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U2-Sänger Bono Die Gutmensch-Maschine


Wenn irgendwo auf der Welt die Mächtigen konferieren, ist er nicht weit: Popsänger Bono von U2 sieht sich als "Stimme der Ärmsten". Doch die Nähe zu den Eliten nutzt vor allem ihm selbst.
Von Jochen Siemens

Uff, geschafft: Die Festplatte ist wieder sauber. War auch nicht so schwer, man musste nur diesen Link finden, der "SOI entfernen" heißt und sich kurz belehren lassen, dass man die nun entfernte Musik (so geht's) nach dem Entfernen kaufen müsse. Kaufen! Haha! Warum soll man etwas kaufen, was man nicht mal geschenkt haben möchte?

Na ja, wenigstens mal ein paar Minuten in die Songs reingehört? Nein. Der einfachste Grund: weil man U2-Musik nicht mag. Noch nie mochte. Prätenziöser, schlechtgelaunter stonewashed Schlepp-Rock mit einem Sänger, der nicht singen kann.

Der nächste Grund: Wenn ein Album nach angeblicher jahrelanger Arbeit 90-millionfach verschenkt wird, ist es entweder wertlos oder so schlecht, dass man es verschenken muss, damit es jemand hört. Doch U2 hat das Album nicht verschenkt, sondern es sich mit der Plattenfirma Universal für geschätzte 100 Millionen Dollar von Apple abkaufen lassen. Irgendwie irre, oder? Die Firma, die einst vorausahnen konnte, was für Computer und Telefone wir haben wollen, bevor wir es selbst wussten. Diese Firma also, die im Übermorgen dachte, verschenkt nun Musik von Vorgestern. Nichts anderes ist U2, deren größte Hits wie "With or without you" über 25 Jahre alt sind.

Selbsternannter Charity-Jesus

Aber darum soll es hier nicht gehen. Sondern um ihn, Bono, wie er sich nennt, der eigentlich Paul David Hewson heißt, 54 Jahre alt ist und aus Dublin kommt. Dieser Hewson hat es nicht dabei belassen, eine Nervensäge des Rock zu bleiben, sondern befördert sich nun seit fast 30 Jahren selbst. Zum Gutmenschen. Ach was: zum besten Gutmenschen des Planeten. Als selbsternannter Charity-Jesus ist er heute der Adabei, der "auch dabei", wo immer sich die Wichtigen und Mächtigen der Welt treffen, gipfeln, konferieren oder Golf spielen. Immer Bono, immer diese Brille und immer die Stimme, "die für die Ärmsten und Verletzlichsten auf der Erde" spricht, wie er selbst sagt. Sein "J'accuse"-Portfolio ist dabei so vage wie eine humanistische Sonntagsrede: Schuldenerlass für die Dritte Welt, Kampf gegen Aids und Hunger. Also alles was man gerne sagt, weil jeder mit dem Kopf nickt.

Erstaunlich ist, an wen Bono alles herankommt: Bill Gates ist sein Freund und Partner in seiner Organisation "One", über die noch zu sprechen sein wird. Bill Clinton, George W. Bush, Warren Buffett, die Uno, der G8-Gipfel. Selbst Angela Merkel konnte es nicht umgehen, ihn anzuhören.

Gewählt hat ihn niemand, beauftragt auch nicht und als Sachverständiger für Entwicklungs- oder Ernährungsfragen geht er auch nicht durch. Nur als Bono. Gut, das könnte man auch als gelungenes Schelmenstück eines Rockers sehen, der die Ruhe der Mächtigen stört. Ist es aber nicht.

Denn während Bill Gates einen Großteil seines Vermögens wirklich einsetzt, um beispielsweise die Malaria-Seuche zu bekämpfen, ist von Bono nicht bekannt, irgendwelche Summen aus dem U2-Vermögen oder seinem eigenen, wozu beispielsweise ein 1,1 Milliarden Dollar schwerer Anteil an Facebook-Aktien gehört, zu spenden.

Er, so sieht er es, spendet sich selbst. "Ich arbeite als Aktivist mein ganzes erwachsenes Leben und ich glaube, es kann keiner bezweifeln, dass es sehr effektiv ist", sagt er. Nun ja. Schon 2008 fiel der "New York Post" auf, dass Bonos Organsation "One" von 15 Millionen Dollar Einnahmen nur knappe 200.000 Dollar an Projekte in Afrika weiterleitet, 8,3 Millionen Dollar allerdings an Gehälter und Kosten für "One" verbucht werden. "One" erklärte damals wie heute, dass es nicht Sinn der Organisation sei, aktiv in Projekte einzusteigen und zu spenden, sondern "Aufmerksamkeit für die Probleme der Welt" zu erzeugen und die "Kampagnen voranzutreiben." Auf gut deutsch: "One" sammelt Geld, damit Bono um die Welt reist und überall über Dinge redet, die andere viel besser verstehen.

Er vertritt eine Allianz aus Superreichen und Investoren

Ist so. Denn "Bono kann Afrika nicht helfen, indem er den Afrikanern die Stimme stiehlt", wie es der britische "Guardian" 2013 kommentierte. Genau besehen ist Bono eben nicht die Stimme der Armen und Hungernden. Die werden gar nicht gefragt. Bono verteidigt beispielsweise die von der G8 geförderte "New Alliance for Food Security and Nutrition in Africa", eine Allianz aus Superreichen und Investoren wie Nestle, Unilever oder Cargill, die im kleinbäuerlichen Afrika große Weide- und Agrarflächen schaffen und das Saatgut monopolisieren wollen.

Nun könnte man wie Bill Gates der Meinung sein, anders als mit kapitalistischer Effizienz sei dem Land nicht zu helfen. Aber man könnte ja wenigstens die Afrikaner fragen, ob sie das auch wollen. Macht aber keiner, man fragt Bono, der von sich selbst ja sagt, er sei die Stimme der Armen.

Bono ist dabei ein Meister der Wortdreherei. Auf die Kritik angesprochen, zu gerne an den Tischen der Reichen und Mächtigen anstatt in den Dörfern in Afrika zu sitzen, kontert er: "Es ist ein Unterschied mit der Macht zu schmusen oder ihr nahe zu sein." Ja, welcher denn? Oder war es so, als Bono mit Apple seinen 100-Millionen-Vertrag unterschrieb, er dabei Apple-Chef Tim Cook die Hungerlöhne, Arbeitsbedingungen und Selbstmorde in den chinesischen "Foxconn"-Fabriken in denen iPhones montiert werden, um die Ohren haute? "Tim, so geht das nicht! Das muss aufhören, sofort!" Er also die "Nähe zur Macht" nutzte? Wohl kaum.

"Lautsprecher elitärer Diskurse"

Der irische Gelehrte Harry Browne veröffentlichte in diesem Sommer ein Buch über die Bono-Maschine und kam zu dem Schluss, "seit fast 30 Jahren als öffentliche Person hat Bono sich zum Lautsprecher elitärer Diskurse und zum Anwalt ineffektiver Lösungen gemacht und die Armen bevormundet, um die Ärsche der Reichen und Mächtigen zu küssen." Bonos Verständnis von Afrika, so Browne weiter, sei "eine clevere Mixtur aus traditionellem Missionarstum und kommerziellem Kolonialismus, in der die arme Welt nur als Ziel dient, das Leben der Reichen zu vervollständigen." Auffällig dabei ist auch, dass nur zwei Afrikaner im 20-köpfigen "One"-Board of Directors zu finden sind. Dr. Ngozi Okonjo-Iweala, Finanzministerin von Nigeria, und Dr. Mo Ibrahim, ein Mobilfunk-Mogul und Investmentfond-Gründer. Stimmen der Armen?

Es gibt eine sehr bekannte, aber nicht bestätigte Anekdote aus einem U2-Konzert in Glasgow in diesem Sommer. Bono soll dabei ganz vom Pathos besoffen auf der Bühne gestanden haben und langsam mit den Händen geklatscht haben. "Immer wenn ich klatsche, stirbt ein Kind in Afrika", soll er gesagt haben. Jemand aus dem Publikum rief zurück: "Dann hör doch auf zu klatschen." Verbürgt ist dagegen ein bitterer Spott-Tweet, der in der vergangene Woche zum millionenfach verschenkten U2-Album die Runde machte: "Makembe ist 12. Er muss acht Kilometer laufen, um an sauberes Wasser zu kommen. Seine iTunes-Bibliothek hat aber ein gratis U2-Album bekommen. Bitte spendet, um den Schmerz zu stoppen."


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