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"Anne Will" Deutschland im Corona-Winter: "Die Alten zeigen auf die Neuen und die Ampel verspielt bereits Vertrauen"

Reicht 2G aus oder müssen wir doch in den Lockdown? Die Frage diskutierte ARD-Moderatorin Anne Will (z.v.l.) unter anderem mit Manuela Schwesig, Jens Spahn und Melanie Amann.
Reicht 2G aus oder müssen wir doch in den Lockdown? Die Frage diskutierte ARD-Moderatorin Anne Will (z.v.l.) unter anderem mit Manuela Schwesig, Jens Spahn und Melanie Amann.
© Screenshot ARD
Fast war es so, als hätte die Chef-Etage schon entschieden, während in der Kantine noch diskutiert wird. Es gibt nichts, was nicht in Betracht gezogen werden kann, so twitterte es Phantom-Kanzler Scholz. In der Runde bei Anne Will sah man das – noch – ein wenig anders.

"Ohne Schonfrist: Gelingt der Ampel-Start in der Corona-Krise?" – so lautete die Sonntagabend-Frage bei Anne Will. Deutschland soll modernisiert werden, der Klimaschutz endlich Fahrt aufnehmen, zwei der Themen des 173 Seiten starken Koalitionsvertrags, den SPD, FDP und Grüne ausgehandelt haben. Dabei drängt ein Thema in diesen Tagen stärker als alle anderen: Wie bekommt man die vierte und bislang dramatischste Welle der Corona-Pandemie in den Griff? Die Inzidenzen nähern sich die 500er-Marke, die Impfquote ist nach wie vor zu niedrig. Reicht das Infektionsschutzgesetz der Ampelkoalition aus? Ist 2G noch effektiv – oder ist ein Lockdown vonnöten?

Zu Gast bei Anne Will:

  • Manuela Schwesig (SPD, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern)
  • Jens Spahn (CDU, Bundesminister für Gesundheit)
  • Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen, Parteivorsitzende)
  • Christian Lindner (FDP, Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender im Bundestag)
  • Melanie Amann (Mitglied der Chefredaktion und Leiterin Hauptstadtbüro "Der Spiegel")

Eine Frage, die man sich als Zuschauer, ob nun als mitschreibender Berichterstatter oder als der Nachtruhe entgegendösender Post-Tatort-Hängengebliebener immer mal wieder stellt: Gibt es wohl so etwas wie einen Stundenplan für die Sendung mit Anne Will? Oder anders gefragt: Weiß Melanie Amann vom "Spiegel", dass sie erst nach bummelig einer halben Stunde zu Wort kommen wird? Wie dem auch sei, sie nimmt es professionell gelassen, ihren Stoßseufzer ob des zuvor Gehörten, kann und will sie gegen 22.15 Uhr dennoch nicht ganz unterdrücken. Und womit? Mit Recht!

Die Regierung "denkt nicht voraus"

Amanns Kernsatz, ihr Fazit der Pandemie einst und jetzt: "Wenn wir in der Scheiße saßen, wurde nicht gehandelt." Klingt drastisch, ist aber angesichts der Lage kaum von der Hand zu weisen. Oder wie die Leiterin des Berliner Hauptstadtbüros des "Spiegels" es angesichts von Krisenstab-Anberaumungen, neuerlichen Runden, dem Plan der Ampelkoalition, das Geschehen noch zehn Tage zu beobachten, weiter ausführte: "Runden aller Art gab es immer, Expertenräte, Konferenzen, und natürlich kann man so etwas wie einen Krisenstab machen, nur: Die neue Regierung macht genau dasselbe wie die alte. Sie denkt nicht voraus, sie will sich die Dinge angucken. Und was ist die erste Maßnahme: die epidemische Notlage wird beendet". Dabei hatte Amann ganz besonders Christian Lindner, den designierten Finanzminister, im Visier. "Sorge macht mir ihre Partei, bei der ein Marco Buschmann noch kürzlich meinte, es gebe in den Krankenhäusern keine systemische Überlastung, später dann zurückruderte und meinte, niemand wüsste, was in drei Monaten sein würde."

