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"Tatort"-Kritik: Danke für den Verzicht auf die Betroffenheitskeule

Geht doch. Der "Tatort" aus Stuttgart fährt neue Gesichter und Ideen auf. Dass ein Ghetto-Drama einmal nicht verkitscht daherkommt, ist einem Jungregisseur und seiner Jungdarstellerin zu verdanken.

Von Niels Kruse

Immer wenn Sarah Ruhe vor ihrer abgefuckten Welt braucht, steckt sie weiße Kopfhörer in die Ohren und dreht Aerosmith, Prodigy oder auch mal Aretha Franklin auf. Nicht unbedingt typische Musik für eine 13-Jährige, eher der Best-of-Soundtrack älterer Herren. Aber Sarah liest ja auch Dostojewski und dürfte damit in ihrer Hochhauswüste so ziemlich die Einzige sein. Es sind kleine Fluchtversuche in eine bürgerliche Welt. Träume von einem normalen Leben, kurze Schimmer der Hoffnung, die in dem Moment zu erlöschen drohen, als sie den Mord an Sozialarbeiter Andreas Haber (Nikolaj Brucker) gesteht.

Und doch: Trotz ihres tränenreichen Geständnisses, das sie den Kommissaren Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) auftischt, hat Sarah (Ruby O. Fee) nicht viel zu befürchten. Denn strafmündig, also 14 Jahre alt, wird sie erst in wenigen Tagen. So kehrt sie unverrichteter Dinge zurück zu dem Teil ihrer Familie, der gerade einmal nicht im Gefängnis sitzt. Täter gefasst, Fall gelöst - damit könnte der neue Stuttgarter "Tatort" "Happy Birthday, Sarah" schon zu Ende sein. Ist er aber natürlich nicht, denn es sind ja gerade einmal ein paar Minuten vergangen. Und schade wäre es obendrein.

Ein "Tatort", der mal kein Hörspiel ist

Allein der Auftritt der 17-jährigen Ruby O. Fee lohnt das Einschalten. Die Jungschauspielerin hat bereits erste Kameraerfahrungen in der Krimi-Sci-Fi-Serie "Allein gegen die Zeit" (KiKa) gemacht, ist also nur ein bisschen blutige Anfängerin. Aber die Art und Weise, wie sie das pubertierende Ghettogirl Sarah spielt, ist bemerkenswert: gefühlvoll, ohne in Kitsch abzudriften, aufsässig, ohne altklug zu wirken, prollig, ohne die Hoffnung auf Besserung verloren zu haben. Wie sie das macht, erklärt sie in der Pressemitteilung des zuständigen Sender SWR so: "Ich überlege mir, was ich an ihrer Stelle machen würde. Und wenn ich vor der Kameras stehe, schaue ich, was passiert."

Geholfen habe ihr auch Regisseur Oliver Kienle, sagt sie. Ebenfalls neu im Geschäft aber ebenfalls schon mit Preisen bedacht. Für seinen Akademie-Abschlussfilm "Bis aufs Blut - Brüder auf Bewährung". Es war eine gute Idee vom Südwestrundfunk, den 31-Jährigen einen "Tatort" anzuvertrauen. In seinem ersten Krimi lässt er Bilder sprechen statt Menschen. Wo andere "Tatorte" ins Hörspiel abdriften, in denen jeder Pipifax ausgesprochen werden muss, setzt Kienle auf ungewohnte Kameraeinstellung aus der Ich-Perspektive oder beschallt die Zuschauer mit der Musik, die Sarah auf ihrem MP3-Player hört. Leider hält der Filmemacher seine (zumindest für die meist betuliche "Tatort"-Welt) frischen Ideen nicht bis zum Ende durch.

Liebe und früh zerstörte Lebensentwürfe

Dafür schafft es die Geschichte des Krimis, bis zum Schluss die Spannung zu halten. Und das, obwohl sie von Drehbuchschreiber Wolfgang Stauch eher konventionell gehalten wurde: Das Mordopfer war Betreuer in einem Jugendhaus, in dem Kinder aus Problemfamilien zu Flucht finden vor Gewalt, Vernachlässigung und Perspektivlosigkeit. Die Einrichtung wird finanziert durch den Erbensohn und Kunstsammler Frank Schöllhammer (Patrick von Blume). Oder auch nicht finanziert, was eines der Probleme ist. Der nicht mehr ganz junge Lebemann Frank ist es auch, der Sarah mit Musik und Literatur versorgt. Daneben und eigentlich geht es im neuen Schwaben-"Tatort" um (verbotene) Liebe und früh zerstörte Lebensentwürfe.

Zum 13. Mal ist das Stuttgarter Kommissar-Duo Lannert und Bootz mittlerweile im Einsatz, leider aber über leicht gehobenen Durchschnitt nur selten hinausgekommen. Umso erfreulicher, dass die Macher diesmal Mut zu neuen Gesichtern und Ideen hatten. Und auch nicht dem üblichen Reflex verfallen, dieses Sozialdrama mit der großen Betroffenheitskeule zu servieren. Oder, wie Jugendhaus-Chef Sven Vogel an einer Stelle zu den Ermittlern sagt: "Sie arbeiten mit den Toten - ich mit den Lebenden. Was ist wohl wichtiger?"