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Themenreise der "Mein Schiff 3": Mit Pop-Bands auf Kreuzfahrt: Ringelpiez mit Anlegen

Auf einer Kreuzfahrt mit Pur und anderen Bands wollen Fans ihre Stars treffen. Vier Tage an Bord der "Mein Schiff 3" zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Von Gunnar Herbst

Kreuzfahrt mit Pop-Bands: Vier Tage an Bord auf der "Mein Schiff 3"

Live auf hoher See: Am Pool auf Deck 12 gibt Glasperlenspiel ein Konzert während der Kreuzfahrt

Da kommt er. Man sieht ihn zwar noch nicht, aber seine Anwesenheit kann man spüren. Weil plötzlich alle Blicke in eine Richtung gehen, die Passagiere ihre Handys zücken. Langsam geht Hartmut Engler über Deck 12 der "Mein Schiff 3", ein Aufmerksamkeitsmagnet, umgeben von einer Menschentraube. Der 56-jährige Sänger der Band Pur sieht gut aus, braun gebrannt und erholt, er grüßt freundlich.

Die Menschen suchen Englers Nähe. Schüchtern gehen sie auf ihn zu, wie hypnotisiert. Ist er es wirklich? Kaum zu glauben, die Kreuzfahrt hat ja noch nicht einmal begonnen. Fest vertäut liegt die "Mein Schiff 3" in Kiel, während sie beladen wird: Gepäck, Nahrungsmittel, Getränke, Equipment, tonnenweise. Alles, was man braucht für eine viertägige Musikreise nach Kopenhagen, Oslo, Hamburg. 2553 Passagiere sind an Bord, mehr als 1000 Crewmitglieder, elf Bands und Solokünstler. Auf vier Bühnen spielen sie 27 Konzerte. Pur ist der Headliner, die meisten Gäste haben die Reise gebucht, um ihrer Lieblingsband nahe zu sein.

"Schallwellen" heißt die Themenkreuzfahrt von Tui Cruises

Seine Kabine kann Engler noch nicht beziehen. Udo Lindenberg wohnte bis eben dort, rund 1500 Flaschen Eierlikör wurden auf der Musikkreuzfahrt, dem "Rockliner", geleert. Lindenberg schlief bis mittags, jetzt wird die Kabine gereinigt. Engler nutzt die Zeit, um sich das Schiff anzusehen. Wer um ein Autogramm oder ein Selfie bittet, wird nicht enttäuscht. Viele Passagiere kennt Engler von Konzerten oder Fanreisen mit Pur: eine Woche Side und Rhodos mit mehr als 600 Fans, mit Ausflügen, Partys und einem Auftritt, um das neue Album vorzustellen.

Theater statt Stadion: Hartmut Engler und Pur spielen vor rund 1000 Fans

Theater statt Stadion: Hartmut Engler und Pur spielen vor rund 1000 Fans

Dann geht Engler weiter. Es ist eine Szene, die sich in den nächsten Tagen oft wiederholt: Fan trifft Star. Hallo, Entschuldigung, könnte ich bitte ein Autogramm haben oder ein Selfie machen, ja klar, vielen Dank und tschüss. Ein kurzer Moment, oft unbeholfen, nie entspannt. Dafür sind die Welten zu verschieden: hier die Fans, die den Star verehren, weil er ihnen aus der Seele singt. Die ihn zu kennen glauben von all den Alben und Konzerten. Dort der Star, der von den Fans lebt, der sich Ruhe wünscht und Privatsphäre. Der Distanz braucht, um den Mythos zu erhalten. Eine einseitige Nähe, eine Illusion.

"Schallwellen" heißt die Themenkreuzfahrt von Tui Cruises, die seit 2015 Musik und Seereise, Stars und Fans zusammenbringt, mit Konzerten und "Meet and Greets" – kurzen Treffen, bei denen Fans für Autogramme und Fotos mit ihren Helden Schlange stehen. 2015 war Santiano das Zugpferd, der sogenannte Headliner, 2018 wird es Fury in the Slaughterhouse sein.

