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Take That: Back for Money

Take That sind zurück. Der erfolgreichste Pop-Export Großbritanniens seit den Beatles hat sich zehn Jahre nach der dramatischen Trennung wieder zusammengefunden - allerdings ohne Robbie Williams.

Von Thomas Soltau

Vor dem Hamburger Hotel Le Royal Méridien ist es fast wie in alten Zeiten: Teenager stehen dicht gedrängt vor dem Eingang, bewaffnet mit Stiften und Devotionalien ihrer Lieblinge. Immer wieder muss der Sicherheitsdienst die Mädchen auffordern, ein paar Meter zurückzuweichen, damit die Stars in ihre Limousinen steigen können. Drinnen im Hotel wohnen einige Stars, die abends auf der Party von Bravo auftreten. Das Jugendmagazin feiert seinen 50. Geburtstag und Tokio Hotel, Kim Wilde und Roxette spielen in der Color Line Arena ein Ständchen.

Die eigentlichen Stars der Bravo-Sause inszenieren in einem Konferenzraum des Hotels indes ihren eigenen Auftritt. Rund 100 Journalisten warten geduldig auf Gary Barlow, Mark Owen, Jason Orange und Howard Donald, besser bekannt als Vierfünftel von Take That. Als Erster betritt Moderator Kai Pflaume den Raum. Dem Anlass angemessen eröffnet die Allzweckwaffe für gute Laune mal nicht im Anzug, sondern in lockerer Streetwear die Pressekonferenz mit dem neuen Video zur Single "Patience".

Schnell wird klar, dass die Briten mit der Ballade den Stil ihrer alten Hits kopieren. Gar nicht mal so schlecht. Danach entern Take That die Bühne. Spätestens zu dem Zeitpunkt wissen wir, die Stimmen der Jungs sind das einzige, was noch an glorreiche Zeiten erinnert.

Zahn der Zeit nagt an Take That

Sieht man das Quartett so vor sich, kann der Titel des neuen Albums "Beautiful World" wohl nur als Euphemismus verstanden werden. Alles andere als wunderschön erscheinen die Jungs zur Pressekonferenz, das einstige Poster-Boy-Image ist Lichtjahre entfernt. Ziemlich haarig und zugewachsen sieht Howard aus. Wollmütze, Fünf-Tage-Bart und Falten so tief wie das Atlas-Gebirge. Auch Mark erscheint im Schlabberlook und mit Prinz-Eisenherz-Frisur.

Es geht aber noch schlimmer: Gary Barlow, einst großer Konkurrent von Robbie Williams, spaziert mit amtlicher Bierplauze herein. Immerhin hat Barlow nach einigen Depressionen, die im Zusammenhang mit seiner glücklosen Solokarriere standen und ihm zeitweise ein Gewicht von über 100 Kilo bescherten, seine Balance wieder gefunden. In der Zeit nach Take That war er depressiv, hat morgens nicht aus dem Bett gefunden und täglich 15 Zigaretten geraucht. Für die Reunion mit der Boygroup Take That hat er sich dann wieder zusammengerissen, abgenommen und sich gepflegt.

Robbie Williams hatte keine Zeit

Einen Tag nach erscheinen des neuen Albums von Ex-Take-That-Mitglied Robbie Williams war eine Frage für die Journalisten besonders wichtig: Warum wollte Robbie nicht beim Comeback mitmachen? "Wir haben Rob gefragt, ob er dabei sein will", erklärt Jason Orange. Williams habe sich für die Nachfrage bedankt, so Orange, aber wegen seiner eigenen Tour aber keine Zeit gehabt. Na ja, wer selbst den Pop-Olymp erobert hat, möchte mit Verlierern wenig zu tun haben. Denn die Solo-Projekte von Mark Owen und Gary Barlow waren finanzielle Flops. Während Owen wenigstens noch die Kritiker auf seiner Seite wusste, waren Barlows Versuche so kläglich, dass ihn die Plattenfirma schließlich rausschmiss.

25 Million verkaufte Platten haben Suchtpotential

Dieser Umstand, so unken Zyniker, könnte auch der Antrieb für die Wiedervereinigung der Band sein. "Unser Album haben wir erstmals zusammen, als Band, geschrieben", sagt Mark Owen. Durch die Solo-Karrieren haben wir uns alle verändert, haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, sind unabhängiger geworden.“ Aber nicht reicher und berühmter. Das Gefühl, auf der Bühne umjubelt zu werden, brauchen Popstars dieser Größe wie der Junkie sein tägliches Heroin. 25 Millionen verkaufte Platten und acht Nummer-eins-Singles sind der Stoff, von dem man schwer wieder loskommt.

"Back for good" ist in Großbritannien bereits geglückt

In ihrer Heimat finden Take That diesen Stoff seit kurzem: Dort beglückten sie auf ihrer ersten Wiedervereinigungs-Tour 700.000 Fans mit 32 Shows. Die gesamte Tour war innerhalb von zwei Tagen ausverkauft, eine Euphorie wie zur Blütezeit als sie mit "Back For Good" die Charts stürmten. Die Erwartungshaltung der britischen Fans haben Take That voll erfüllt - im Repertoire waren nur Hits der alten Alben. Deutsche Fans müssen sich in Geduld üben, eine Tour steht derzeit noch nicht fest. "Wenn die Platte in Deutschland gut läuft, dann gibt es wohl auch eine Tournee", erklärt Gary Barlow. Und fügt hinzu: "Wir haben jetzt schließlich Kinder zu Hause. Und obwohl Deutschland immer sehr gut zu uns war, lassen wir es als Old-Men-Band etwas langsamer angehen."

Dann ist die Pressekonferenz mit dem Weichspülgang beendet. Kritische Fragen? Fehlanzeige. Die Band lacht und freut sich aufs Mittagessen, Kai Pflaume drängt zum Aufbruch. Und Take That machen sich auf den Weg zur Bravo-Party. Mit einem Bombardement von Teddybären müssen sie nicht rechnen. Die fliegen vorher auf die Bühne - dann spielen Tokio Hotel.