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Gwen Stefani: Das Pin-up-Girl des Pop

Girlie, Stil-Ikone, Solokarriere, Modedesignerin und nun auch noch Mutter: Gwen Stefani scheut keine Herausforderung. Jetzt hat sie wieder das gemacht, was sie am besten kann: eine neue CD.

Von Wiebke Anabess Kuhn

Die Uhr in ihrem Kopf hat schon lange getickt. Ziemlich laut, ziemlich hartnäckig. Der Weckruf war sogar in einem ihrer Songs zu hören: "What You Waiting For?" - worauf wartest du noch? Ein Kind, ja, das habe sie eigentlich schon immer gewollt, sagte Gwen Stefani oft. Aber es passiert eben erst, wenn es passiert.

Das hat sie sympathisch gemacht, dies Gerede von der Biouhr und dem Baby-wunsch. Endlich mal ein Star, der zugibt, dass in seinem Leben etwas fehlt. Vergangenes Jahr war es dann so weit. Kurz vor dem Start ihrer Tournee muss sie schwanger geworden sein. Woraufhin sie von der Bühne herab forderte: "Singt so laut, dass das Baby euch hören kann!" Das war auch ziemlich cool. Schwangerschaft und Rock'n'Roll - offenbar geht das doch zusammen.

Gwen Stefani war schon immer etwas anders als die Mickey-Mouse-Club-trainierten Popmädchen, die Amerika sonst auf den Markt bringt. Kein Antwortenroboter, der die Tirade vom kleinen Mädchen ablässt, das schon vorm Badezimmerspiegel Konzerte gegeben hat. Auch das übliche Kapitel mit dem bösen Manager, der das junge Talent ausbeutet und an der musikalischen Selbstverwirklichung hindert, kommt in ihren Erzählungen nicht vor. Hatte sie nicht nötig. Gwen, so schien es, war stets eigenständig. "Just A Girl", einer ihrer ersten Hits mit der Band No Doubt, klang fast wie eine feministische Hymne: "Ich bin nur ein Mädchen, denn das ist alles, was ihr mich sein lasst", hieß es da. Wild, rotzig, nicht ganz perfekt - und genau deshalb so großartig.

Und jetzt das. Mit 37 Jahren ist Gwen Stefani nicht mehr die jüngste Mutter, doch der Zeitpunkt sei, wie sie strahlend erklärt, "perfekt" gewesen. Gekleidet in hautenge Jeans und ein nicht weniger knackiges Oberteil in Leopardenoptik, blickt sie häufig zur Tür des Nebenzimmers. Dort wartet ihr sechs Monate alter Sohn Kingston hungrig darauf, dass die Journalisten seine Mutter wieder freigeben. Denn die muss den ganzen Tag auf einem Sofa in London sitzen und reden. Über Mutterglück - und über "The Sweet Escape", ihr zweites Soloalbum.

Wenn sie Sätze sagt, wie: "Manchmal fühlt sich mein Leben an wie ein Traum, das ist alles so unglaublich", dann könnte man neidisch werden. Geradezu verzweifeln angesichts dieser perfekten Fügung. Wenn da nicht ab und an dieser Blick wäre. Unsicher. Zweifelnd. Als hätte sie Angst, abrupt aus dem Bett zu purzeln und feststellen zu müssen, dass das alles tatsächlich nur ein Traum ist.

Erzählt die - inzwischen wohl dauerhaft - platinblonde Kalifornierin von früher, wird allerdings schnell klar, weshalb sie trotz ihrer rasanten Karriere bisweilen etwas ängstlich wirkt. Von wegen Eigenständigkeit. Viel eher scheinen Zufall und Glück ihre ständigen Begleiter gewesen zu sein. Nicht gerade zuverlässige Gefährten.

