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Rapper-Prozess: "Hirntot"-Horror auf Bewährung

Gewaltdarstellung, Volksverhetzung und Beleidigung - die Texte der "Hirntot"-Rapper aus Berlin sind so brutal, dass das Büro ihrer Plattenfirma von einem Sondereinsatzkommando durchsucht wurde. Nun mussten sie sich vor Gericht verantworten - ein einmaliger Vorgang in der Rap-Szene.

Von Johannes Gernert

Nur einen Tag vor dem Prozess ist das Sondereinsatzkommando (SEK) noch einmal bei "Hirntot" angerückt. Es war sechs Uhr morgens. Sie haben in den Räumen des Berliner Labels CDs beschlagnahmt. Es gehen jetzt ständig Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft ein. Von Lehrern, Heimleitern, von ganz normalen Leuten, die von ihnen gelesen haben und dann auf irgendeinen ihrer Songs im Internet gestoßen sind. Sie sind zu einem Synonym geworden für die nächste Eskalationsstufe: Blokkmonsta, Uzi, Schwartz.

Drei Rapper, deren Texte so brutal sind, dass sie mit einzelnen Stücken gleich ganze Liste von Straftaten begehen. Gewaltdarstellung, Volksverhetzung, Störung des öffentlichen Friedens, Beleidigung, Bedrohung. Die Tracks handeln von der Jagd auf Polizisten: "Bulle lauf, Bulle renn', vor dem Henker kein entrinn'." Amok-Orgien voll zerplatzter Köpfe, gespaltener Schädel und von Kugeln durchsiebter Körper. Die Hasstiraden richten sich auch gegen die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die immer wieder Rap-Titel auf den Index setzt, weil sie Gewalt verherrlichen oder Frauen demütigen.

Wie eine Rap-Terror-Zelle vorm Losschlagen

In dem Stück "Fick die BPJM" kündigen sie an, in der Prüfstelle einzureiten und alle abzuschlachten. Im vergangenen Sommer wurde dann auch noch von Waffen berichtet, die man während einer Razzia beim Label "Hirntot" gefunden habe - ein Maschinengewehr mit verschlossenem Lauf und eine Pistole. Es war von Durchsuchungen in Berlin, Köln und Düsseldorf die Rede. Es klang, als hätte man eine Rap-Terrorzelle gerade noch am Losschlagen gehindert.

Ein Jahr später, an einem warmen Sommermorgen, sitzen Björn D., Tomasz M. und Raphael B. im Saal B 143 des Amtsgerichts Berlin-Tiergarten. Einer hat eine Ausbildung zum Softwareentwickler abgebrochen und betreibt jetzt das Label "Hirntot". Der zweite versucht, sein Abitur nachzumachen. Der Dritte studiert Germanistik in Düsseldorf. Sie sind alle Anfang 20, tragen kurz rasierte Haare und ordentliche Hemden. Sie reden sehr leise. Es hat sich mittlerweile herausgestellt, dass die Schusswaffen nur Attrappen waren - das hatte die Polizei anfangs nicht gemerkt.

Es geht jetzt also vor allem um die Texte, um drei Songs. Darum, was sie auslösen und anrichten könnten, bei den Jugendlichen in Neukölln und Kreuzberg. Bei denen, "die sowieso schon einen Schlag haben", wie einer der Verteidiger sagt. Die Mittelstandskinder, die wüssten vermutlich damit umzugehen, glaubt der Staatsanwalt. Aber die jungen Leute in den Brennpunktvierteln, die könne so etwas anstacheln. "Futter und Nahrung für Amokläufer" nennt die Richterin die Texte später. Es ist ein Präzedenzprozess. Eine Warnung an alle, die da draußen an Rechnern sitzen und vielleicht von eingeschlagenen Bullenköpfen rappen: Ein Lied kann ein Verbrechen sein. Für die rechtsextreme Band Landser hatte ein Gericht das festgestellt, als die Gruppe zur kriminellen Vereinigung erklärt wurde und ihr Sänger für mehrere Jahre im Gefängnis landete. Bei den Rappern ist es keine politische Frage. Es ging eher ums Marketing.

Messer im Hirn

"Wir wollten damit mehr so auffallen", sagt Björn D., der als Blokkmonsta immer mit einer Sturmmaske auftritt. "Wir waren ja total unbekannt, wir waren ja ein Niemand." Der Rapper Frauenarzt, über den Björn D. zum HipHop kam, hatte sich mit seinen derben Porno-Texten als "Dr. Sex" im Untergrund eine solide Fan-Basis gefunden. AggroBerlin provozierte sich mit dem "Arschfickmann" in die Charts hinein.

