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Neue CD "Havoc and Bright Lights": Mama Morissette und der Selbstzweifel

"Havoc and Bright Lights": Das achte Album von Alanis Morissette handelt vom Familienglück und dem Versuch, die Last des 90er-Jahre-Erfolges abzustreifen. stern.de traf die Sängerin in Berlin.

Von Tobias Ochsenbein

Ein lauer Juniabend in Berlin-Spandau. Alanis Morissette strahlt vor Freude, denn offensichtlich ist sie nicht in Vergessenheit geraten. "Ihr seid hinreißend!" In der ausverkauften Zitadelle gibt die kanadische Sängerin ihr einziges Deutschlandkonzert. Sie streckt den rund 3000 Besuchern das Mikrofon entgegen und singt gemeinsam mit ihnen den Refrain zu ihrem Über-Hit "Ironic". Der Song ist 17 Jahre alt und stammt von ihrem dritten Album "Jagged Little Pill", das sie 1995 zum internationalen Superstar machte. Das Album verkaufte sich 33 Millionen mal, und Morissette gewann den Grammy für das "Beste Album" und für das "Beste Rockalbum". Gerade mal 21 Jahre alt war sie damals.

Damals, in den 90er Jahren, war sie eine wütende junge Frau, deren laute Stimme Rache an einem untreuen Lover versprach. Diese Stimme mixte sie mit rockiger Gitarrenmusik und schuf damit ein Werk für die Ewigkeit: "Jagged Little Pill". Es gibt wahrlich größere Bürden zu tragen als ein solches Erfolgsalbum. Aber es ist eben 17 Jahre her, und an den Erfolg vermochte sie nie mehr anzuknüpfen. Zehn Jahre später hat sie darum dasselbe Album noch mal als Akustik-Version eingespielt. Auch heute besteht die Hälfte ihres Konzert-Sets weiterhin aus Songs von "Jagged Little Pill". Für diese Songs pilgern die Fans zu ihren Konzerten. Diese Songs wollen sie hören. Lauthals singen sie mit, wenn Morissette "You oughta know" oder "Head over feet" anstimmt. Lautstark schwatzen sie, wenn die Musikerin ihre neuen Songs spielt. Diese Auftritte sind ein einziger Nostalgietrip, der zuweilen an künstlerische Selbstverleugnung grenzen mag.

Jedes Album ein Schnappschuss

Nach "Little Jagged Pill" trat Morissette in eine kritische Phase: "Ich wollte den Erfolg unbedingt wiederholen, aber wusste nicht, wie ich das angehen soll", sagte die 38-Jährige vor dem Berliner Konzert im Gespräch mit stern.de. Dann habe sie sich dazu entschieden, die Dinge zu nehmen wie sie kommen und weiterzumachen wie bisher. Sie schreibt Songs über das, was um sie herum geschieht. "Jedes Album ist ein Schnappschuss aus meinem Leben, auf den ich zurückschauen kann, wenn ich mit 108 Jahren auf dem Sterbebett liege", sagt sie. Der achte Schnappschuss heißt "Havoc and Bright Lights" und beschreibt die Welt einer Ehefrau und Mutter. Morissette ist seit zwei Jahren mit dem Rapper Souleye verheiratet. Sie haben einen knapp zweijährigen Sohn. Auf dem neuen Album sind ruhigere Songs über die Sorgen und Freuden der Reife, über Häuslichkeit und Ruhm zu hören. Es sei stark von ihrem "Familienglück" geprägt, sagt sie. Überraschend neu klingt dabei nichts, wenn auch die Texte mehr Tiefe haben.

Von den Kritikern wurde die erste Single "Guardian" bisher mit guten Noten bedacht. Der eingängige Popsong, der vom Gegensatz zwischen der fürsorglichen Beziehung zu sich selbst und der zu ihrem Sohn handelt, sticht heraus. Was wie ein bombastisches Stadionrockstück beginnt, geht über in einen eher sanften, verträumten Zwischenteil und wechselt schließlich gegen Ende noch mal zurück zur Hymne. Allerdings hört Morissette schon lange nicht mehr auf Kritiker, denn mit denen habe sie bloß schlechte Erfahrungen gemacht. Sie erzählt von Missgunst, von Neid, von Hass gar, wenn sie in die Vergangenheit blickt: "In den 90er Jahren diskutierten die Leute auf Web-Foren, wie sie mich vernichten können." Neidische Musiker-Naturen - die weiblichen waren in der Mehrzahl - wollten sie angeblich aus dem Weg haben. Deshalb habe sie sich eine Überlebensstrategie zugelegt, so Morissette: "Ich höre nur noch auf Leute, die mir nahe stehen." Denen gebe sie ihre Texte zu lesen, deren Feedback nehme sie ernst.

Bittere Abrechnung mit dem Ruhm

Die dunkle Seite des Ruhms ist deshalb auch Thema im Song "Celebrity". Darin rechnet Morissette mit dem Berühmtsein ab - und Amerikas Besessenheit vom Ruhm. Es geht um das "Berühmtsein für nichts", ein Trend, der vor allem in den USA größer wird. "Alle wollen für immer 21 sein, wollen reich und erfolgreich werden. Das scheinen die westlichen Standards zu sein." Aus eigener Erfahrung weiß Morissette: "Am Anfang fühlt sich das gut an. Es steigert dein Ego, es macht dich glücklich, und du hast viele Freunde." Irgendwann aber habe sie sich leer gefühlt, habe sich gefragt, was ein solches Leben wert sei. Da habe sie sich entschieden, ihre Bekanntheit als Werkzeug zu benutzen. "Ich fing damit an, den Ruhm als Mittel zum Zweck einzusetzen."

Hatte sie jemanden im Hinterkopf, als sie diesen Song schrieb? Vielleicht eine ganz bestimmte Person? "Natürlich sehe ich die Leute bereits vor mir, die ich für den Videoclip casten würde!" Namen will sie allerdings keine nennen. Ihr persönlich geht es mehr um die Traurigkeit und Sinnlosigkeit hinter der Thematik: "Die Leute sind vom Ruhm besessen. Aber ich glaube, dass Ruhm nur verstärkt, was sowieso schon da ist. Nämlich Selbstverrat und Selbstzweifel."

Dem Seelenheil einen Schritt näher

Bereut sie deshalb, selbst berühmt zu sein? Ihre Selbstdarstellung sei damals vor allem ein Weg gewesen, um aus der eigenen Introvertiertheit herauszufinden, sagt Morissette. "Ich konnte in meinen Songs und auf der Bühne sehr direkt und aggressiv auftreten. Im Privaten war ich viel weniger mutig." Es sieht so aus, als haben sie nun, 17 Jahre später, eine Balance zwischen professionellem und privatem Leben gefunden.

Die Sonne über Berlin-Spandau ist mittlerweile untergegangen an diesem warmen Juliabend. Alanis Morissette stimmt mit "Hand In My Pockets" noch ein letztes Mal einen Klassiker von "Jagged Little Pill" an. Und im Gegensatz zu früheren Konzerten singt sie ihn auffallend entspannt und mit einem Lächeln im Gesicht. Der Wandel von der rebellischen Rock-Göre zu Mama Morissette war ein schleichender Prozess. Die selbstbewusst zur Schau getragene Wut ist verflogen und einer befreiten Zufriedenheit gewichen. Hoffentlich geht es ihren nostalgischen Fans ähnlich.