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Stefan Gwildis: Mann singt Deutsch

Soul-Klassiker mit deutschen Texten - kann das gut gehen? Stefan Gwildis beweist es -und will Deutschland sogar beim Grand Prix vertreten.

Eigentlich ist es ja eine beknackte Idee gewesen: Soul-Klassiker in deutscher Sprache zu singen. Ist doch peinlich so was. Aber genau diese Idee hat das Leben des Stefan Gwildis auf wundersame Weise verändert. Schon 25 Jahre lang tritt der Hamburger Sänger und Musiker öffentlich auf, erst die vermeintliche Schändung anglo-amerikanischen Liedgutes bringt ihm nun den Durchbruch. Der 46-Jährige bedient mit wachsendem Erfolg eine Nische im deutschen Musikgeschäft, von der bisher niemand wusste, dass sie überhaupt existiert. Soul-Klassiker mit deutschen Texten? Das war doch nur etwas für Rentnerbands mit Bierbäuchen. Jetzt nicht mehr. 2003 veröffentlichte Gwildis sein Album "Neues Spiel" und verkaufte es 60.000-mal.

Als "Shooting Star des Jahres" erhielt er 2004 von einer Jury aus Fachjournalisten die "Goldene Stimmgabel". 10. 000 Zuhörer kamen im vergangenen Jahr zu seinen Konzerten im Hamburger Stadtpark, an zwei Abenden im vergangenen Jahr füllte Gwildis die renommierte Hamburger Musikhalle. Jürgen von der Lippe bescheinigt dem Sänger eine "geile Stimme", "Bild" nennt ihn schlicht "Mr. Gänsehaut". Schön und gut, mag der Gwildis-Unkundige jetzt sagen. Aber was zum Teufel macht dieser Kerl denn mit dem Soul? Nun, "Papa Was A Rolling Stone" wird bei ihm zu "Papa will hier nicht mehr wohn". Und den Song "How Sweet It Is To Be Loved By You" verwandelt er in "Sie ist so süß, wenn sie da liegt und schläft".

Klingt Ziemlich grottig,

aber wer den Mann hört und sieht, versteht seinen Erfolg. Gwildis' Stimme klingt wirklich erstklassig, er sieht gut aus, singt mit natürlicher Lässigkeit, die (sehr frei übersetzten) Texte haben Witz, und seine Band - alles lokale Profimusiker - ist ausgezeichnet. Man kennt ihn in der Hamburger Szene. Gwildis lebt seit seiner Geburt in der Hansestadt. "In Barmbek-Süd, das ist das Blankenese von Barmbek", grinst er. Eine jüngere Schwester, ein älterer Bruder, der Vater Reifenhändler, die Mutter pfiff sich zu Hause ihr Leben bunt. "Sie hörte viel Radio, ging oft in die Oper und mochte einfach gern Musik", sagt Gwildis. Sie schenkte ihm als Zwölfjährigem eine Gitarre - und ließ ihn mit 17 ziehen.

Gwildis tingelte durch die Kneipen und sang. Machte eine Ausbildung zum Stuntfechter am Hamburger Thalia-Theater. Gründete 1982 mit Rolf Claussen das Musikduo "Aprillfrisch", sang zwischen 1992 und 1995 bei den Strombolis. Und hatte 1998 seine erste eigene Band: Stefan Gwildis & the Drückerkolonne. Kommerziell erfolgreich war das alles nie, aber Gwildis lernte das strahlende Singen, das Spiel mit dem Publikum. Dass er sich manche Zeit seines Lebens von Leergut-Geld sein Essen kaufte, erzählt er gänzlich unsentimental, von einem Sparkassenkredit plaudert er ganz entspannt: "Das war schon ein kleiner Held des Alltags, der mir das Geld damals bewilligte."

Jetzt kommt Gwildis mit seiner zweiten Soul-CD, "Nur wegen dir", heraus. Wieder vertont er Klassiker auf Deutsch: "I Heard It Through The Grapevine" (Das kann doch nicht dein Ernst sein) und "Brown Eyed Girl" (Nur wegen dir). Und wer sich das mit dem deutschen Soul immer noch nicht so recht vorstellen kann: Am 12. März ist Stefan Gwildis live in der ARD zu sehen. Da nimmt er in Berlin an der deutschen Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest teil. Mit einer Hymne an Norddeutschland: "Wunderschönes Grau". Und falls er gegen seine sehr viel jüngeren Konkurrenten verlieren sollte, wird er es mit Fassung tragen. Denn eines ist sicher: Nach seinem TV-Auftritt werden wieder eine Menge mehr Leute wissen, dass das eigentlich eine ziemlich gute Idee war mit dem deutschen Soul.

Katrin Wilkens

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