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UK-Newcomer The Hoosiers: Comic-Helden auf Abwegen

Er sieht aus wie Ben Stiller, klingt wie Robert Smith und hätte fast David Beckhams Nachfolge als Profifußballer angetreten. Irwin Sparkes stürmt gerade mit seiner Band die britischen Charts. Bei uns sind The Hoosiers noch ein Geheimtipp. Aber nicht mehr lange.

Von Katharina Miklis

Mit den Engländern und der Ästhetik ist das so eine Sache. Das weiß man spätestens nach dem ersten Mallorca-Urlaub. Vielleicht rührt daher auch die Liebe der abgehärteten Briten zum schillernden Glamrock. Pailletten-Overalls bei The Darkness, Kitsch-Overkill bei den Scissor Sisters und Mika. Und jetzt also The Hoosiers - Geheimtipp aus London. Auch diese kleine, feine Newcomerband aus Great Britain übertreibt es gerne mit dem Styling. Sie bevorzugen Superhelden-Outfits oder leuchtende Skelett-Kostüme. Verrückte Engländer. Aber wo sonst ist es noch möglich, dass eine völlig unbekannte Band an die Spitze der Charts prescht. Aus dem Nichts. In Comic-Kostümen.

Superhelden auf dem Weg nach oben

Dave Gahan, Van Morrison, Neil Young und Santana - alte und bitteschön ernst zu nehmende Hasen im Musikbiz - fanden diesen Comic-Aufmarsch wahrscheinlich gar nicht lustig. Sie brachten allesamt ihre Alben im letzten Jahr zur gleichen Zeit in England heraus wie die unbekannten, harmlosen Hoosiers und mussten dabei zuschauen, wie Superman, Batman und Spiderman an ihnen vorbeistürmten. Nachdem bereits die fast schon unanständig eingängige erste Single "Worried About Ray" und der Nachfolger "Goodbye Mr. A" zu Top-5-Hits in den britischen Charts wurden, erreichte auch das Debütalbum der Hoosiers, "The Trick To Life", die Spitze der UK-Verkaufshitliste. Selbst der regenverhangenste Londoner Januartag hat keine Chance gegen den Gute-Laune-Pop der Newcomer. Klar, dass Irwin Sparkes und seine Jungs bereits für den Brit Award nominiert sind - die prestigeträchtigste Auszeichnung in der britischen Popmusik. Mitte Februar müssen unter anderem James Blunt, die Kaiser Chiefs und Kate Nash neben The Hoosiers um die begehrte Brit-Trophäe in der Kategorie "Best British Single" zittern. Für Blunt wäre es das geringere Übel, wenn The Hoosiers an ihm vorbeiziehen würden. Er geht mit den Jungs im März auf Deutschlandtour. Spätestens dann werden The Hoosiers kein Geheimtipp mehr sein.

Dabei hätte - wie so oft im Leben - auch alles ganz anders kommen können. Die Geschichte der Hoosiers beginnt mit einer pathetischen Lebensweisheit von Irwin Sparkes' Chemielehrer im britischen Reading. "Wie kann man über das Leben schreiben, wenn man überhaupt noch nicht gelebt hat? Lebt erst einmal, dann schreibt darüber." Da war Sparkes süße 16 und nahm sich den weisen Rat seines Lehrers artig zu Herzen. Immerhin war der in seinem "früheren Leben" mal Schlagzeuger der 70ies-Popgruppe Sailor. Zusammen mit Kumpel Alfonso Sharland zog Sparkes in die USA, um dort an der Universität von Indianapolis ein Fußballstipendium anzunehmen. Ja, richtig. Fußball. Mit der Profikarriere wollte es allerdings nicht so richtig klappen und so kehrten die beiden nach Great Britain zurück, um sich ernsthaft mit ihrer Musik zu beschäftigen.

Tom Waits, Thom Yorke und die ganzen anderen großen Toms

Zum Glück hatte es auch den skandinavischen Bassisten Martin Skarendahl auf seiner Pilgerreise durch Europa über Oslo und Paris nach London verschlagen, wo sich die Wege der drei Jungs kreuzten und das Triumvirat The Hoosiers gegründet wurde - eines der schrägsten Pop-Exporte des Vereinten Königreichs. Den Rat des weisen Chemielehrers haben The Hoosiers längst umgesetzt - das bezeugt das Debütalbum "The Trick of Life". Dem Teenageralter entwachsen, wissen sie heute, was sie tun. "Wenn ich meine Zeit als Anfangzwanziger in einem Wort zusammen fassen müsste, würde ich sie als 'ruhelos' bezeichnen", so Sänger und Ben-Stiller-Lookalike Sparkes. "Man probiert viele Dinge aus und stellt fest, dass sie keine Antwort bieten. Man ist auf der Suche und genau so sind viele unserer Songs. Das ist es auch, was ich an Tom Waits, Thom Yorke, Tom Jones und den ganzen anderen großen T(h)oms mag: Da gibt es Herzschmerz. Den Musikern fehlt etwas. Und genau das spürt man in der Art und Weise des Songwritings, des Arrangements und der Interpretation."

Martin Skarendahl, Alfonso Sharland und eben Irwin Sparkes bedienen sich allzu gerne an guten Ideen ihrer Vorbilder. Das hört man. Ein bisschen Electric Light Orchestra, etwas Supertramp und The Flaming Lips und hier und da ein wenig The Cure. Wie drei aufgedrehte Jungs im Süßwarenladen, scheinen sie nach allem zu schnappen, was süß und verlockend klingt, und verpassen dem klebrigen Zeug ihren schrägen Humor und fröhlichen Sound. Fernab von aufgesetzt leidenden Attitüden. Abgedreht, mit nahezu programmatischer Skurrilität, aber niemals albern. "Wir könnten uns nie und nimmer damit zufrieden geben, einen Song übers samstagabendliche Saufen zu schreiben", betont Bassist Martin Skarendahl. Aber die typischen Junge-trifft-Mädchen-Liebeslieder gehen auch nicht: "In der Phase, in der wir uns mit unserem Songwriting zur Zeit befinden, halten wir es nicht für angebracht, die Welt mit einem weiteren Liebeslied zu belasten", fügt Sparkes hinzu, der mit seinem Kopfstimmen-Overkill das ein oder andere Mal an die Falsett-Höhenflüge von The-Darkness-Sänger Justin Hawkins erinnert. Nach Mika und Kate Nash zeigt die Brit-Pop-Insel mit The Hoosiers einmal mehr, dass sie die schrägsten Newcomer mit dem größten Suchfaktor hervorbringt. Wir können nicht mehr anders: Wir wollen mehr davon.