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Zirkusmagie: Tanze, Afrika, tanze!

Die Zirkusshow "Afrika! Afrika!" feierte am Dienstag in Frankfurt Premiere. André Heller hat dafür Artisten aus ganz Afrika engagiert. Der stern begleitete die spannende Talentsuche.

Der Mann mit dem Handy trinkt Kaffee, es ist sein sechster heu te. Seit mehr als 20 Stunden ist er unterwegs und dabei einmal um die halbe Erde geflogen: von Frankfurt runter nach Südafrika, dann wieder rauf bis Tansania. Hier, in Daressalam, soll er sich eine Gruppe Artisten ansehen. Dazu muss er erst mal seinen Kontaktmann treffen, einen gewissen Winston Rudell. Aber der sagt ihm gerade am Telefon, dass er den Termin vergessen habe. Vergessen. Einfach so.

Der Mann mit dem Handy heißt Thomas Englberger und kommt aus Frankfurt. Eigentlich arbeitet er beim Witzigmann Palazzo, einer Art umhertourendem Restaurant mit artistischen Beilagen. Englberger war noch nie in Afrika, und er sieht auch nicht so aus, als sei er gern hier. Eher wie ein Schiffbrüchiger. Drängelnde Taxifahrer fuchteln mit den Händen vor seinem Gesicht herum, Händler in zerrissenen Shorts wollen ihm Radkappen verkaufen. Links und rechts der asphaltierten Hauptstraße flimmert die Luft über Sandwegen und grauen Dächern.

Klar, in Afrika sollen die Uhren anders gehen, das hat Englberger auch schon gehört. Aber leider nicht auf seinen Zeitplan übertragen. Als Winston Rudell doch noch auftaucht, gut gelaunt und ohne schlechtes Gewissen, ist Englberger einfach nur erleichtert. "Das ist Afrika, Mann", sagt Winston grinsend. "Erst geht alles ganz langsam, dann geht alles ganz schnell."

Der Mann aus Frankfurt und der Mann aus Tansania - sie treffen sich, weil André Heller eine Vision hatte. Die Vision einer gigantischen Zirkusshow: "Afrika! Afrika!" soll sie heißen und am 14. Dezember in Frankfurt Premiere haben. Jetzt ist August, geprobt wird ab Oktober. Heller bleiben also nur noch zwei Monate, um mehr als 120 Künstler mit afrikanischen Wurzeln nach Deutschland zu holen. Und er hat genaue Vorstellungen von seinem Afrika. Wenn man ihn fragt, wie das aussieht, klingt er wie ein sanfter Prediger: "Die vielen zauberischen Menschen. Die funkelnden Energien. Es gibt so viel Schönes in Afrika. Aber wir reden immer nur von Aids, Armut und Krieg. Wir üben uns gegenüber diesen Menschen in Lieblosigkeit und Desinteresse."

Wer ihm zuhört, wird ganz betroffen. Und ganz dankbar für seine Idee. Er will "diesen Menschen" eine "große Bühne" geben und Afrika als "Kontinent des Staunens" zeigen. "Verwirklichung" nennt er das. Eine Show mit Feuer, Magie, Trommeln, Tanz, waghalsigen Kunststücken, Ursprünglichkeit und Moderne. Und damit das auch klappt, braucht der Verwirklicher Helfer. Leute wie Thomas Englberger, die durch das reale Afrika reisen und Artisten suchen.

Haidari hat keine Vision von Afrika, er lebt hier. Von André Heller hat er noch nie gehört, und was dieser Mr. Englberger will, ist ihm auch nicht ganz klar. "Der Mann ist wichtig. Er kann euch nach Deutschland holen", hatte Winston zu ihm und den anderen Jungs gesagt. Winston Rudell, ein bulliger Mann in weißem Feinripp-Shirt, ist früher selbst in Deutschland als Akrobat aufgetreten. Inzwischen arbeitet er als Trainer und schafft neue Artisten ran. Für den Witzigmann-Palazzo zum Beispiel oder jetzt für Hellers Show. "Ist ein ganz guter Deal", sagt er - etwa 200 Euro die Woche sollen seine Turner bei "Afrika!, Afrika!" bekommen, Unterkunft und Essen sind frei.

Haidari und seine Freunde

sehen nicht so aus, als hätten sie schon einmal gute Deals gemacht: zehn Jungs in Badeshorts und T-Shirt. Mit 21 ist Haidari der Älteste. Deutschland kennt er zwar nicht, aber über seinem Bett mit den bunten Wolldecken hängt eine Schweizer Alpenlandschaft. Blauer Himmel, weiße Berge, grüne Wiese. Für ihn ist das Deutschland. In solch einer Kulisse aufzutreten kann er sich gut vorstellen, er fragt sich nur, wo die Zuschauer sitzen sollen. Und in Deutschland ist es ja auch sehr kalt. Hat er gehört. Vielleicht nimmt er seine Wolldecken mit.

Bevor Winston in ihr Viertel kam, wussten Haidari und seine Freunde nicht, dass sie Akrobaten sind. "Tricks" nennen sie die Kunststücke, mit denen sie ihre Zeit totschlagen, und die lernt man von den Größeren auf der Straße. Auf Händen laufen, Flic-Flac, sich gegenseitig auf die Schultern nehmen und immer höhere Menschenpyramiden bilden. Einfach so, zum Kräftemessen - und natürlich auch zum Beeindrucken der Mädchen. Wenn man gut ist, macht man die "Tricks" vor Publikum und verdient etwas Geld. Will Haidari Karriere machen im Zirkus? Er guckt ein wenig verzweifelt. So, als sei das ein Testfrage, auf die er keine Antwort weiß. Eigentlich macht er das alles doch nur aus Spaß.

Wortlos dehnen die Jungs auf dem Estrichboden ihre Muskeln. Thomas Englberger hat sein Handy gegen einen Camcorder getauscht. Es wird ernst. Show Time für den Mann aus Deutschland. Die "Zirkusschule" von Tansania, wie Hellers PR-Agentur die karge Halle bezeichnet, gehört zu einem Hotel, das die Schnapsflaschen am Tresen hinter Gittern verschließt: vier Mauern, Neonröhren und Wellblech - normalerweise feiert man hier Hochzeiten.

Sie sollen sich jetzt zusammenreißen, sagt Winston. Das wollen sie auch. Aber irgendwie müssen sie trotzdem die ganze Zeit kichern. Jemand schaltet den tragbaren CD-Player ein. "Don't be shy!", brüllt Winston. "Smile! Smile!" Dann geht es los: "Tumbling" - wirbelnde Überschläge mit eineinhalb Meter hohen Sprüngen aus dem Stand. "Typisch afrikanisch", erklärt Winston leise und donnert laut "Shout!" in die Runde. "Hu-ha!", brüllen die Jungs. Winston nickt. Er weiß, was man vom afrikanischen Temperament erwartet. Der "Pole-Act" ist die Spezialität seiner Jungs: Akrobatik an sechs Meter hohen Metallstangen. Wenn da jemand abrutscht, knallt er auf den blanken Boden. Aber alles klappt. Thomas Englberger ist begeistert. Die Jungs sind dabei. Und er endlich wieder im Zeitplan. Acht Stunden später fliegt er weiter nach Addis Abeba, Äthiopien.

"Addis" ist eine Stadt, in der vieles fehlt. Firmen, bei denen man arbeiten könnte zum Beispiel, Eltern, die ihre Kinder zur Schule schicken. Deshalb ist es so wichtig, dass es den Zirkus gibt.

Er liegt gegenüber der Mobil-Tankstelle, auf einem buckligen Grashügel inmitten der Hütten und Häuser im Stadtteil Lamberet. "Ein ärmliches Viertel", sagt Daan van Bree, und man möchte sich lieber nicht vorstellen, wie ein wirklich armes Viertel aussieht. Der 29-jährige Niederländer arbeitet hier als Entwicklungshelfer, denn wie fast alles wird auch der "Circus in Ethiopia" durch Hilfsorganisationen unterstützt. Aids, Armut und Krieg sind Alltag - deshalb hat der Zirkus eine klare Funktion: Zwischen Jongliernummer und Seiltanz erklären die Jugendlichen ihren Zuschauern, wie man Kondome benutzt, dass Mädchen auch etwas wert sind, und Bildung wichtiger ist als eine Waffe.

Mit seinen langen Locken

und dem bunten 70er-Jahre-Hemd könnte man Daan van Bree für einen versponnenen Späthippie halten. Aber das ist er nicht. "Die Kinder hier brauchen etwas, das unabhängig von Spenden funktioniert, etwas, womit sie Geld verdienen. Business halt. Wenn wir sie zu Hellers Show schicken, ist das ein Business. Aber dann wollen wir auch eine längerfristige Zusammenarbeit." Für Thomas Englberger beginnt der schwierigste Teil seiner Reise. Er hat die Aufführungen der Jugendlichen gesehen, die wirklich gut sind. Manche von ihnen waren über zwei Tage unterwegs, sind extra vom Land nach Addis gereist.

Er hat die Mädchen gesehen, die sich verbiegen können, als sei ihre Wirbelsäule aus Gummi. Die Nervosität in ihren Augen. Die kleinen Kinder, die ihm zeigen wollten, wie gut auch sie schon den Handstand können. Die Begeisterung. Die Freude. Die Herzlichkeit in diesem Viertel, in dem die Häuser offen stehen und überall Musik läuft. Er hat das alles gesehen. Er hat es sogar auf Video. Aber er hat auch einen Chef.

Der heißt Matthias Hoffmann und kommt aus Mannheim. Hoffmann, 55, wurde als Produzent der "Drei Tenöre" bekannt und 1998 wegen Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe verurteilt. Nur drei Jahre später begann er mit dem "Witzigmann Palazzo" Erfolg und Vermögen wiederherzustellen. Jetzt ist er Zirkusunternehmer an der Seite von André Heller - als der Mann, der dem Visionär das Geld besorgt für "Afrika!, Afrika!". Fünf Millionen Euro. Verpflichtet so ein Mann sich dazu, über Jahre Geld in eine äthiopische Zirkusschule zu stecken? Für Nachwuchs, von dem er nicht weiß, ob er ihn jemals brauchen wird?

Das Nein hängt dick in der Luft, aber Englberger würde sich trotzdem gern daran vorbeidrücken. Einfach verschwinden, möglichst weit weg von diesen hoffnungsvollen Kinderaugen und dem hartnäckigen Niederländer. Er kann ihn ja verstehen. Aber er muss auch Hoffmann verstehen.

Für die Äthiopier gibt es

noch ein zweites Hindernis, und das heißt "Defection". Verschwinden, untertauchen, absetzen - bei Äthiopiern, die ihre Heimat verlassen, sei das ein großes Problem, heißt es in der deutschen Botschaft in Addis. Selbst Diplomaten sind gelegentlich "verschwunden", und der ehemalige Präsident musste nach einem Staatsbesuch in den USA schon mal ohne seine Leibgarde zurückfliegen. "Natürlich heißt das nicht, dass Äthiopier generell kein Visum bekommen", sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. "Sie müssen nur ihre Rückkehrabsicht glaubhaft machen."

Aber das geht nicht so leicht, wenn man keinen festen Job hat und auch die Eltern kaum Geld verdienen. Es reicht nicht, dass die 18-jährige Tseday sagt, sie würde sich "lieber das Herz rausreißen", als ihre Familie zu verlassen. Und auch nicht, dass ihr Freund Mala sich gerade ein Haus gebaut hat. "Vielleicht gibt es hier ein paar, die abhauen wollen", sagt Tseday. "Aber die finden sowieso einen Weg." Nützt alles nichts. Die Äthiopier müssen draußen bleiben. Für Hoffmann in Mannheim ist das gar nicht so schlecht: Die leidige Frage nach der Zusammenarbeit mit der Zirkusschule stellt sich erst mal nicht mehr.

Mannheim, drei Monate später, im November: Äthiopien ist nicht das einzige Land mit Visa-Problemen. Die Gabuner stecken noch in Kamerun fest, und mit den Ägyptern ist das auch nicht einfach. Die deutschen Botschafter sagen, da könne man nicht viel machen, solange die neue Regierung nicht fest im Amt sei. Das nervt. Vor allem Heller. Mit dem Schily hätte er ja noch verhandeln können, aber soll er jetzt den Schäuble anrufen? Den kennt er doch gar nicht.

Trotzdem wird Hellers Vision inzwischen auch für andere sichtbar. Sein Afrika liegt ausgebreitet auf dem Gelände des ehemaligen Trafo-Werks in Mannheim-Käfertal, direkt neben den Containern von Cargopack. Eine große orangefarbene Zeltplane, die zwei Bühnenmaler mit goldenen Giraffen und Löwen verzieren. Wenn alles fertig ist, wird das Ganze zu einer riesigen Zeltstadt zusammengebaut und mit 28 Sattelschleppern auf Tour geschickt - von Frankfurt nach Hamburg, München, Berlin und Düsseldorf.

Aber so weit ist es noch nicht. Auf der Probebühne schlägt ein junger Mann in Designer-Hose die Hände vors Gesicht. "Wenn ich rede, sollt ihr mir zuhören! Los, Senegal, weiter nach vorn!" Georges Momboye, Tänzer und Choreograph von der Elfenbeinküste mit Wohnsitz in Paris, versucht Ordnung in die wild zusammengewürfelte Tanztruppe zu bringen. "Senegal" hat jetzt aber etwas durcheinander bekommen, und "Südafrika" brüllt "Translation", weil Georges schon wieder nur Französisch redet. Heller gibt zu bedenken, dass es ihm noch ein wenig an "System" fehle und redet gleichzeitig in sein Handy. Es geht um Plakate.

"Meister" wird Heller von seinen Assistentinnen genannt. Für die mehr als hundert Afrikaner aus 15 verschiedenen Ländern ist er einfach nur "Mr. Heller". Mr. Heller mit den weißen Haaren, der am Bühnenrand sitzt und nie laut wird. Der sie "ihr lieben, wunderschönen Menschenkinder" nennt und manchmal so lustige Sachen sagt. Dass sie "Wolken" über die Musik singen sollen, zum Beispiel, und mit ihren Tänzen "die Götter entzücken".

"Was genau macht der eigentlich?", fragt eine Südafrikanerin hinter der Bühne. "Ich meine, ist der in Deutschland eine große Nummer?" Na ja, meinen einige, der habe schon viele Zirkusshows veranstaltet. Mit Chinesen zum Beispiel. Und er habe etwas mit der Fußball-WM zu tun. "Ach, der ist Sportler?"

Es gibt aber auch viel wichtigere Fragen. Wo kann man Handys kaufen? Handschuhe? Und warum gehen in Deutschland eigentlich so viele Leute mit kleinen Hunden spazieren?

Die drei HipHopper

aus der Pariser Banlieue hocken auf einer Holzbank und wollen unter ihren Kapuzenpullis cool aussehen. Die Jungs aus Tansania lernen gerade erst, dass es so was wie Coolsein gibt. Immer wieder zupfen sie an den dicken Daunenjacken der Pariser. Die müssen dann ihre Kopfhörer ausstöpseln und Breakdance-Figuren vormachen. Ein paar Äthiopier sind auch da, aber die kommen aus Kassel. Das europäische und das afrikanische Afrika - viel gemeinsam haben sie nicht.

"Am Anfang konnte ich mit der Idee der Show nichts anfangen", sagt Clive aus Südafrika. "Ich bin Tänzer, nicht Afrikaner. Ich habe mit Leuten aus dem Senegal nicht mehr zu tun als Mr. Heller selbst." Inzwischen sieht er das ein bisschen anders. "Dieser Mann stellt einfach Schwarze aus allen Teilen der Welt auf die Bühne und sagt: 'Ihr seid Afrika.' Und ich glaube, er hat Recht. Es gibt da eine Verbindung." Und wie sieht die aus? "Das weiß ich nicht. Das ist nichts, was man sehen kann. Aber man wird es fühlen."

André Heller fühlt es jetzt schon. "Die Arbeit mit diesen Künstlern ist einfach ganz anders", sagt er. "So freudvoll, so viel positive Energie." Sein Afrika ist so geworden, wie er es sich vorgestellt hat: ein prunkvolles Zelt, spektakuläre Artistik und Fantasiekostüme, die an Fabeltiere erinnern oder an Götter aus einer anderen Welt. Genau in die will Heller seine Zuschauer entführen - und es gelingt seinen Jongleuren, Seiltänzern und Schlangenmenschen, weil sie selbst so viel Spaß an dem haben, was sie hier tun. Ansteckenden Spaß.

Der Verwirklicher aus Österreich hat schon wieder neue Pläne. Er träumt von einem Zentrum für alternative Medizin. Oder von einem weiteren Zirkus. Mit Indern.

Andrea Ritter / print