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stern.de-Interview mit Samy Deluxe: "Fuck it, ich habe keine Angst"

Einst trug er Goldketten und war die dickste Hose im deutschen Rap. Jetzt ist Bono sein Vorbild, und er singt über die eigene Oma: Samy Deluxe spricht im stern.de-Interview über seinen ganz persönlichen Neustart.

Von Ingo Scheel

Samy Deluxe, bei unserem ersten Interview vor acht Jahren waren Sie ein ziemlich arroganter, selbstverliebter Typ, heute sitzen Sie mir als offener, sympathischer Mann gegenüber – ist Samy Deluxe erwachsen geworden?
Es ist wirklich viel passiert. Damals [2001, anlässlich des ersten Soloalbums, Anm. der Red] hatte ich Riesenhits, bekam Echos und MTV Awards. Ich war ständig unterwegs. Du wirst ständig mit deinem Namen konfrontiert, alle wollen was von dir. Samy hier, Samy da. Ich habe erst später angefangen zu reflektieren, was da so los war, und habe erst Jahre später einen klaren Kopf bekommen. Das Alter zwischen 20 und 30 Jahren - da passiert nun mal viel. Das ist bei jedem so. Und bei mir ist es mit so einer Karriere sicherlich noch um einiges krasser. Du musst nicht einmal nach etwas suchen. Die Action sucht dich, und die Party findet dich auch garantiert.

Sie sind dann kurze Zeit später Vater geworden. Wie hat Ihr Sohn Sie verändert?
Bei mir hat sich sehr schnell der Schalter umgelegt, und ich habe Verantwortung übernommen. Ich wollte nie wieder blank sein. Keine Kohle für die Miete - das sollte mir nie wieder passieren. Freunde von mir merken es erst jetzt, mit einiger Verspätung: Das Leben ist echt. Früher war es cool, pleite zu sein. 'N Zwanni für ein wenig Gras und dazu 'n Döner – das reichte damals. Mit Anfang 20 ist das cool, mit Anfang 30 wird es tragisch.

Gerade haben Sie Ihr neues Album vorgestellt. Für den Song "Dis wo ich herkomm" haben Sie jüngst im Hitlerblog der "taz" ordentlich Häme bezogen. Die Zeile "Wir haben keinen Nationalstolz, und das alles bloß wegen Adolf - ja toll, schöne Scheiße, der Typ war doch eigentlich 'n Österreicher" war da Gegenstand der Kritik.
Ja, das habe ich auch gelesen. Das sollte ein ironischer Ansatz sein. Das hat dem jungen Mann wohl nicht gepasst. Ich habe neulich auf Promoreise in Österreich mit Journalisten zusammen gesessen, dort war das überhaupt kein Thema. Wenn man das Wort "Hitler" nur in den Mund nimmt, gibt es oft schon Ärger, deswegen habe ich konkrete Lyrics diesbezüglich zumeist vermieden. Dass sich "Nationalstolz" und "Adolf" reimen, musste ich einfach mal präsentieren, zwei Worte, die in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Ich finde die Kritik nicht berechtigt, ich habe mich aber trotzdem gefreut, weil es eine Diskussion ausgelöst hat. Es gehört dazu, dass nicht alles bejubelt wird, was man macht. Das haut schon hin. Ich kann das vertreten, es so geschrieben zu haben.

"Dis wo ich herkomm" ist der Albumtitel. Was ist denn nun dort, wo Sie herkommen, so interessant, dass man darüber ein ganzes Album machen muss?


Ich wollte das Album erst "Neues Deutschland" nennen, da sagten aber die Leute aus meinem Umfeld, an deren Meinung mir sehr viel liegt: Das geht gar nicht! Das klingt nach Deutschland-Kampagne und anderen komischen Sachen. Es geht um meine Karriere, meine Lebenssituation, meine Erlebnisse. Viel Biografisches. Die Herkunft nicht als Ort, sondern auch als Weg. Es geht um meinen Dad, meinen Sohn, es gibt ein Lied an meine Oma. Für sie war ich immer die Nummer eins. Exklusiv. Sie hat mir super viel bedeutet - obwohl sie Probleme mit meiner Hautfarbe hatte. Sie wollte ursprünglich nicht, dass meine Mutter nach Afrika reist, und sie hat mir als Kind immer die Haare glatt gekämmt, damit sie nicht so kraus werden. (lacht)

Kostet es Überwindung, so persönlich zu werden? Vom dickhosigen Goldkettenträger zum sensiblen Rapper, der über Oma singt, ist ja doch ein langer Weg.
Nun ja, so theoretisch konzipiert, wie das jetzt im Rückblick wirkt, war es nicht wirklich. Es ist ja alles über Musik entstanden. Jeder Track, und damit auch jede Geschichte, hat mit einer musikalischen Idee begonnen. Für den Oma-Song hatte ich so ein langgezogenes Vocal-Sample, mit dem ich schon lange etwas machen wollte. Daraus ist dann vor vier Jahren bereits die erste Strophe und der Refrain für diesen Song entstanden.

Neue Ideen, neue Sounds, es gibt einen Reggae-Song und auf Tournee gehen Sie, statt wie gewohnt mit DJ mit einer kompletten Liveband – auch hier ein Neustart?


Das ist einfach, worauf ich Bock habe. Ich habe so lange anderen Kram gemacht. Letztes Jahr kam noch die Tour von Dynamite Deluxe dazwischen. Das war auch total cool, aber es war gleichzeitig der Abschluss für diese Zeit. Früher dachte ich, gebt mir einen Beat, und ich rappe drauf. Heute interessiere ich mich viel mehr für Musik. Ich hab sogar angefangen, Gitarre zu spielen, und würde zu gerne irgendwann mal mit Klampfe auf der Bühne stehen.

Nicht nur Sie haben sich verändert, auch der deutsche HipHop ist in die Jahre gekommen. Fantas und das Fette Brot machen Mainstream-Pop, Bushido & Co. bedienen die Aggro-Schiene, Jan Delay koopiert mit Udo Lindenberg. Wo hat Samy Deluxe heute seinen Platz?
Überall. Ganz oben. Die sind unter meinen Schuhsohlen. (lacht) Nein, ganz ehrlich: Ich mache etwas völlig anderes als der Rest. Dies ist das Land, in dem Schnappi krass abgeht, aber eben auch Bushido oder Peter Fox. Wo mein Platz da genau ist? Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe nur gemerkt: Fuck it, ich habe keine Angst vor irgendwas.

Neue Gefühle in den Texten, die Schulinitiative "Crossover", Ihre Teilnahme an "Live Earth" – macht Samy Deluxe jetzt auf Bono?


Ich finde Bono cool. Das ist immer die letzte Karte der Antis: Wenn es nichts zum Meckern gibt, dann kritisiert man auch die guten Dinge. Die Kids in der Schulen sagen auch nicht zu mir: Da kommt der Samy wieder und macht auf Samariter. Die freuen sich, dass ich da bin und mit ihnen etwas auf die Beine stelle.