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Mick Jagger: "Wir waren uns nie ähnlich"

Differenzen als Beziehungskitt: Mick Jagger über 40 Jahre Rolling Stones, die Strapazen einer Welttournee und den Charme des Zuhausebleibens.

Mr Jagger, es ist bekannt, dass Sie es hassen, über Ihre Vergangenheit zu reden.

Nein, ich es hasse es nicht. Ich erinnere mich bloß an so wenig.

Sie haben mal gesagt: "Die Leute wollen, dass wir so sind wie 1969, weil sonst mit uns auch ihre eigene Jugend vergeht. Das ist eigennützig, aber verständlich."

Sehen Sie, daran kann ich mich nicht erinnern. In welchem Magazin war das?

Was fällt Ihnen denn noch ein, wenn Sie an Ihren legendären ersten Gig 1962 im Marquee Club in London denken?

Wir haben zuerst im Ealing Club gespielt, immer Dienstagnacht, nur Blues, es ist fast keiner gekommen. Aber wir kamen so wenigstens regelmäßig zum Spielen. Später sind wir ein paar Mal im Marquee Club aufgetreten, aber ich fand das nicht so prickelnd. Der bessere Gig war im Richmond Station. Das war unser erster wirklich erfolgreicher Auftritt.

Von all den Konzerten, die Sie seitdem gegeben haben - welches war das beste?

Es waren Hunderte, da ragt keines heraus. Wir waren ja auch viel auf Tour.

Sie sind jetzt auf Welttournee, mit der Sie Ihr 40-jähriges Bestehen feiern und die Sie nächsten Sommer auch nach Deutschland führt. Im Gegensatz zu früher haben Sie heute einen Fitness-Trainer. Hat er Ihnen für die strapaziöse Tour ein Spezialprogramm entwickelt?

Yeah. Ich tanze und fahre Fahrrad. Aber drinnen. Jeden Tag ein paar Stunden.

Würden Sie gern noch einmal 25 sein?

Klar. 19 wäre vielleicht noch besser. Dann hätte ich die Jahre bis 25 noch vor mir, und die haben viel Spaß gemacht. Damit wir uns recht verstehen: Ich würde nicht bei 25 hängen bleiben wollen. Aber wenn jemand sagen würde, du kannst noch einmal leben, würde ich sagen, danke, ausgezeichnet.

Kürzlich wurde Ihnen der Titel Sir verliehen für Ihre »Verdienste um die populäre Musik«. Bedeutet Ihnen der Ritterschlag etwas?

Das war ein nettes Kompliment von der britischen Regierung - oder wer immer diese Titel vergibt. Man muss das locker sehen.

Gefällt es Ihnen, wenn man Sie »Sir Mick« nennt?

Ach was, nein. Ich habe viele Freunde, die Titel haben. Aber die meisten benutzen sie nie.

Stones-Biograf Philip Norman....

Er ist ein Idiot.

Mag sein, aber...

... und ein sehr ekliger, gehässiger Mann.

Er sagt jedenfalls, der größte Akt der Rebellion sei gewesen, dass Sie bei der Ordensverleihung die Hand in der Hosentasche behalten hätten. Ist das der Rock'n'Roll im Jahr 2002?

Ich beantworte keine Fragen, die sich auf Philip Norman beziehen. Er ist ein verbogener, gehässiger, alter Mann. Schreiben Sie das.

Gut, aber was sagen Sie zu Ihrem Kollegen Keith Richards, der sagte, Sie wären nun als Sir dem Club der Arschkriecher beigetreten? Schlechte Schwingungen in der Band?

Fragen Sie ihn. Ich kommentiere nichts, was Keith sagt. Sie können mich nach allem fragen, was Keith über mich sagt. Ich werde nicht antworten.

Wie wichtig ist in einer Band eigentlich Freundschaft?

Das ist nicht wichtig.

Sind Sie und die anderen Stones sich im Laufe der Jahre ähnlicher geworden, oder haben Sie sich eher entfremdet?

Wir waren uns nie ähnlich, und wir sind es heute nicht. Wenn alle sich zu sehr ähneln, wird die Band langweilig. Was eine gute Band ausmacht oder überhaupt ein gutes Team, zum Beispiel von Soldaten, sind unterschiedliche Talente. Der eine ist ein guter Schütze, der andere ein guter Organisator, der Nächste bringt alle von A nach B.

Haben sich die Konstellationen in Ihrem Team verändert?

Gut, die Persönlichkeit verändert sich irgendwie über die Jahre. Man verbessert sich, entwickelt neue Talente, die man möglicherweise mit 20 noch nicht hatte. Wenn wir uns nicht verändert hätten, wäre das furchtbar.

Füllen Sie deshalb noch große Hallen, während fast alle anderen Bands von einst von der Bildfläche verschwunden sind?

Ich denke, es liegt daran, dass wir - wie die Beatles - berühmt wurden in einer Zeit, in der viel passierte und in der viele Leute prominent wurden, über die man heute noch spricht. Es war damals wie eine Explosion, deren Wellen heute noch widerhallen. Die 60er Jahre waren ein grandioses Sprungbrett. Und wir sind heute immer noch berühmt, weil wir touren, weil wir immer noch Platten machen und sehr, sehr hart arbeiten. Außerdem hatten wir damals viel Glück. Wir waren zur rechten Zeit am richtigen Platz.

Hat Sie der Erfolg der »Best of Beatles«-CD inspiriert, jetzt eine eigene »Best of« herauszubringen?

