausschließlich mit traditioneller Festmusik der Juden Osteuropas in Verbindung bringt, wird bei diesem, mit einem vorzüglich editiertem Booklet versehenen Album überrascht sein. Aber Brave Old World werden in die sie gestellten hohen Erwartungen absolut gerecht. Und dass die Lieder nicht vollends in Vergessenheit gerieten, ist nicht zuletzt das Verdienst von Dr. Flam, selbst Tochter von polnischen Holocaust-Überlebenden. Der Volkssänger Yankele Herszkowicz überlebte das Vernichtungslager Auschwitz und kehrte nach Kriegsende nach Lodz zurück, wo er sich 1972 das Leben nahm.

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