Das Programm dieser Reise hat Tui Cruises mit dem Künstlermanagement von Pur und ICS entwickelt, die Konzertagentur organisiert auch Wacken. Neben deutschen Stars wie Max Giesinger oder Glasperlenspiel sind Bands an Bord, die auf ihren großen Durchbruch warten. Sie versuchen es mit deutschen Texten und Melodien zum Mitsingen, komponiert nach einer bewährten Formel. Viele Reedereien bieten Themenkreuzfahrten an, um neue Zielgruppen zu erschließen: mit Yoga und Golf, Lesungen und Musik, von Klassik bis Heavy Metal, auch Tui Cruises. Die Reederei mit Sitz in Hamburg besitzt sechs durchnummerierte Schiffe, bis 2019 will sie "Mein Schiff 1" und "Mein Schiff 2" durch Neubauten ersetzen. Das Geld ist gut angelegt, der Kreuzfahrtmarkt wächst stetig. Zwischen 2006 und 2016 hat sich die Zahl der Passagiere weltweit auf 24,2 Millionen verdoppelt.

Stiller Augenblick: Nach einer langen Nacht steuert die "Mein Schiff 3" Oslo an

Stiller Augenblick: Nach einer langen Nacht steuert die "Mein Schiff 3" Oslo an

An Bord: Frauen, die mit Freundinnen reisen, gepflegt und frisch frisiert. Paare, Männer in Gruppen, Angestellte, Selbstständige, kaum Kinder. Eine bunte Mischung mit einer Schnittmenge: der Liebe zu Pur, der Musik, den Texten. Im Gepäck Medikamente gegen Seekrankheit, doch die Ostsee gibt sich zahm. Manchmal spürt man ein leichtes Schlingern, wenn eine Windböe das Schiff erfasst, während es Kurs auf Kopenhagen nimmt.

"Ich bin kein Star aus der ersten Reihe", sagt Gwildis

Am Abend beginnen die ersten Konzerte. Im Klanghaus, einem Saal mit rund 300 Plätzen, tritt Stefan Gwildis auf. "Woher muss man den kennen?", fragt ein Mann im Publikum, als der Hamburger Sänger auf die Bühne geht. "Lass dich überraschen", sagt seine Frau. Gwildis, 59, singt eigene Songs und Soulklassiker, die er mit deutschen Texten neu interpretiert. Nach dem Konzert stehende Ovationen, auch das Paar ist begeistert. Vor der Bühne warten die Fans. Sie kaufen eine CD, bitten um ein Autogramm oder wollen einfach nur ein paar Worte mit dem Sänger wechseln.

Mitmachmusik: Einige tragen ihr Herz auf der Zunge, andere auf dem Schal

Mitmachmusik: Einige tragen ihr Herz auf der Zunge, andere auf dem Schal

"Ich finde es angenehm, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, für die ich die Songs schreibe", sagt Gwildis später. Manche ihrer Geschichten beschäftigen ihn, auch Eindrücke von der Reise, etwa wenn sich die Gäste am Büfett die Teller füllen, aber die Hälfte des Essens stehen lassen. "Das zu sehen tut mir richtig weh", sagt er. Gut möglich, dass daraus ein neues Stück wird.

Gwildis kennt auch schlechte Zeiten. In den Neunzigern lief eine Tour mit der Band Die Strombolis so erfolglos, dass er die Musik aufgab und in den Reifenhandel seines Vaters einstieg. Heute füllt der Sänger Hallen, vor allem in seiner Heimatstadt.

Zwischen den Konzerten: In der Kabine übt Darius Zander mit Gitarrist Tobias Born

Zwischen den Konzerten: In der Kabine übt Darius Zander mit Gitarrist Tobias Born

"Aber ich bin kein Star aus der ersten Reihe", sagt er. Promis, die überall erkannt werden, beneide er nicht. "Das ist doch ein Scheißleben, da spielt einem der Erfolg einen bösen Streich." Was er hier vermisse? Eine Bühne für Jamsessions wäre schön. Und mehr Jazz, Soul und Funk.

Achtung und Respekt

Am nächsten Morgen legt das Schiff in Kopenhagen an, unweit der Meerjungfrau. Die Passagiere gehen an Land, viele hoffen, unterwegs einem Star über den Weg zu laufen.

