Lali Puna Out of Weilheim


Das bayerische Städtchen Weilheim gilt als die Wiege der derzeit produktivsten deutschen Popmusik-Szene. Neuestes Erzeugnis ist das Album "Faking The Books" der Gruppe Lali Puna.

Das Leben in Weilheim ist uninteressant. So uninteressant, dass die Kleinstadt zur Popmetropole werden konnte. Ja irgendwie musste, wenn man Valerie Trebeljahr, Sängerin und Songwriterin der Band Lali Puna zuhört: "Der Ort ist total langweilig", sagt sie, als wär's gar nicht ihr Ort, "da sieht nichts nach Musik aus. Weil man aber sehr auf sich gestellt ist und wahnsinnig viel Zeit hat, sich was auszudenken, ist dort sehr viel Musik entstanden. Anders ausgedrückt: Weil es nichts zu konsumieren gibt, muss man agieren, damit andere konsumieren."

Das ist die bislang kürzeste Formel für das, was in dem 20.000-Einwohner-Städtchen 50 Kilometer von München entfernt im letzten Jahrzehnt passiert ist. Es sind romantische Theorien über eine Rock- und Popsubkultur aufgestellt worden, die sich gegen den Schützenfest-Mainstream hat durchsetzten und definieren können; es wurde reichlich Geniekult um die beiden Acher-Brüder betrieben, die mit ihrer Band Notwist die Keimzelle für die Weilheim-Szene bildeten.

Ein eigener Band-Kosmos

Weilheim gilt im internationalen Musik-Betrieb längst als Markenartikel, der ein weites Spektrum ausdifferenzierter Rock- und Elektronikproduktionen umfasst: Console, Tied & Tickled Trio, Village Of Savoonga, Ms. John Soda, Lali Puna. Einen Ort im Ort, an dem das alles passiert, gibt es auch: Mario Thalers Uphon-Studio, in dem auch wieder das neue Lali-Puna-Album "Faking The Books" entstanden ist.

In Weilheim hängen geblieben

Valerie Trebeljahr ist in Korea geboren, besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit und hat in Portugal einige Jahre eine Auslandschule besucht. Als sie 1993 nach Deutschland zurückkehrt und eher zufällig in Weilheim hängen bleibt, findet sie es an dem uninteressanten Fleckchen schnell schön: "Ich kannte so etwas noch nicht: Eine Gemeinschaft von Leuten, die musikalisch wahnsinnig aktiv sind und Konzerte organisieren."

Eine Freundin gründet eine Spaß-Band mit sechs Mädchen, Valerie steigt ein - und bald wieder aus. Weil sie, wie sie sagt, "mehr wollte, Songs schreiben, aufnehmen." So geht's los, mit Drumcomputer und Keyboard daheim in der weiten Welt der Vierspurmaschine. In Weilheim bleibt so etwas nicht lange geheim.

Jeder spielt mit jedem

In der Band Lali Puna, die Trebeljahr später gründet, spielt Markus Acher die Gitarre, Christoph Brandner wird Schlagzeuger und Florian Zimmer bedient die Keyboards - alle sind schon in anderen Weilheim-Bands beschäftigt. Von einem "ziemlichen Gewusel", spricht Trebeljahr, "es ist manchmal richtig schwierig, die verschiedenen Bands, die Auftritte und Plattenaufnahmen miteinander zu koordinieren."

Erste Liga der Indietronics

Mit dem zweiten Album "Scary World Theory" (2001) gelang Lali Puna der Sprung in die Erste Liga fürs vornehm Versponnene. Sie füllten den Begriff Indietronics mit ein paar besonders memorierbaren Beiträgen: melancholisch bis zum Geht-nicht-mehr, gerne auf der Kippe zwischen Song und Track, mit Elektronik, Folk und Fortgeschrittenen-Übungen aus der Stereolab-Schule.

Für "Faking The Books" haben sie nun ein paar Pfund Gitarre und Schlagzeug draufgelegt, Stücke wie "B-Movie" und "Left Handed" erkunden ein Terrain jenseits verschwommener Pulloverpopmusik. Rock ohne Rockgebaren könnte man das auch nennen, die Texte suchen die Auseinandersetzung mit der Politik, ohne den berüchtigten Zeigefinger zu bemühen. "'B-Movie' handelt davon, mit welcher Sprache Schwarzenegger seine Wahl gewonnen hat in Amerika. Das ist nur noch so eine Art Schlagwortpop, und es ist schlimmer geworden", sagt Valerie

Das ideale Label

"Don't work for people you can't trust" - der Satz stammt vom Vorgängeralbum. Essen gehen muss man schon können mit den Leuten, die die Platten veröffentlichen, für die man so viel Einsatz hingelegt hat. Das Berliner Morr Label hat nicht nur die hübscheste Homepage in ganz Pop-Deutschland - Labelchef Thomas Morr ist den Weilheimern aus seiner Zeit in Landsberg freundschaftlich verbunden, und Lali Puna fühlen sich im Labelprogramm sehr gut aufgehoben.

In Weilheim kehrte trotz - oder gerade wegen - der Erfolgsgeschichten von Notwist und Console etwas Ruhe ein, die Musiker sind weltweit unterwegs, Weilheim ist ihnen mehr als Heimat denn als Wohnort geblieben. "Die von Console wohnen zum großen Teil schon noch in Weilheim", erzählt Trebeljahr. "Und sonst? Es wird ja immer Weilheim gesagt, es gibt eben noch die Dörfer nebenan, da wohnen auch welche." Ach ja, und Lali Puna wohnen jetzt sogar in München.

Tourdaten:

Lali Puna gehen vom 20. bis zum 31. Mai auf Deutschlandtournee, zum Teil mit Alias: 20.05. Berlin (Volksbühne - Morr Labelnacht)
21.05. Hamburg (Knust im Schlachthof)
22.05. Bremen (Kulturzentrum Lagerhaus)
23.05. Dresden (Star Club)
24.05. Würzburg (AKW)
25.05. Stuttgart (Schocken)
26.05. Köln (Gebäude 9)
27.05. Frankfurt/Main (Mousonturm)
28.05. Leipzig (Conne Island)
29.05. Neustrelitz (Immergut Festival)
30.05. Hannover (Cafe Glockensee)
31.05. Recklinghausen (Ruhrfestspiel, mit Notwist)

Frank Sawatzki, AP AP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker