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Texas Lightning: Man muss nicht als Cowboy geboren sein

Mit ihrem Hit "No No Never" stürmten sie bis nach Athen und eroberten anschließend die deutschen Charts. stern.de traf die Fünf zum Gespräch - und durfte vorab in die neue Single reinhören.

Von Carsten Heidböhmer

Vier Herren im akkuraten Cowboy-Anzug und eine elegant gekleidete Dame sitzen um einen Tisch herum und lauschen gespannt den Klängen, die aus den Lautsprechern kommen. Was auf den ersten Blick anmutet wie ein Probelauf für den Kölner Karneval, ist in Wirklichkeit ein verspätetes Mittagessen der Musikgruppe Texas Lightning. Gerade hat Olli Dittrich alias "Ringofire" ein Tape mit dem neuesten Mix für ihre kommende Single-Auskoppelung eingelegt. Nun diskutieren die Bandmitglieder angeregt darüber, was für die endgültige Version noch zu ändern ist. "Die Dobro muss mehr in den Vordergrund", findet Markus Schmidt. Uwe Frenzel und Jane Comerford diskutieren darüber, wie man das Loch zwischen Strophe und Refrain schließen kann.

"I Promise" heißt das Stück und soll in den Charts für ähnlich viel Furore sorgen wie ihr Hit "No No Never", der die Country-Band bis ins Finale des Eurovision Song Contest nach Athen führte und sich anschließend wochenlang an der Spitze der deutschen Charts festsetzte. Mit ihrem neuen Titel könnten sie einen ähnlichen Erfolg landen: Der Text stammt ebenfalls aus der Feder von Jane Comerford und setzt sich ähnlich schnell im Ohr fest wie ihr Grand-Prix-Song. Am 29. September soll die CD in den Läden stehen. Schließlich hungert die große Anhängerschaft der Band nach neuem Stoff.

Für Menschen von acht bis 80

Um die Zeit bis dahin ein wenig zu verkürzen, touren Texas Lightning seit dem 1. September einmal quer durch Deutschland. Sowohl die großen Metropolen Hamburg, München oder Berlin stehen auf dem Programm als auch kleinere Städte wie Hanau, Flensburg oder Marburg. Sogar einen Abstecher in das "17. Bundesland" Mallorca ist eingeplant. Denn Fans hat die Combo überall - und in allen Altersgruppen. "Unser Publikum ist ganz gemischt. Wir haben Menschen von acht bis 80", berichtet Jane Comerford. Für Jon Flemming Olsen bilden die Zuschauer einen guten Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft: "Man kann das Land in ganz klein auf unseren Konzerten abbilden", sagt der Musiker, der vielen als Imbissbudenbesitzer "Ingo" aus der TV-Comedy "Dittsche" bekannt ist.

Olsen ist schon am längsten dabei und gilt als der "Vater" von Texas Lightning. Bereits 1996 hatte er einen Vorläufer der heutigen Band gegründet. Aus mehreren Umbesetzungen ist schließlich die heutige Formation hervorgegangen. 2001 gesellte sich Gitarrist Markus "Fastfinger" Schmidt dazu, zwei Jahre später folgte ihm Uwe "Friendly" Frenzel am Bass. Mit dem Einstieg von Olli Dittrich als Schlagzeuger und Sängerin Jane Comerford war die Band 2005 komplett.

Bekannt durch "Dittsche"

Ziemlich schnell fand die Gruppe ihren Weg in die Öffentlichkeit. Anfangs half der Ruhm von Comedian Olli Dittrich, ihre Musik bekannt zu machen. Texas Lightning wurde in den Medien als die Band verkauft, bei der "Dittsche" am Schlagzeug sitzt. Zu den ersten Konzerten kamen tatsächlich ein paar Spaßvögel im Bademantel, die eine Art musikalische Comedy erwartet hatten. "Das hat uns nie gestört. Wir haben ja auch nie was Falsches versprochen", resümiert Jon Flemming Olsen diese Anfangszeit. Und Olli Dittrich ergänzt: "Meine Worte waren damals schon: Wartet, bis das Werk durch sich und für sich selbst spricht, dann wird dieser Aspekt in den Hintergrund treten".

Er sollte Recht behalten. Spätestens seit ihrem Sieg bei der Vorausscheidung zum Grand Prix im März dieses Jahres hat sich die Außenwahrnehmung gewandelt: Fortan wird Texas Lightning als eine gleichberechtigte 5-köpfige Band wahrgenommen, die mit solidem musikalischen Background Spaß auf die Bühne bringt.

Country mit persönlicher Note

Das Konzept, sich Popklassiker anzueignen und im Country&Western-Gewand wiederzugeben, war zumindest in Deutschland neu. Country-Musik war schon immer das Steckenpferd von Jon Flemming Olsen. Doch die anderen Musiker konnten sich schnell einarbeiten, schließlich sind allesamt gestandene Profis. Schnell eignete man sich das Basisrepertoire an und begann dann, der Musik eine persönliche Note zu verleihen. Denn es geht der Band nicht darum, die perfekte Stilkopie abzuliefern. "Mich persönlich interessiert an allem, was ich mache, die Möglichkeit, daraus etwas Eigenes zu machen und dem etwas Neues hinzuzufügen. Dazu muss man nicht als Cowboy geboren sein", erklärt Dittrich das Konzept der Band.

Und das scheint bislang aufzugehen. Beim Eurovision Song Contest durfte man vor 300 Millionen Fernsehzuschauern spielen, ein vorläufiger Höhepunkt in der Bandgeschichte. Der Grand Prix hat das beschauliche Musikerleben der Fünf allerdings auch grundlegend verändert. "Die Woche in Athen war ein Erlebnis, das keiner von uns vergessen wird", erzählt Uwe Frenzel, dessen Beiname "Friendly" keinesfalls zuviel verspricht.

Der Erfolg mit ihrer Eigenkomposition "No No Never" hat die Band nun dazu veranlasst, mehr eigene Stücke in ihr Repertoire einzubauen - soweit es die knappe Zeit erlaubt. Der Rummel um die Band ist seit Athen stark angestiegen. Das ist auch an diesem Tag so, während die Gruppe am Tisch beisammen sitzt. Seit 11 Uhr morgens haben die Musiker in einem Studio im Hamburger Stadtteil St. Pauli für die Kamera posiert. Ein Shooting mit dem renommierten Fotografen Matthias Bothor steht auf dem Programm. Stundenlang still stehen kann auch harte Arbeit sein, und erst um 17 Uhr gönnen sie sich eine Pause. Statt saftiger T-Bone-Steaks, wie man es bei Cowboys erwartet hätte, steht heute Sushi auf dem Speiseplan. Auch beim Essen stellen Texas Lightning klar: Man muss wirklich nicht als Cowboy geboren sein.