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Rolling Stones: Die alten Wilden

Die Rolling Stones sind immer noch unterwegs - und das, obwohl ihr Boss Mick Jagger stramm auf die Sechzig zugeht. Ein Blick aufs Früh- und Alterswerk.

Es ist wie immer bei einem Konzert der Rolling Stones - nach drei Minuten fragt man sich erst mal, warum man eigentlich hier ist. Die Maschine Stones ist noch kalt, irgendwie kantig spielen sie "Street Fighting Man", den Song, der 1969 als Straßenkämpferhymne missverstanden wurde, obwohl es darin ganz melancholisch heißt: "Was kann ein armer Junge schon tun, außer in einer Rock'n'Roll-Band zu singen?" In der Originalversion spielt Brian Jones noch Sitar, und irgendwann Ende der 60er hat auch Mick Jagger mal in London gegen den Vietnamkrieg demonstriert, sich aber kurz vor Schluss vom Chauffeur nach Hause fahren lassen.

Als die Stones "Street Fighting Man" für die LP "Beggars Banquet" aufnahmen, musste die Feuerwehr anrücken, weil Jean-Luc Godard einen Film über die Band drehte und eine durchgeglühte Lampe die Studioverkleidung entzündet hatte. Ein paar Jahre später lief "Beggars Banquet" auf jeder Schulfete, erst "Sympathy for the Devil", das bessere Stück mit dem "Uhh-Uhh"-Chor, dann "Street Fighting Man", Jungs wedelten mit den Händen auf ihrer Luftgitarre und schüttelten die länger werdenden Haare, Mädchen baten den Discjockey, lieber was von Sweet oder den Archies aufzulegen - wer kennt die heute noch?

Mick in Olli Kahns Hasenlager

Mick Jagger, heißt es, war am Abend zuvor noch spät in der Münchner Discothek "P1", dem Hasenlager von Oliver Kahn. Er nahm einen Drink und tanzte reichlich, aber als Michael Jackson aufgelegt wurde, verzog er sich. Ehrt ihn. Mein Gott, worüber man nach drei Minuten Stones-Konzert alles nachdenkt.

"Priapistischer Rock"

Schnell läuft die Maschine warm, und Jagger macht, was er immer macht, er hampelt, verdreht die Gummibeine, posiert, rennt, schreit "Everywhere I hear the sound?" ins Mikrofon und macht dieses Gesicht, als ob er heute ganz besonders wütend sei und alles mal wieder gesagt werden müsse. Noch fremdelt es zwischen den Zehntausenden vor und den Vieren auf der Bühne, noch wirkt es komisch, dass da einer lautstark so tut, als wäre er 25. Man schaut dem Derwisch amüsiert zu. Es wird schon kommen, man weiß es ja. Irgendwann kann man da nicht mehr raus, irgendwann hat einen dieses Gewitter aus Musik, Erinnerung, Rhythmus und Euphorie eingefangen. "Priapistischer Rock", wie es Stones-Biograf Stephen Davis einmal nannte: Musik wie ein Dauerständer. Mit jedem Song, mit jedem Anfangs-Riff, mit jedem "Dad-daaa, dadada-dadada" auf Keith Richards' Gitarre entkorken sie eine neue Zeitflasche, und sie schäumt, was sonst?

Und immer diese Frage nach dem Alter...

Wenn man dann vor ihnen sitzt, vor Keith, Ron, Charlie und Mick, sollte man nicht die dümmste aller Fragen stellen: die nach ihrem Alter. "Warum interessiert die Leute immer unser Alter? Wenn unsere Musik schlecht ist, weil wir älter werden, kann man darüber sprechen. Aber dann spielen wir sowieso nicht mehr", sagt Keith Richards, 59, mit dieser Stimme, die krächzt, als würde sie ständig nach einem Drink betteln. Zwei Fingerspitzen seiner linken Hand haben kirschgroße Kuppen aus Hornhaut; wenn man genau hinsieht, erkennt man darin die Furchen, die Gitarrensaiten hinterlassen, wenn man sie ein Leben lang drückt. Keiths Augen sind immer ein wenig glasig. Die Sätze kommen aus seinem Mund, als zöge man an einer rostigen Kette. Wenn man fragt, wie er sich für die Tour fit hält, glasieren die Augen noch ein wenig mehr, und er sagt: "Die Rolling Stones sind mein Fitnessprogramm." Die Stones sind Keith Richards' Grund zu leben. Nichts weniger.

Ach, und dann Charlie Watts, der coolste Stone. Vor ein paar Tagen ist er 62 geworden. Wenn bei Konzerten Tausende "Charlie, Charlie!" schreien, erhebt er sich kurz von seinem Hocker und verbeugt sich. 1962 hat er sich gewehrt, in die Band zu kommen, er war Jazz-Drummer, Rock'n'Roll beleidigte seine Ohren. Noch heute wird behauptet, er trommle deshalb so heftig, weil er immer noch versuche, diese Musik totzuschlagen. Wie jeder der vier Männer ist er schmächtig, sein Kopf sieht wie mehlbestäubt aus, seine Haut ist britisch grau, er sperrt die Augen weit auf und schiebt die Lippen vor, dass es froschig aussieht. Weshalb er auf der Bühne immer so unbeteiligt vor sich hintrommle, fragt man ihn. Watts überlegt, dreht die Augen und sagt: "Nun, die meiste Zeit höre ich dahinten nicht Musik, sondern eigentlich nur großen Krach, es ist harte Arbeit, den Songs zu folgen." Nach den Konzerten eilt er ins Hotel und beruhigt die Ohren mit filigranen Jazz-Platten.