Ein Zufall war es gewesen, dass ihr Bruder sie im Jahre 1986 in seine Ska-Pop-Band No Doubt holte. Gwen Stefani hatte nie zuvor gesungen. Zehn Jahre später schmollmundet, hüpft und schwitzt sie sich so liebenswert durch das Video zur Liebeskummerballade "Don't Speak", dass manche Medien sie als neue Madonna feiern. "Gwennabees" weltweit färben sich die Haare blau, pink oder blond und halten Bikinioberteile plötzlich für salonfähige Oberbekleidung.

Glück war dann der Rest: 2001 suchte die Rapperin Eve für ihre Single "Let Me Blow Ya Mind" ausgerechnet die schrille Punkgöre als Duettpartnerin aus. Passte so gut wie Wurst auf Nutella, aber funktionierte. Und sorgte für die nächste schicksalhafte Begegnung: Gwen lernte die Stylistin Andrea Lieberman kennen - und entdeckte an sich eine neue Leidenschaft. Die beiden begannen, Mode unter dem Namen L.A.M.B. zu entwerfen. "Ich trage L.A.M.B. jeden Tag", sagt sie stolz und zippelt an ihrem Pullover. Na ja, von überbordender Kreativität zeugt dieses Leopardending nun nicht gerade. Aber auch das funktioniert - obwohl man die Schuhe, die auf einer Internetseite zu sehen sind, eher der Kollektion eines Orthopädiefachhandels zuschreiben würde.

L.A.M.B. steht aber auch für "Love.Angel.Music.Baby", den Titel ihres 2004 erschienenen ersten Soloalbums. Die CD verkaufte sich weltweit sieben Millionen Mal, verschaffte ihr mehrere Grammy-Nominierungen und Hit-Singles. Gwen Stefani, die nie damit gerechnet hatte, ist ein Superstar geworden.

"Es ist verrückt, dass ich in meinem Leben die Chance habe, so viele Sachen zu machen. Ich meine: Ich kann zu Pharrell gehen und mit ihm arbeiten. Das wollen alle!" Auch bei ihrem neuen Album hat die Produzenten-Ikone Pharell Williams sie unterstützt. Es wird, das ist zu erwarten, wohl ebenfalls ein Erfolg. Weil sich zu den Beats gut tanzen lässt, zu den Balladen schmusen, weil die Texte erneut sehr persönlich sind. Und auch, weil Stefani sich inzwischen als sympathische, glaubwürdige Marke etabliert hat. Sie braucht keine Schoßhündchen oder eine Inszenierung als Edelprostituierte, um Aufsehen zu erregen. Ihr Sexappeal mag Zufall sein - aber er hat Klasse.

"I'm Just An Orange County Girl, Livin' In An Extraordinary World", singt sie auf ihrer neuen Platte. Ein Mädchen aus Orange County, das in einer ungewöhnlichen Welt lebt. Ungewöhnliche Welt? Okay, was ist mit Zickenkrieg? Klatsch und Tratsch? Drogen vielleicht? Oder wenigstens ein Paparazzi-Foto, das zeigt, wie sie betrunken aus einer Bar wankt? Gibt es nicht. Gwen Stefani ist völlig skandalfrei. Das ganz normale, nur eben besonders schöne und, nun ja, doch ein wenig ausgeflippte Girl von nebenan. Das eben immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Jungs lieben sie wegen ihrer sinnlichen Lippen, Mädchen wollen sie als Freundin. Dabei könnten sie auch neidisch sein, weil Stefani sich den süßen britischen Rocksänger Gavin Rossdale geschnappt hat, der auch der Vater ihres Kindes ist. Oder weil sie an der Seite von Leonardo DiCaprio als Jean Harlow in dem Hollywoodfilm "Aviator" einen kurzen Auftritt hatte. Wie sie an die Rolle gekommen ist? Klar: Zufall. Regisseur Martin Scorsese entdeckte sie auf einem Plakat. Angeblich, ohne zu wissen, wer sie war. So macht man das.

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