Zumindest weiß man, dass Jens Spahn in drei Monaten kein Minister für Gesundheit mehr sein wird, wobei man sich immer mal wieder fragt, warum der Mann in dieser Runde einigermaßen aufgeräumt wirkt, und doch so viel Verbocktes unter seiner Ägide zu verantworten hat. Vielleicht auch, weil seine Parolen nach Monaten der Pandemie ungefähr so gehaltvoll sind, wie Wandtattoos aus einem Online-Kaffeegeschäft: "Wir sind wieder hinter der Welle, wir müssen vor die Welle kommen." Tja, möchte man da sagen. So schaut es wohl aus. Annalena Baerbock gab sich derweil sichtlich Mühe, jene ominös anberaumte Zehn-Tagesfrist mit Leben zu füllen, gab zu verstehen, dass bis dahin geplant, geguckt, vorbereitet würde, denn: "Wir müssen alle Maßnahmen ergreifen."

Keine klaren Antworten auf die Lockdown-Frage

Ein Vorhaben, das Manuela Schwesig in Meck-Pomm längst durchzieht, konsequenter als andernorts, was nicht nur die Fans von Hansa Rostock mit Blick auf volle Stadien in anderen Städten beklagten. "2G+ ist die Devise, die Schließung von Bars und Discos, strenge Kontaktbeschränkungen, auf die Hospitalisierungs-Inzidenz in 3, 6 und 9er-Stufen zu reagieren, aber", so schränkte Schwesig ein: "kein Lockdown mehr für alle, dennoch muss man gucken, ob die Maßnahmen reichen."

Stichwort Lockdown, die Frage nach selbigem verteilte Anne Will immer wieder in der Runde, eine klare Antwort gab es darauf nicht. Womit man wieder bei Olaf Scholz wäre, der da, Sie wissen schon, "nichts, was nicht in Betracht gezogen würde", in Aussicht stellt. Und Christian Lindner? Täuschte es, oder hat der Mann sich am Vorabend des Endlich-richtig-Regierens bereits so einen extraschweren, staatsmännischen Tonfall zugelegt? Die Anekdote vom Warten vor einer Apotheke und dem Gespräch mit der um ihre Existenz bangenden Modeladen-Besitzerin passte da bestens ins Bild. Sehet, wie ich im gemeinen Volk unterwegs bin, die unterschwellige Botschaft, und mir die Sorgen des kleinen Mannes, oder, wie in diesem Falle, der kleinen Frau, anhöre. Melanie Amann bekundete nichtsdestotrotz noch einmal ihre Angst vor der "FDP-Ideologie", die in dieser Lage so gefährlich sei.

Und Karl Lauterbach?

Fazit der Runde am Vorabend einer (hoffentlich) entscheidenden Woche: "Die Alten zeigen auf die Neuen, die Neuen auf die Länder, und die Ampel verspielt bereits Vertrauen", um es mit Anne Will zu sagen. Annalena Baerbock will endlich "Dinge auf den Weg bringen". Seine Aussage, "niemand habe eine afrikanische Virusvariante kommen sehen", darf Christian Lindner gern noch einmal mit der Wissenschaft abstimmen. Und Jens Spahn freut sich auf neun Millionen Impfdosen wöchentlich, die demnächst zur Verfügung stehen würden. Der Abspann läuft fast schon, da versucht Anne Will noch herauszukitzeln, ob denn nun Karl Lauterbach Gesundheitsminister wird oder nicht. Eine Frage, die sich, ebenso wie die nach dem Lockdown, am besten mit einer Zeile aus einem Klassiker von Fettes Brot beantworten ließe:

"Ja klar, äh nein, ich mein jein".

cl

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