Birgit, 49, und Claudia, 51, aus Essen sehen das entspannt, sie haben Pur schon öfter auf Konzerten und Reisen getroffen. Deswegen bleiben sie erst einmal auf Distanz. Ein Album heißt "Achtung", Achtung und Respekt, das möchten sie auch der Band entgegenbringen. Birgit ist seit 30 Jahren Pur-Fan, sie besitzt alle Alben und hat mehr als 20 Konzerte gesehen. "Wenn ich die Musik höre, habe ich gute Laune", sagt sie. Für die Kreuzfahrt haben Birgit und Claudia T-Shirts mit einem Foto von der Fanreise nach Side bedrucken lassen. Später wollen sie die Musiker von Pur um Autogramme auf den Shirts bitten. Die Ehemänner sind zu Hause geblieben, die hören lieber Queen und Jethro Tull.

Die "Mein Schiff 3" im Osloer Hafen

Die "Mein Schiff 3" im Osloer Hafen

Am Nachmittag singt Youtube-Star Kerstin Ott am Pool auf Deck 12, während Stefan Gwildis im Klanghaus aus Theodor Storms "Schimmelreiter" liest, später singt Tine Wittler Chansons mit deutschen Texten in der Schau Bar.

Eva, 26, ihre Mutter Cornelia, 55, und Katja, 39, sitzen in ihrer Kabine und stimmen sich aufs Pur-Konzert ein, mit Hugo, Prosecco, Aperol Spritz und ganz viel Musik. Eva schminkt die anderen, wie vor jedem Auftritt. "Wir sind hier, um unsere Lieblingsmusik mit Urlaub zu verbinden", sagt sie. Wenn es nach ihrer Mutter gegangen wäre, dann hieße Eva heute Lena, wie der Pur-Hit. Doch ihr Vater war dagegen.

Max Giesinger beim Meet and Greet

Max Giesinger beim Meet and Greet

Eva ist mit der Band groß geworden. "Die Konzerte sind unsere gemeinsame Mutter-Tochter-Zeit", sagt sie. Am Samstag haben die drei Frauen Pur im Stadion auf Schalke gesehen. Dort spielte die Band drei Stunden lang vor 67.000 Zuschauern. Das Theater der "Mein Schiff 3" hat gerade mal 967 Plätze.

Es ist leicht, sich über Pur lustig zu machen

Dann betritt Pur die schwankende Bühne. Die Fans springen auf, einige stehen ganz vorn, klatschen, tanzen, singen jedes Lied mit, von "Lena" bis "Abenteuerland". Engler wirkt entspannt, macht große Gesten, zwischen den Songs richtet er warme Worte ans Publikum. Nach Zugaben mit Carolin Niemczyk von Glasperlenspiel und der A-cappella-Gruppe Füenf endet das Konzert. "Wir hatten den Eindruck, Hartmut singt nur für uns", sagt eine Frau. Viele feiern in der Abtanz-Bar weiter, zum Pur-Hitmix, der auch am Ballermann läuft. Die Band feiert in Hartmut Englers Kabine.

Showtime: Stefan Gwildis und Band begeistern das Publikum im Klanghaus

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Für Kritiker ist es leicht, sich über Pur lustig zu machen. Lange galt die Gruppe als uncool, die Texte, die Musik, die Frisuren, eigentlich alles. Erst die Sendung "Sing meinen Song" brachte 2015 einen Wandel. Engler wirkte in der Sendung verletzlich, Zuschauer lernten ihn von einer anderen Seite kennen.

Wer die Band im Konzert erlebt, muss zugeben, dass die Musik funktioniert, weil sie die Menschen berührt. "Der Kontrast zu Schalke könnte nicht größer sein", sagt Engler nach dem Konzert. "Auf der Rundbühne im Stadion arbeitet man in alle Richtungen, sucht Kameras, singt mit Gästen. Hier ist alles kleiner, kuscheliger, fast wie im Proberaum." Warum Pur diese Reise macht? "Wir möchten den Leuten etwas zurückgeben. Sie bezahlen uns ja und sorgen dafür, dass wir sehr gut von unserer Musik leben können", sagt Engler. Doch Nähe sei nicht immer einfach. "Ich weiß, wenn ich da rausgehe, dann bin ich öffentlich."