Vom Analverkehr sangen tausende Teenager auf Sido-Konzerten. Das war Mainstream. Um als Underground-Rapper aufzufallen, mussten sie etwas anderes machen. Sie ließen sich von den Schlacht-Szenen in Splatter-Filmen inspirieren. Sido hatte als Logo eine Totenkopf-Maske gewählt, sie nahmen ein blutiges Gehirn, in dem ein Messer steckt. Ihr Label nannten sie "Hirntot".

Sie produzierten ziemlich schnell, ziemlich viele Songs und stellten sie auf ihre Internetseite. Es war ein bisschen, als würden sie Horrorfilm-Drehbücher schreiben. Aber sie schufen Szenarien, die es nicht nur in Splatter-Movies gab. Ein Track heißt "1. Mai, Steinschlag". An diesem Tag fliegen in Berlin tatsächlich Steine auf Polizistenhelme. Es gibt jugendliche Amokläufer, die wie im Computerspielrausch töten. Es war alles nicht so fern von der Wirklichkeit, wie ihnen das zuhause vor ihren Rechnern vorkam. Sie hätten, sagt Björn D., das irgendwann auch gemerkt, und einige Sachen wieder aus dem Netz genommen. Aber da hatten sich die Stücke schon wie von selbst vervielfältigt.

Gewalt-Therapie gegen Ausraster

Sie sagen, dass sie bedauern, was sie getan haben und dass sie alles gestehen. Sie sitzen in diesem Saal wie bedröppelte Schuljungen vorm Direktor. Als hätten sie aus Versehen den falschen Film in den DVD-Player geschoben und nun möchte man sie deswegen plötzlich einsperren. Sie finden, dass ihre Texte nicht drastischer sind als Horrorfilme, Baller-Spiele oder manche Märchen. In Songs des amerikanischen Rappers Eminem, sagt einer draußen auf dem Flur in der Pause, werden "Pamela Lee" Anderson die Titten abgerissen. Der Staatsanwalt hört Eminem. Das stand in der Zeitung.

Björn D. ist mittlerweile bei einer Psychotherapeutin in Behandlung. Er macht eine Gewalt-Therapie, um seine Ausraster und Ängste in den Griff zu kriegen. Raphael B. hat einen Brief an die SPD-Politikerin Monika Griefahn geschrieben, die sie als "kleine, dumme Hure" beleidigt haben, und sich entschuldigt.

"So mit Glieder rausreißen?"

Der Staatsanwalt hat noch eine Frage: "Was für Musik machen sie denn heute?"

Einen Augenblick ist es still. Björn D. dreht sich zu seinem Anwalt um. Na los, signalisiert der. Die Texte seien jetzt "mehr in diesem Fantasy-Bereich" verortet, sagt D., "mit Dämonen und sowas." Aha, sagt der Staatsanwalt. Was werde denn mit denen gemacht, mit den Fabelwesen? "Die werden getötet", antwortet D. "Und wie?", will der Staatsanwalt wissen und sagt es dann gleich selbst. "So mit Glieder rausreißen?"

Knast oder Pleite

Sie haben sich dieses Horror-Rapper-Image aufgebaut, das Björn D. immerhin 1700 Euro netto monatlich bringt. Wenn er es komplett aufgibt, verdient er bald wahrscheinlich kein Geld mehr. Wenn er so weiter macht wie am Anfang, sitzt er irgendwann im Gefängnis.

Das muss völlig klar sein, findet Thomas Schulz-Spirohn, der Staatsanwalt. Er ist Mitte 40, trägt Jeans und seine Haare als gegelten Igel. In seiner Ecke wirkt er zeitweise wie ein Cowboy-Papa: Streng, aber dabei auch ein bisschen lässig. Ironisch. Er will diese Sache hier klären. Diese Grenze ziehen. Es soll niemand mehr denken, dass er im Internet ungeschützt vor sich hin rappen kann.

Texten auf dünnem Eis

Die Richterin und die beiden Schöffen sehen das genauso. Björn D. bekommt zehn Monate, Tomasz M. sechs Monate Jugendstrafe, beide auf Bewährung, und Raphael B. 1350 Euro Geldstrafe. Er hatte nur bei einem Song mitgerappt.

Schulz-Spirohn sagt, dass sich Björn D. nun auf sehr dünnem Eis bewege, mit allem, was er veröffentliche. Es laufen schon zwei weitere Strafverfahren. Wenn ihm künftig etwas angehängt werden kann, muss er ins Gefängnis. Er wäre der erste Rapper, der in Deutschland für seine Texte eingesperrt wird.