"3 nach 9" Paar mit Potenzial


Geglückte Premiere: Die erste "3 nach 9"-Ausgabe mit dem Moderatoren-Duo Charlotte Roche und Giovanni di Lorenzo war nicht perfekt, aber frisch, authentisch, unterhaltsam - und die Rollenverteilung klappte schon ziemlich gut.
Von Peter Luley

Was hatte es im Vorfeld nicht alles für Aufregungen gegeben. Da war die CDU-Kulturpolitikerin und Pfarrersfrau Elisabeth Motschmann, die an Äußerungen Charlotte Roches sowie an deren Bestseller "Feuchtgebiete" so sehr Anstoß nahm, dass sie mit einem Positionspapier vor den Fernsehausschuss von Radio Bremen zog. Oder der Vorsitzende der Deutschen Journalisten-Union, Ulrich Janßen, der der "3 nach 9"-Debütantin eine Einlassung verübelte, wonach ihr unterhaltsame Lügen bei Talkgästen lieber seien als langweilige Wahrheiten. Ein Freibrief zum Flunkern im öffentlich-rechtlichen Fernsehen! Herrje, musste gestern der Untergang des Abendlands beweint werden?

Nun ja, wenn man in diesem Geist partout versuchen wollte, dem Premieren-Auftritt Roches in Deutschlands traditionsreichster Talkshow etwas Skandalöses anzudichten, konnte man schon Indizien finden: Sie duzte distanzlos zwei ihrer Gesprächspartner! Sie fragte ihren ersten Gast, den Regisseur Bully Herbig, ob er Filme nicht "mit professionell versautem Blick" anschaue! Und Christoph Schlingensief ging sie gar körperlich an und hielt ihm den Mund zu, als er nicht zum Schluss kommen wollte! Gut möglich, dass das ein Nachspiel im Fernsehausschuss hat.

Man kann aber auch Folgendes festhalten: Roche präsentierte sich bei ihrem "3 nach 9"-Dienstantritt bestens vorbereitet; sie war nicht exzentrisch, sondern lediglich authentisch. Und vor allem: Die Rollenverteilung mit dem routiniert-relaxten Giovanni di Lorenzo klappte auf Anhieb so gut, dass die beiden getrost als Paar mit Potenzial bezeichnet werden dürfen.

Espresso mit Honig gegen Lampenfieber

"Na, Bully", eröffnete die Neue die Runde - und räumte erst mal Lampenfieber ein. "Hast du auch manchmal Lampenfieber?", war ihre naheliegende Einstiegsfrage, die der Filmemacher bejahte. Er empfahl "Espresso mit Honig" als Gegenmittel. Dass Roche sich als Interviewerin um den popkulturell verankerten "Wickie"-Regisseur kümmerte, war schlüssig, denn di Lorenzo hatte, wie er zugab, im ganzen Leben noch nichts von dem Zeichentrick-Wikingerjungen gehört. "Zu viel Feuilleton, stimmt's?", kommentierte Herbig das Geständnis. Genauso schlüssig war umgekehrt, dass di Lorenzo, der schöngeistige Gentleman, die sechssprachige Wunder-Cellistin Sol Gabetta zu ihrem Werdegang vernahm.

Das folgende rund 20-minütige Schlingensief-Interview, das Roche führte und in das sich di Lorenzo immer dann einschaltete, wenn er gefordert war, avancierte zum Höhepunkt der Sendung. Vielleicht nicht gerade im Hinblick auf enge, stringente Gesprächsführung. Aber sehr wohl als echter Dialog, als Auseinandersetzung mit Ecken und Kanten.

"Wie ist das für dich, wenn ich dir sage, dass dein Buch mein Leben verändert hat?", wollte Roche von dem krebskranken Künstler wissen - und nach anfänglicher Reserviertheit redete sich Schlingensief in einen regelrechten Rausch, befand, dass man "das Sterben nicht dem Boulevard überlassen" dürfe, kam darüber auf Parteienwerbung und leistete sich ein fulminantes Anti-FDP-Plädoyer inklusive geharnischter Merkel-Kritik. Damit genau das nicht passiere, lade man in den Wochen vor der Wahl keine Politiker ein, unterbrach di Lorenzo lakonisch und seufzte mit gespielter Resignation: "Heute werden nach vielen Jahren Pause alle Klischees über Radio Bremen noch mal bestätigt." Als Schlingensief schließlich von seinem neusten Projekt, einem Festspielhaus in Afrika, gar nicht genug schwärmen konnte, griff Roche zu dem erwähnten - freundlich-vertrauten - Mund-Zuhalten. Von solchen Momenten leben Talkshows.

Fiese Fragen mit sanfter Stimme

Di Lorenzos Gespräch mit Tibeterinnen aus drei Generationen war dann so wohltemperiert wie - mit Verlaub - zum Durchatmen geeignet, bevor Roche bei der Vorstellung ihrer "Allerlieblingsband" aus London ein wenig Englisch parlieren und an ihre Ursprünge beim Musikfernsehen erinnern durfte. Beim ewig jungen Rock-'n'-Roll-Saubermann Peter Kraus wiederum war es an di Lorenzo, zu zeigen, dass sich auch mit sanfter Stimme fiese Fragen vortragen lassen: "Sie sind unoperiert?" hakte er bei dem gut erhaltenen 70-Jährigen nach, sodass der sich ganz erschrocken wunderte ("wo bin ich denn hier reingeraten?").

Zu guter Letzt durfte noch mal Roche ran mit der Befragung des in Polen erfolgreichen Kabarettisten Steffen Möller. Nachdem sie ihn zu seinen dortigen Erfahrungen mit Entenblutsuppe und Witz-Tabus befragt hatte, schleuderte sie ihm, der als Buchautor das Außenseitertum von Klassik-Fans beklagt, entgegen, sie fände es, ehrlich gesagt, "pervers", dass er bereits als Jugendlicher klassische Musik gehört habe. Und dann, ja, dann drohte sie ihm quasi rückwirkend Gewalt an: "Früher, als Kind, hätt' ich Sie verprügelt auf'm Schulhof!" Das sind natürlich weitere Punkte eines potenziellen Skandal-Protokolls. Aber auch genau die Gründe, aus denen man sich eine Freitagabend-Talkshow dieses Kalibers ansieht.


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