Es ist vor allem Engler, den die Menschen ansprechen. "Aber ich fühle mich nicht als Freiwild", sagt er. "Ich kann immer noch Nein sagen." Manchmal benutzt der Sänger die Gänge der Crew, um nicht gesehen zu werden. Die anderen Musiker von Pur können fast ungestört ihrer Wege gehen. Man sieht sie öfter, die meisten haben ihre Familien dabei, Engler reist mit Freundin und den beiden Söhnen. "Ich versuche, alles unter einen Hut zu kriegen."

Drei Passagiere entspannen auf dem Sonnendeck

Drei Passagiere entspannen auf dem Sonnendeck

Früh am Morgen wird es ruhig an Bord. Endlich Stille, die See ist der Star. Manche Gäste sitzen auf den Balkonen, schauen in die Ferne und hören das Meer rauschen. Am nächsten Vormittag kommt Engler in die X-Lounge auf Deck 14.

Weil die meisten Plätze besetzt sind, geht der Sänger zu einem Tisch, an dem vier Frauen aus dem Rheinland frühstücken, dazu gibt es Sekt. "Ist hier noch frei?", fragt Engler. Die Frauen gucken, als hätten sie im Lotto gewonnen. Natürlich, selbstverständlich, antwortet eine. Sie bittet um ein Selfie mit dem Sänger, doch in der Aufregung löst das Handy nicht aus. Später nimmt sie all ihren Mut zusammen und bittet Engler erneut. Dieses Mal klappt es.

Auch das macht den Reiz der Reise aus: die Möglichkeit, jeden Moment einen Star zu treffen, am Pool oder Büfett, im Aufzug oder beim Landgang in Kopenhagen und Oslo. Max Giesinger sieht man oft auf dem Schiff, fast jede Nacht feiert er bis frühmorgens in der Abtanz-Bar. Hunderte Male wird er fotografiert.

"Das ist ein Sprungbrett für mich"

Doch die Nähe zwischen Fans und Stars kommt in homöopathischen Dosen. Das Meet and Greet mit Max Giesinger wird nach kurzer Zeit abgebrochen, obwohl noch Hunderte in der Schlange stehen. Mit Pur ist kein Treffen mit den Fans angesetzt, dafür findet jeder Gast eine Autogrammkarte in der Kabine.

Nachtschicht: Wenn die letzte Zugabe verklungen ist, feiern die Gäste in der Abtanz-Bar weiter

Nachtschicht: Wenn die letzte Zugabe verklungen ist, feiern die Gäste in der Abtanz-Bar weiter

Viele Passagiere nutzen die Reise, um Konzerte von Bands zu sehen, die sie nicht kennen. Es ist ein dankbares Publikum, milde gestimmt durch Urlaub und All-inclusive. Darius Zander, Künstlername Dari, nutzt die Reise, um bekannt zu werden. "Das ist ein Sprungbrett für mich. Ich sammle hier viel Erfahrung", sagt der 33-jährige Kölner.

Dari hat bereits am Ruhm geschnuppert. Er spielte als Vorband von Pur vor 12.000 Zuschauern, er sang bei "The Voice of Germany" ein Duett mit Max Giesinger und kam in die Battles. Jetzt will er mehr. "Ich möchte von meiner Musik leben können", sagt er. Zurzeit verdient er sein Geld als Personal Trainer.

Auf der Brücke studiert Kapitän Sebastian Naneder die Karten

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Dari hat gerade ein Album aufgenommen: radiotauglicher Deutsch-Pop, vor allem für Frauen. Dabei ist er mit Soul von James Brown und Marvin Gaye aufgewachsen. Früher kickte Dari bei Fortuna Köln. "Vom Fußball habe ich gelernt, dass man nichts geschenkt bekommt", sagt er. Jeden Tag sitzt er ein, zwei Mal an der Rezeption und verkauft seine CD. Mit seinem Gitarristen spielt er ein spontanes Konzert, unverstärkt. Viele Passagiere bleiben stehen und hören zu. Es werden immer mehr.

Danach kommt ein junges Mädchen zu Dari und bittet um ein Autogramm auf ihrem T-Shirt. Fast alle Musiker der Kreuzfahrt haben schon unterschrieben, außer Glasperlenspiel und Pur. Aber es bleibt ja noch etwas Zeit

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