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TV-Kritik

"Babylon Berlin" im Ersten: Eine Reise in die Abgründe der deutschen Seele

Endlich auch im Free-TV zu sehen: Die Serie "Babylon Berlin" liefert ein Sittenbild der Goldenen Zwanziger und wirft einen tiefen Blick auf ihre Schattenseiten.

Babylon Berlin

Szene aus "Babylon Berlin": Im Club Moka Efti werden die wildesten Partys gefeiert.

Dieser Serie eilt ein Ruf voraus. Lange, bevor die ersten Bilder zu sehen waren, galt "Babylon Berlin" als teuerste deutsche Produktion aller Zeiten. 40 Millionen Euro sollen die 16 Folgen verschlungen haben. "So versext wird 'Babylon Berlin'", schnappatmete seinerzeit der "Berliner Kurier".

Wer jetzt eine Orgie aus Sex und Gewalt befürchtet, kann sich getrost zurücklehnen: "Babylon Berlin" ist nichts von alledem. Es ist zuallererst eine eigenständige Serie, die über eine spannende Story und starke Charaktere verfügt - und dabei immer die deutsche Geschichte im Auge behält. Wer will, kann aus den Folgen auch Gründe für den Aufstieg des Nationalsozialismus herauslesen.

"Babylon Berlin" erzählt aus der deutschen Geschichte

Im Zentrum der auf Volker Kutschers Bestseller "Der nasse Fisch" beruhenden Geschichte steht der Kölner Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch). Der hat sich nach Berlin versetzen lassen, um einen komplizierten Fall aufzuklären: Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer wird mit erotischen Fotos erpresst - die Drahtzieher werden in Kreisen der Berliner Mafia vermutet. So heuert Rath bei der Sitte an, wo er an der Seite des hemdsärmeligen Oberkommissars Bruno Wolter (Peter Kurth) die Berliner Bordell- und Porno-Szene durchleuchtet. Im Polizeirevier am Alexanderplatz arbeitet auch die aus einfachsten Verhältnissen stammende Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die im Berliner Nachtleben den Lebensunterhalt für ihre Familie verdient.

Die Kriminalgeschichte ist der erzählerische Rahmen, spannend ist, was "Babylon Berlin" daraus macht: Die Serie entwirft ein beeindruckendes Panorama vom Berlin der 20er Jahre. Von der Mode, dem Hedonismus und den glamourösen Partys jener Epoche. Aber auch von der bitteren Armut, von den harten politischen Auseinandersetzungen, die auf den Straßen der deutschen Hauptstadt tobten. Es sind opulente Bilder, mit denen die Serie eine vergangene Epoche wiederauferstehen lässt. Und sie ist bis in die Nebenrollen exzellent besetzt. In kleineren Rollen sind Matthias Brandt, Lars Eidinger, Misel Matičević, Fritzi Haberlandt, Thomas Thieme und Jördis Triebel zu sehen.

Im Berlin der Goldenen Zwanziger

Geschickt webt der Mehrteiler (Buch und Regie: Tom Tykwer, Achim von Borries, Hendrik Handloegten) wahre historische Begebenheiten in die Handlung ein. Etwa die als "Blutmai" in die Geschichtsbücher eingegangenen Straßenschlachten vom 1. bis 3. Mai 1929, als die Berliner mit äußerster Brutalität gegen die Teilnehmer einer nicht genehmigten Demonstration vorgingen.

Auf der ästhetischen Ebene erweist "Babylon Berlin" dem Weimarer Kino seine Reverenz, das damals die Ängste seiner Epoche mit "Das Cabinet des Dr. Caligari", "Nosferatu" oder Fritz Langs "Dr. Mabuse"-Filmen auf Leinwand bannte.

Viele deutsche Regisseure wanderten in den 30er Jahren nach Hollywood aus und wurden dort zu Mitbegründern des Film noir, der von den Schattenseiten des Kapitalismus erzählt und seine Geschichten von Verlierern und Außenseitern mit düsteren Bildern ausleuchtete.

Gereon Rath ist ein einsamer Held

In "Babylon Berlin" kehrt diese Filmtradition jetzt zurück zu seinen Ursprüngen: In das Berlin der Weimarer Republik. Die Hauptfigur Gereon Rath ist ein Noir-Held, wie er im Buche steht: ein einsamer Wolf, von tiefen Ängsten geplagt und dazu noch Morphium-süchtig. Einer, der sich in einer feindlichen Umwelt zurechtfinden muss, dabei aber immer aufrecht bleibt. Auch Charlotte Ritter ist ein anständiger Charakter, durch ihre Verstrickungen ins Berliner Nachtleben bekommt sie jedoch Züge einer Femme fatale. 

Im Ausland scheint diese Art von deutscher Filmgeschichte bestens anzukommen. Die Serie wurde in 90 Länder verkauft. Jetzt muss nur noch das hiesige Publikum anbeißen. Es lohnt sich: "Babylon Berlin" gehört zu den spektakulärsten deutschen Serien der letzten Jahre.

Babylon Berlin Trailer: So verrucht wird der deutsche Serien-Kracher

Die ARD hat die ersten drei Folgen von "Babylon Berlin" am Sonntag, 30. September gezeigt. Weitere Folgen immer donnerstags im Ersten.