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Phonoline: Hoffnungsschimmer beim Krisengipfel

Die Popkomm ist auch in diesem Jahr der Krisengipfel der Musikbranche. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer: Die Musik-Download-Plattform Phonoline soll dem Geschäft wieder auf die Beine helfen.

Passend zur Stimmung der Musikbranche zogen zum Popkomm-Start Wolken vor die Sommer-Sonne. Doch so düster wie die Mienen der Musikmanager dürfte das Wetter in Köln an den drei Messe-Tagen wohl kaum werden. Im ersten Halbjahr wurden nur 80,4 Millionen CDs, Platten, DVDs und Kassetten verkauft, ein Einbruch von 16,3 Prozent, wie die Branche am Morgen verkündete - damit wird 2003 das siebte Minusjahr in Folge. Um gut ein Fünftel auf rund 620 schrumpfte zudem die Zahl der Aussteller auf der nach eigener Aussage weltgrößten Musikmesse - die Folge zahlreicher Insolvenzen. Die Popkomm ist in diesem Jahr - mehr noch als zuvor - der Krisengipfel der Branche. Doch so wie die Sonne immer wieder durch die Wolken lugte, so gab es auch einen Hoffnungsschimmer: Die deutsche Online-Plattform Phonoline zum Herunterladen von Titeln soll dem Geschäft mit der Musik wieder auf die Beine helfen.

Das Repertoire aller Plattenfirmen

Im Herbst soll endlich starten, wonach Kritiker schon seit Jahren rufen: Ein Musikportal, das das Repertoire so gut wie aller Plattenfirmen erfasst, damit Musikfans legal Musik aus dem Internet downloaden können - gegen Bezahlung versteht sich. Bislang waren Websurfer fast gezwungen, Onlinemusik aus illegalen Tauschbörsen herunterzuladen, weil es kein entsprechendes legales Angebot gab.

Sensationeller Erfolg von iTunes

Der Computerriese Apple hatte es im April vorgemacht - mit beachtlichem Erfolg: Der Dienst iTunes verkaufte in den ersten acht Wochen etwa fünf Millionen Songs zum Preis von 99 US-Cent - und das, obwohl schätzungsweise nur drei Millionen Apple-Computer in den USA dafür ausgerüstet sind. Bis Ende des Jahres will Apple auch eine Windows-Version herausbringen, die auf normalen PCs läuft.

Dem wollen die deutschen Plattenfirmen zuvorkommen. Nach langen, durchaus zähen Verhandlungen haben sie sich unter dem Dach des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft mit der Deutsche-Telekom-Tochter T-Com geeinigt. «Es ist das erste gemeinsame Angebot der Musikwirtschaft, das umfassend Musik von Majors und Independents auf einer technischen Plattform präsentiert», sagte Verbandsvorsitzender Gerd Gebhardt stolz.

Portale verkaufen die Musikstücke

Dabei will der Verband nichts selbst als Händler auftreten, sondern die Plattform anderen Internetdienstleistern als Service anbieten. Diese verkaufen dann die Musikstücke auf ihren ganz eigenen Portalen, auf denen die Websurfer auch Bücher kaufen oder Reisen buchen können. Zu Details wie Preisen, Starttermin und Anzahl der verfügbaren Musiktitel hielten sich die versammelten Branchenvertreter bedeckt. Es würden bis Jahresende etliche tausend Musiktitel sein, hieß es. Microsoft bietet derzeit zusammen mit dem von Peter Gabriel gegründeten Onlinemusikdienst OD2 bereits 200.000 Titel zum download an - deutsche Titel sind allerdings Mangelware.

Moderate Preise

Zum Preis sagte Tim Renner, Chef des Branchenprimus Universal Music, es könnte durchaus Songs für 99 Euro-Cent geben - mit diesem Preis hatte das Universal-Portal popfile.de bereits vor einem Jahr den bescheidenen Versuch begonnen, mit Onlinemusik Geld zu verdienen. Für die Zukunft zeigte er sich optimistisch: «Ich wette, dass wir in fünf Jahren ein Drittel unseres Umsatzes mit Downloads erwirtschaften.» Andere Plattenbosse halten 15 bis 20 Prozent für realistischer.

Mehr Rohlinge als CDs verkauft

Wie hoch dann der beständig schrumpfende Umsatz der Plattenbranche allerdings noch sein wird, ist unklar. Im vergangenen Jahr war er knapp unter die Zwei-Milliarden-Euro-Marke gefallen. Doch brennt den Musikmanagern nicht nur das Problem der in Börsen à la Napster und Kazaa illegal gehandelten Onlinemusik auf den Nägeln: Das Kopieren von CDs, das so genannte CD-Brennen, ist in Deutschland vermutlich das schwerwiegendere Problem. Bereits im vergangenen Jahr wurden nach Verbandsstatistiken erstmals mehr CD-Rohlinge mit Musik bespielt als fertige Musik-CDs verkauft. Viva-Chef Dieter Gorny brachte es auf die einfache Formel: «Es wurden noch nie so viele CDs verkauft wie heute - nur leider ist mehr als die Hälfte davon nicht mit Musik bespielt.»