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"Hart aber fair" Corona leicht genommen bei Plasberg - "Kann auch morgen überfahren werden"

Talkrunde bei Hart aber fair
Frank Plasberg plauderte mit seinen Gästen über deren Alltag in Zeiten von Corona
© WDR/Dirk Borm
Bloß nichts mit Reproduktionsfaktoren! Bloß kein Virologen-Talk! Über Gefühle wollte Frank Plasberg mit seinen Gästen sprechen, leicht und auch heiter sein. Das war larifari und belanglos – bis die Debatte zu den entscheidenden Knackpunkten der nächsten Monate kam.
Von Mark Stöhr

In der Zufriedenheitsforschung gibt es ein interessantes Punktesystem. Verliert man seinen Job, kostet einen das auf einer Skala von 0 bis 100 genau sechs Punkte. Verliert man die Kontrolle über sein Leben – etwa durch Freiheitsbeschränkungen –, ist man schon bei neun Punkten Abzug. Steil bergab mit der Zufriedenheit geht es, wenn Menschen die Zuversicht in die Zukunft verlieren: minus zwölf Punkte. 

Die Summe aus diesen drei Gute-Laune-Killern spiegelt zur Zeit die Stimmung in großen Teilen der Gesellschaft wider – könnte man meinen. Aber Frank Plasberg ließ gestern in "hart aber fair" die Sonne rein. Einfach mal die Seele baumeln lassen anstatt Infektionsraten büffeln. Sich gut fühlen. Und seine Gäste machten mit, sogar Wolfgang Niedecken, der vom Weltschmerz zerzauste BAP-Frontmann. Er beklagte zwar, dass die zu seinem 70. Geburtstag im März 2021 geplante Tournee wohl dran glauben muss, doch sonst "geht es wunderbar".

Zu Gast bei "Hart aber fair" waren

  • Martin Feldmann, Polizeioberkommissar
  • Dr. Susanne Herold, Professorin für Infektionskrankheiten der Lunge am Universitätsklinikum Gießen und Leiterin der Abteilung Infektiologie
  • Wolfgang Niedecken, Sänger und Gitarrist der Kölner Band "BAP" 
  • Jolanta Schlippes, Kassiererin in einem Supermarkt
  • Martin Schröder, Professor am Institut für Soziologie der Philipps-Universität Marburg

Einmal am Tag verlässt Wolfgang Niedecken sein Haus, um mit seinem Hund im Kölner Stadtwald spazieren zu gehen. Dabei beobachtet er vermehrt junge Leute, die ganz offenbar nichts auf das Abstandsgebot geben. Nicht gut – aber mal ehrlich, fragte Plasberg: Waren wir nicht alle mal jung? Auch den Erfahrungsbericht des Berliner Polizisten Martin Feldmann, dass die Corona-Regeln nicht mehr so ohne weiteres goutiert, sondern bei Kontrollen immer mehr diskutiert werden, schwofte der Moderator leichtfüßig weg. Relaxen war das Motto der Sendung. Bloß nichts mit Reproduktionsfaktoren!

Martin Schröder: "Ich kann morgen auch überfahren werden"

Extrem gut drauf war auch die Infektiologin Susanne Herold. Mit einem Strahlen im Gesicht untergrub sie den Nutzen der verordneten Schutzmaßnahmen, mit denen wir uns gerade und bis auf Weiteres im Alltag herumschlagen müssen: Ja, die "Mund-Nase-Bedeckung aus Stoff" (sie nannte sie nicht mal Maske) könne "in einem gewissen Maße" schützen. Sie sei aber natürlich auch ein Symbol. Die Plexiglasscheibe vor der Kasse der Supermarktmitarbeiterin, die ebenfalls zu Gast war, "bringt sicherlich was". Was genau, weiß niemand, es fehlen noch die Datensätze.

Geradezu fahrlässig wurde das Laissez-faire der Runde bei der Frage, wie groß die persönliche Angst vor Ansteckung sei. Herold knipste wieder ihr Lächeln an und sagte, aus ihrer jahrelangen Arbeit kenne sie Lungenviren in- und auswendig, die jagten ihr keinen Schrecken mehr ein. Lapidar fügte die 44-Jährige hinzu: "Höchstwahrscheinlich wird es so sein, dass ich mich irgendwann anstecke."

Ähnlich leger bis leichtfertig argumentierte der Soziologe und Zufriedenheitsforscher Martin Schröder, Jahrgang 1981. Bis Ende 30 sei die Sterberate im Promillebereich. "Ich kann auch morgen auf die Straße gehen und überfahren werden." Damit war die Debatte im Ego-Bereich angekommen. Und bei Wolfgang Schäuble. Die Feel-Good-Stimmung war dahin.

Mundschutz und Abstand sind in Bars undenkbar

Der Bundestagspräsident hatte in einem Interview davor gewarnt, alles dem Schutz des Lebens unterzuordnen. Wörtlich sagte er: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen." Der Soziologe Schröder historisierte den Ansatz mit dem Hinweis, dass dem Leben in der Geschichte der Menschheit noch nie ein solcher unbedingter Wert beigemessen worden sei wie heute. "Das ist ein Luxus, den sich nur sehr reiche Gesellschaften erlauben können." Das klingt zynisch und auch gefährlich – aber die Abwägungsdiskussion ist in vollem Gange und wird weiter an Fahrt aufnehmen.

Mit dem Kölner Barbesitzer Helmut Köhnlein bekam sie gestern ein Gesicht. Sein Umsatz liegt seit Mitte März bei null. Mundschutz und Abstandsregeln seien mit einem Kneipenbetrieb nicht vereinbar, sagte er. Und: "Unsere Läden müssen voll sein, weil wir sonst nicht genügend Umsatz machen." Die nächsten Monate werden zeigen, wer welchen Preis zu zahlen hat – und welches Leben uns mehr wert ist.


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