Nein, ich versuchte schon seit langem, all die Geschäftsleute, die teilweise die Rechte an unseren Liedern besitzen, für diese Sammlung zusammenzubringen. Ich dachte einfach, jetzt wäre die beste Zeit für dieses besondere Album.

Vielleicht auch, weil es Ihnen heute schwerer fällt, neue Songs zu schreiben?

Es ist nicht leichter und nicht schwieriger geworden. Wir haben ja vier neue Songs auf dem Album, und wir haben bei unseren letzten Sessions in Paris 13 neue aufgenommen.

Welchen Song haben Sie am schnellsten von allen geschrieben?

Bei vielen ging es recht schnell. Aber wir machen das nicht mit Stoppuhr.

Wie schreiben Sie überhaupt? Kommt das einfach so aus Ihnen raus?

Sehr unterschiedlich. Ich habe immer Zettel und Bleistift zur Hand, normalerweise ist eine Gitarre griffbereit und ein Aufnahmegerät. Manchmal singe ich mir was aufs Band. Singen ist gut. Es muss halt raus.

Manche Ihrer Kritiker sagen, das »Best of«-Album sei nur eine lahme Ausrede, um wieder auf Tour zu gehen.

Dafür brauchen wir keine Ausrede. Das machen wir, weil wir es wollen. Sehen Sie, unsere Branche hat sich total verändert. Musikaufnahmen sind überall verfügbar. CDs werden in Magazinen verschenkt, du kannst dir Musik aus dem Netz runterladen. Wir waren beim »Cirque du Soleil«, da bekommst du die CD mit dem Programmheft. Das ist die Zukunft - als käufliches Produkt ist die CD fast am Ende. Eine Show aber hat eine ganz andere Qualität.

Was fasziniert Sie daran, vor 50.000 Leuten zu spielen?

Es ist ein enormer Adrenalinschub. Fantastisch, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich freue mich wirklich, es zu tun.

Macht das süchtig?

Manche Leute schon. Mich nicht wirklich. Ich heiße ja nicht Bob Dylan.

Sie haben neulich gesagt: »Entweder bleiben wir zu Hause und werden zu Stützen der Gesellschaft. Oder wir gehen raus und machen eine Tournee.«

Ja, das war neulich auf einer Pressekonferenz. Da kommt so was gut.

Gibt es nichts dazwischen?

Doch, es gibt viele Möglichkeiten. Darum sind wir ja meistens nicht auf Tour. Man kann doch so viel im Leben machen - zu Hause bleiben, Zeitung lesen, fernsehen, spazieren gehen, lesen. Ich habe auch viele Kinder, um die ich mich kümmern muss.

Sehen Sie alle sieben regelmäßig?

Ja.

Auch das jüngste in Brasilien, das Sie mit dem Model Luciana Morad haben?

Ja, alle. Ich habe vier gerade bei mir. Da ist ganz schön was los.

Der Frauenzeitschrift »Elle« erzählten Sie, dass Ihre Kinder sich schon mal wegen Ihrer »total peinlichen Klamotten« genieren und ihrem Papa sagen: »Du kannst nicht mit solchen Hosen zur Schule kommen.« Wie reagieren Sie darauf?

Das ist doch alles Spaß. »Elle« ist ein Modemagazin, was soll ich denen denn sonst sagen. Aber Tatsache ist, dass Kinder durch ihre Eltern sehr leicht in Verlegenheit zu bringen sind. Wenn es sich um Klamotten handelt, gehe ich allerdings gar nicht darauf ein.

Wie können Sie uns erklären, dass Ihre Musik kaum vom Zeitgeist beeinflusst wurde?

Da bin ich vollkommen anderer Meinung. Man kann Musik nicht in einem Vakuum spielen. Der Beat verändert sich ständig. Was dieses Jahr neu ist, ist nächstes Jahr alt, so seh ich das.

Viele Fans wollen nur die alten Hits hören...

Manchmal langweilt mich das schon. Bei dieser Tour machen wir das ein bisschen anders. Wir geben einige Konzerte mit vielen alten Liedern, dann wieder viel gemixt. Auf den eher kleinen Bühnen werden wir alles andere als nur alte Lieder spielen - wir spielen Songs, die wir noch gar nicht so gut drauf haben. Da müssen wir erst mal sehen, wie wir das hinkriegen.

Wie lange wollen Sie das überhaupt noch machen? Sie wurden neulich 59. Die vier Stones zusammen kommen auf 233 Jahre. Gibt es ein Alter, das Sie stoppt?

Ich bin sicher, es wird eines geben. Aber ich bin nicht sicher, wann das sein wird. Im Moment plane ich nicht weiter als bis bis Weihnachten 2003, das ist das Ende der Tour. Momentan mache ich mir mehr Gedanken darüber, ob auch alles funktioniert. So eine Tour ist eine Menge Arbeit. Die Show, die Bühne, die Musik. Die Leute denken immer, das ist easy. Aber das ist es nicht. Du musst erst einmal da hoch gehen und es auch bringen. Wenn es mal läuft, ist es Spaß. Aber am Anfang ist nur jede Menge Arbeit.

Genau deswegen fragt man sich, weshalb Sie sich das antun?

Es ist wie beim Fußball: Wenn du noch spielen kannst, spielst du weiter. Nur dass man bei der Musik nicht so viel Energie dazu braucht. Musik kann man ziemlich lange spielen...

Interview: Joachim Rienhardt

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