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Patti Smith: "Ich bin eine Art Universal-Amateur"

Die Sängerin Patti Smith hält sich für eher unbedeutend. Dabei hätte sie allen Grund, stolz zu sein. Auf ihre Verdienste als Jeanne d'Arc des Rock und auf ihr neues Album "Twelve".

Von Oliver Fuchs

Patti Smith ist endlich runter von der Droge. Bis vor Kurzem trank sie 14 Tassen Kaffee, ehe die Inspiration, diese wankelmütige Geliebte, ihr die Lippen zum Kuss reichte. Jetzt genügt eine Tasse, und die trinkt sie nicht mal. Sie schnuppert. Kürzlich saß die Sängerin im Café, vor sich die Inspirationstasse, und dachte wie so oft darüber nach, was alles schiefläuft. Das Radio spielte die ersten Takte von "Everybody Wants To Rule The World" von Tears for Fears, und sie zuckte zusammen: Das ist es! Die Welt läuft aus dem Ruder, weil jeder sie beherrschen will. Patti Smith liebt solche Eingebungen. Während Smith von dieser Kaffee-Idee erzählt, liegt sie reglos auf einem Hotelsofa in London. Die Hände in den Ärmeln eines schwarzen Totengräber-Sakkos vergraben, starrt sie abwesend auf ihre Stiefelspitzen. Stundenlang hat sie schon Fragen beantwortet zu ihrem neuen Album "Twelve", jetzt ist sie erschöpft, leergeredet.

Dass "Twelve" sehr gut gelungen ist, scheint sie selbst gar nicht mitbekommen zu haben. Es ist ihre zehnte Platte in mehr als dreißig Jahren und die erste nur mit Coverversionen. "Gimme Shelter" von den Rolling Stones ist darauf, "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana - und "Everybody Wants To Rule The World". Andere Künstler neigen ja bei Coverversionen dazu, die Vorlage zu verschlimmbessern. Der Punkrocker Sid Vicious verarbeitete Sinatras "My Way" zu Hackfleisch. Patti Smith, die Patin des Punk, wiegt die Originale wie Küken, als hafte sie persönlich, dass ihnen kein Flaumhärchen gekrümmt wird. "Ich will herausragenden Musikern Respekt erweisen", sagt Patti Smith mit halb geschlossenen Lidern. Viel gelernt habe sie bei der Beschäftigung mit Songs, die nicht ihre eigenen sind. Von Tears for Fears etwa, wie man eine komplexe Analyse des Weltgeschehens in einfache Worte kleidet, eben: "Everybody Wants To Rule The World". Aber hat Patti Smith es denn nötig, von irgendwem noch was zu lernen? Sie, die mit ihrem Debüt "Horses" 1975 als blasses Mädchen die Gitarrenmännerherrschaft herausforderte, sie, die Generationen von Nachahmerinnen dazu brachte, ihren Zorn nicht herunterzuschlucken, sondern herauszuschreien? Ganz zu schweigen davon, dass sie von jeher auch zeichnet und malt und Gedichte schreibt.

Sie malt, sie schreibt und singt wie eine Besessene

"Ach", ächzt Patti Smith, "bin ich wirklich Sängerin? Oder Schriftstellerin? Hab ich was geschaffen, das so einen Titel rechtfertigt?" Arbeiterin - so nennt sie sich am liebsten. Schon als Schülerin arbeitet sie hart, in einer Fabrik in New Jersey, bei 40 Grad Hitze. Man droht ihr, den Kopf ins Klo zu stecken, wenn sie nicht pariert. Dann die Flucht nach New York. Sie hängt mit Künstlern herum, Robert Mapplethorpe und den Leuten aus Andy Warhols Factory. Die "Geliebte von irgend 'nem Künstler" zu werden ist das Maximalziel. Was nicht heißt, dass sie nicht malt, schreibt und singt wie eine Besessene.

Heute, mit 60 Jahren, ist Patti Smith eine wunderliche Lady. Immer noch besessen - und auf fast exzentrische Art bescheiden. Alles, was sie kann, hat sie sich selbst beigebracht. Aber auf keinem Gebiet, sagt Smith, sei sie jemals richtig gut gewesen. "Es gibt Universal-Genies. Ich bin wohl eine Art Universal-Amateur." Das wirkt kokett, ist aber nur radikal aufrichtig. Denn natürlich klingt "Twelve" wieder genauso rumpelig wie damals "Horses".

Eine wunderliche Lady

Patti Smith kräht mehr, als dass sie singt. Vielleicht bleibt professionellen Amateuren keine andere Wahl als der Rock'n'Roll. Nach New York ist sie damals gegangen, um ihren Helden näher zu sein: Hendrix, Bob Dylan, den Doors... Es sind dieselben Helden, vor denen sie sich jetzt mit zärtlichen Coverversionen verneigt. Manche sind tot, andere fett und selbstzufrieden. "Stay hungry!" ist das Lebensmotto von Patti Smith. "Ich habe es irgendwie geschafft, hungrig zu bleiben." Sie gähnt. Dann klopft es an der Tür. Ein Kellner bringt Kaffee. Sie nimmt einen tiefen Zug.

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