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Britische Boygroup Wie Take That die USA erobern

Take That
Mark Owen (l-r), Gary Barlow und Howard Donald von der britischen Band Take That wollen es noch einmal wissen: Am Freitag ist ihr neues Album "Wonderland" erschienen.
© Axel Heimken/DPA
Ein Carpool-Karaoke. Ein eigenes Band-Musical. Eine Reunion mit Robbie Williams. Eine Show in Las Vegas. Wer Take That abgeschrieben hatte, sieht sich getäuscht: Die Band um Gary Barlow greift jetzt erst recht nach den Sternen, wie sie dem stern beim Gespräch in London verriet.
Von Katja Schwemmers

Ein Dutzend Leute wirbeln durch die Suite im Ham Yard Hotel im Londoner Stadtteil Soho. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man Mariah Carey in dem Raum nebenan vermuten. Tatsächlich sind es aber Take That, genauer gesagt die seit 2014 zum Trio geschrumpfte Version der ehemaligen Boyband, die hier für Interviews Hof hält. In Großbritannien sind sie so etwas wie Nationalheiligtum. Mit 45 Millionen verkauften Tonträgern gehören sie zu den erfolgreichsten britischen Popbands aller Zeiten. Als nach Robbie Williams auch noch Jason Orange ausstieg, gab es zurecht Zweifler, ob das überhaupt funktionieren könne.

Die größten Zweifler waren Gary Barlow (46), Howard Donald (48) und Mark Owen (45) selbst. "Klar, kam uns der Gedanke, dass das nun das Ende für die Band sein könnte", gesteht Barlow. Doch den Fehler von 1996, Take That vorzeitig aufzulösen, wollte Barlow, der in der Zeit danach depressiv und fett wurde und Marihuana in Kette rauchte, nicht noch einmal machen.

Wie ein Burger ohne Boulette

Auch wenn hierzulande immer noch Fans behaupten, Take That ohne Robbie Williams sei wie ein Burger ohne Boulette: Irgendwie scheinen Take That tatsächlich zur unverwüstlichen Marke geworden zu sein - egal, ob sie als Quintett oder als Trio unterwegs sind. In Großbritannien landete die Platte mit dem bezeichnenden Titel "III" an der Spitze der Charts, die anschließende Tour war in Windeseile ausverkauft. Mit "Wonderland" (Polydor/Universal) erscheint nun das achte Studioalbum und das zweite als Trio.

Und so viel steht fest: Derart schillernd und ambitioniert klangen Take That noch nie. Plötzlich scheint auch eine Karriere in den USA, die selbst Robbie Williams immer verwehrt blieb, greifbar nah. Take That präsentierten die Single "Giants" in der Veröffentlichungswoche live in der amerikanischen "The Late Late Show" mit James Corden. Für den britischen Wohltätigkeitsevent "Red Nose Day" zeichneten sie zudem eines der berühmt-berüchtigten "Carpool Karaoke" mit Corden auf - damit hatten sich zuvor schon Lady Gaga, Bruno Mars, Adele und Michelle Obama ins virale Licht gerückt.

Fragt man Barlow nach seinen USA-Ambitionen, wiegelt er jedoch ab: "Man sollte das nicht überbewerten. James Corden ist ein guter Freund von mir. Aber wir haben als Band gar nicht die Zeit, um uns um Amerika zu kümmern. Ein erfolgreicher Act in Europa und Großbritannien zu sein, lastet uns völlig aus."

"The Band" als Musical

Für Barlow war der Auftritt bei Corden allerdings nicht der erste in den USA. 2015 brachte er am New Yorker Broadway das Peter-Pan-Musical "Finding Neverland" erfolgreich an den Start und sang Songs daraus in "Good Morning America". Das Musiktheaterstück wird noch in diesem Jahr ans Londoner West End umziehen. Offensichtlich hat Barlow zumindest die Ambition, der nächste Andrew Lloyd Webber zu werden. Kürzlich feierte sein zweites Musical "The Girls", das auf der britischen Filmkomödie "Kalender Girls" von 2003 basiert, in London Premiere. Klar, dass da auch der Schritt zum eigenen Take-That-Musical nicht mehr weit war. Die BBC machte aus dem Casting Anfang des Jahres gleich eine komplette TV-Show, die sich über zwei Monate erstreckte. Und am Ende blieben fünf junge Männer übrig, die in dem Stück "The Band" verkörpern sollen.