Ron Wood ist neulich 56 geworden - der Bubi-Stone, trotz aller Drogenexzesse der 70er Jahre unversehrt. Und eigentlich ein Auswechselspieler, denn auf seinem Platz stand einst Brian Jones, der wahre Spiritus Rector der Band. Jones ertrank 1969 in seinem Pool, als die anderen schon beschlossen hatten, ihren im Drogenwahn manövrierunfähigen Gitarristen zu feuern. Ron Wood wurde auch als kleiner Bruder geholt, der die Zankereien zwischen Jagger und Richards austarieren soll. Und wenn heute Keith auf der Bühne mal wieder vergisst, seine Gitarre mit beiden Händen zu bedienen, stopft Ron die drohenden Soundlöcher zuverlässig.

Für die Fans waren die Stones ein "Wir"

Und schließlich: Mick Jagger. Wenn man sich 1975 mit Rasenmähen und Autowaschen die 20 Mark für ein Stones-Konzert verdient hat; wenn man noch weiß, wie aufregend es war, Jagger auf einem aufgeblasenen Riesenpenis auf der Bühne zu sehen; wenn man damals beschlossen hatte, ein anderer als alle anderen zu werden: Dann, na ja, besichtigt man heute die Täuschung. Für uns waren Jagger und die Stones ein Wir, für ihn selbst gab es immer nur ein Ich.

Dem Sohn eines Sportlehrers aus einem Londoner Vorort sicherte das Inferno der Stones den Zutritt in eine andere Welt. Er wollte nach oben, unbedingt. Sein Einsatz: er selbst, mit Haut, Haaren, Seele und, ja, Schwanz. Nur zwei von etlichen Geschichten: Als 1962 Jones und Richards alle Kabel ins bürgerliche Leben kappten und in einer kalten Londoner Wohnung wie die Wahnsinnigen auf ihren Gitarren übten, um die Rolling Stones zu werden, blieb Jagger Student, lebte vom Stipendium und wusste immer genau, wann seine Freunde probten. Dann nahm er die U-Bahn, fuhr zu Brians Freundin Pat und schlief mit ihr. Oder 1968, da versuchte der schwule britische Parlamentarier Tom Driberg Jagger zu überzeugen, Politiker zu werden, er wollte ihm sogar einen Wahlkreis beschaffen. Jagger gefiel das; als Stone im Establishment mitzumischen. Aber noch mehr gefiel ihm, dass ein Mitglied des britischen Unterhauses bei ihm zu Hause saß, Haschisch rauchte, Jagger zwischen die Beine starrte und stammelte: "Was haben Sie für ein enormes Gemächt!"

Jagger ist Premier- und Außenminister der Stones

Im Juli wird Jagger 60. Sir Mick - 2002 wurde er von der Queen geadelt - wird in Prag feiern, mit seinem Freund, dem ehemaligen tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel. Vielleicht wird er darüber nachdenken, was die Band mit den erwarteten 300 Millionen Dollar Tour-Tantiemen machen wird. Viele Platten hat er auch besungen, um die vielen Frauen und Kinder zu bezahlen, die seine Laufbahn säumen - Bianca, Jerry, dazwischen Marsha und Luciana, um nur die bekanntesten zu nennen.

Wenn Jagger vor einem sitzt, fühlt man sich ihm nah und fremd zugleich. Nah, wenn er erzählt, es sei ihm egal, dass die chinesische Regierung manche Songs der Stones-CD "Forty Licks" verbannt: "In China werden sowieso nur Raubkopien gehandelt, da ist alles drauf." Er grinst. Und sagt, dass sie von den mehr als 200 Songs, die sie auf der Tour im Repertoire haben, einen nie proben, "Satisfaction, den spielen wir automatisch und doch immer wieder anders." Aber von einem Moment auf den anderen kann er eisig kalt werden. Herrisch wischt er Fragen nach seiner Geschichte weg; was Jagger nicht nicht wissen will, fand nicht statt. Punkt. Er ist Premier- und Außenminister der Stones, Kassenwart und vielleicht das Herz, auf alle Fälle die Maschine.

Solange sie gut sind und keiner es besser kann...

Sonntagabend, München, Zirkus Krone, die Luft verraucht, 40 Grad, 1500 Menschen. Gloria von Thurn und Taxis, Bruno Jonas, vorn an der Bühne Rezzo Schlauch, beide Hände mit V-Zeichen in der Luft fuchtelnd. Kein Fremdeln mehr, kein "Ach ja früher"-Seufzen. Zwischen "Start me up" und "Brown Sugar" spielen die Stones ein langes Otis-Redding-Stück, improvisieren, jammen. Jagger ein Untoter? Wer das glaubt, lebt nicht mehr.

Bill Wyman, einst Bassist der Band, sagte mal, Mick und Keith müssten ihr Leben lang die Stones bleiben: "Sie wissen ja sonst nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen." Hoffentlich. Und dann ist es auch egal, ob sie 60 oder 80 sind. Solange sie gut sind und es keiner besser kann.

Jochen Siemens

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