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ESC-Vorentscheid: Levina - eine Siegerin wie Germany's next Topmodel

"Länger, länger, wir machen heut' einfach was länger." Dem Kölner Karnevalshit machte der ESC-Vorentscheid alle Ehre. Über drei Stunden dauerte es, bis Siegerin Levina Lueen feststand. Aber zwei Damen retteten den Abend.

Levina hat den ESC-Vorentscheid gewonnen

Liebling des Publikums: Levina vertritt Deutschland beim ESC

Das erste Ziel hatte Barbara Schöneberger gleich zu Beginn ausgegeben: "Let's make the Vorentscheid great again", posaunte die Moderatorin bei "Unser Song 2017" in bester Trump-Manier heraus. Zumindest mit "Long again" hatte die ARD keine Probleme. Über drei Stunden - also fast so lang wie ein ganzer ESC - dauerte es, bis um 23.17 Uhr Stanniolpapier von der Decke des Kölner TV-Studios rieselte und eine Siegerin feststand, mit der das Publikum sehr einverstanden war.

Levina Lueen fährt nach Kiew. Die 25-Jährige vertritt Deutschland am 13. Mai beim Finale des Eurovision Song Contest mit dem Lied "Perfect Life". Die gebürtige Bonnerin, die in London Musikmanagement studiert, setzte sich in der Zuschauergunst klar gegen drei Mitbewerberinnen und einen Mitbewerber durch. Am Schluss musste Lueen - die sich Lü-en ausspricht - sogar gegen sich selbst antreten.

Barbara Schöneberger verhinderte Langeweile

"The Regels are the Regels." Der Dschungelcampspruch hat sich offenbar auch bis zu den Programmmachern der ARD rumgesprochen. Die ersonnen ein kompliziertes Auswahlverfahren, das langwieriger als die Papstwahl schien: drei Stunden, vier Abstimmungsrunden, zwölf Songs. Nur eine vor Charme und Selbstironie sprühende Barbara Schöneberger verhinderte, dass es sich genauso zäh anfühlte. Sie frotzelte liebenswürdig frech mit Jury und Kandidaten. Am liebsten hätten die Zuschauer wohl Babsi nach Kiew geschickt.

Doch nach der ersten Abstimmungsrunde war Levina der Liebling des Publikums. Klasse, ihr Adele-Cover "When we were young". Feinfühlig ihre Version des für den ESC geschriebenen Songs "Wildfire". Mitreißend ihre Version vom Siegertitel "Perfect Life". So kam es, dass in Runde drei der letzte verbliebene Konkurrent Axel Feige rausgewählt wurde und die Zuschauer nur noch entscheiden mussten, mit welchem der beiden Songs sie ihre Favoritin nach Kiew schicken würden. Levina singt gegen Levina - das gab es zuletzt beim Vorentscheid "Unser Song für Düsseldorf" mit Lena Meyer-Landrut.

Lena Meyer-Landrut: Ich habe Gänsehaut

Die ESC-Heldin von 2010 saß zusammen mit Tim Bendzko und Florian Silbereisen in der Jury und lobte: "Ich habe Gänsehaut." Es war fast ein bisschen wie damals, vor sieben Jahren. Lena gewann im gleichen TV-Studio den deutschen Vorentscheid, in dem jetzt Levina im Goldregen steht. Wieder ein junges, unbekanntes Mädchen - und plötzlich ruhen auch auf ihr alle deutschen ESC-Hoffnungen.

"Wir brauchen Punkte", das war das erklärte zweite Ziel von Barbara Schöneberger. Nach zwei letzten Plätzen in Folge liegt es an Levina Lueen, Deutschland in Kiew aus der ESC-Depression zu befreien. "Ich freue mich darauf", sagte sie bei der Pressekonferenz nach ihrem Sieg. Ist Levina gar die neue Lena? "Ich habe damals 50 Euro gewonnen, weil ich auf ihren Sieg gesetzt hatte", erzählte sie stolz. Doch weitere Lena-Vergleiche verbieten sich.

Levina deklassierte die Konkurrenz

Ja, Levina deklassierte an diesem Abend ihre Konkurrenten. Ihre tiefe, rauchige Stimme hat Wiedererkennungswert. Sie hat keine Angst vor der Bühne und kann auch mit ihrem Aussehen punkten: Wer gerade erst bei ihrem Auftritt eingeschaltet hatte, dürfte sich gefragt haben, ob er mit der 1,81 Meter großen Blondine nicht bei "Germany's next Topmodel" gelandet ist. ("Wenn ich keinen BH anhabe, gehen deine Beine bis zu meiner Brust", kalauerte die Schöneberger.)

Doch trotz des Jubels im Saal und ihres großen Siegs: Ob Levina in Kiew reüssieren kann, hängt vor allem davon ab, ob "Perfect Life" ein Hit wird. Geschrieben hat ihn die amerikanische Songwriterin Lindy Robbins, die bereits für David Guetta ("Dangerous") und Jason Derulo ("Want to want me") arbeitete. Am Beginn erinnert die Up-Tempo-Nummer an Guettas "Titanium" - was sowohl die Hittauglichkeit, als auch die üblichen Diskussionen um ein Plagiat befördern dürften.

"Wir sind sehr, sehr glücklich, dass wir dich gefunden haben", schwärmt Barbara Schöneberger über Levina. Deren Sieg, die Moderation der Schöneberger und der gemeinsame Pausenauftritt der ESC-Göttinnen Nicole, Ruslana und Conchita Wurst machten diesen langen Abend zur Eurovisionsnacht. Zumindest ein bisschen "great".