"Das Take-That-Musical ist das Projekt, über das wir uns als Band in diesem Jahr am meisten freuen", bekennt der Take-That-Leadsänger. "Es hat schon eine erste Lesung des Stoffes gegeben. Wir saßen da und haben es einfach nur genossen. Ich fühlte mich dabei selbst wie ein Take-That-Fan!" Einen mittelprächtigen Shitstorm gab es allerdings, als bekannt wurde, dass die gecasteten Herren gar keine Sprechrollen haben werden, sondern lediglich die Hits der 1989 in Manchester gegründeten Gruppe darbieten sollen.

"Wir erzählen darin ja auch nicht die Geschichte von Take That. Das wäre zu vorhersehbar, so was wurde bereits mit dem Musical 'Jersey Boys' gemacht", sagt Barlow. "Es wird eine wundervolle Geschichte über fünf Mädchen sein. Uns war schnell klar, dass unser Stück einen anderen Blick werfen muss auf das, was wir in 25 Jahren Bandgeschichte erreicht haben. Die Lieder von Take That sind der Soundtrack zum Leben vieler Menschen. Die Ambition für das Theaterstück ist, losgelöst von uns und der Band die Songs in eine Form zu gießen und sie für die Menschen erlebbar zu machen." Auch die ausgestiegenen Bandmitglieder Robbie Williams und Jason Orange seien über jeden Schritt involviert und hätten Mitspracherecht, was das Script angeht, versichert Barlow.

Doch bald wieder zu fünft?

Was dennoch nie aufhören wird, sind die Schlagzeilen darüber, wann Robbie Williams sich für ein Album oder eine Tour wieder mit Take That zusammenschließen wird. Ihr gemeinsames Album "Progress" ist bereits sieben Jahre her. In jüngster Zeit hatte es bereits zwei Reunions auf der Bühne gegeben: Zum einen überreichten Take That ihrem Kollegen den Brit Icon Award in London. Zum anderen performten sie beim TV-Finale von "Let It Shine" mit Williams. "Das Wort Reunion klingt immer so spektakulär, aber das ist es für uns nicht. Wenn Robbie jetzt durch die Tür kommen und dieses Interview zu Ende bringen würde, würde sich das nicht mal komisch anfühlen. Wir haben so viele Jahre miteinander verbracht. Er kann jederzeit wiederkommen, und ich bin mir sicher, er wird es auch eines Tages tun", so Barlow. Eine Kooperation der besonderen Art gibt es im neuen Video zur Single "Mixed Signals" von Robbie Williams. In einer Version des Clips spannt am Ende Gary Barlow seinem ehemaligen Widersacher Williams die Frau aus. "In der Realität ist so etwas selbst in den wilden Neunzigern nicht vorgekommen", beteuert Barlow.

Robbie ist ihr größter Antrieb

Konkurrenzdenken in Bezug auf Williams ist dennoch gut für die Kreativität, bekennen Take That. Dass ihr neues Album so dynamisch, euphorisch und flamboyant ausgefallen ist, liegt nämlich nicht zuletzt an Williams. "Als wir angefangen haben, an 'Wonderland' zu arbeiten, war auch Robbie gerade mit seinem Album beschäftigt. Wir trafen uns ein paar Mal", erinnert sich Barlow. "Wir spielten ihm ein Lied von uns vor, er zeigte uns einen neuen Track von sich. Er will der Beste sein, wir wollen die Besten sein. Da gibt es immer Konkurrenz! Aber das spornt uns auch zu Höchstleistungen an."

Las Vegas - mehr geht nicht

Höchstleistungen sind auch erforderlich, wenn Take That als Trio im nächsten Jahr ihre Residenz dort aufschlagen, wo sonst Unterhaltungs-Schwergewichte wie Elton John, Rod Stewart und Britney Spears ihren Platz haben: in Las Vegas. "Uns wurde tatsächlich angeboten, dort eine Show auf die Bühne zu bringen. Es gab sogar schon konkrete Verhandlungen mit dem Theater des Hotelcasinos 'The Venetian', aber das hat sich dann aus Termingründen zerschlagen", sagt Barlow und legt nach: "Wir wollen definitiv als Band in Las Vegas auftreten. Was für eine Art von Show es sein wird, haben wir noch nicht festgelegt. Aber ich liebe Las Vegas! Und Take That und Vegas ist einfach eine gute Idee."


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