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"Tatort"-Kritik: Die Leiden der nicht mehr ganz jungen Lena O.

"Vermisst" lautet der schlichte Titel für einen reichlich komplizierten "Tatort". Dabei ist es weniger der verschlungenen Geschichte als der plötzlich Gefühle zeigenden Kommissarin Lena Odenthal zu verdanken, dass der Zuschauer dranbleibt. Denn die beeindruckt beim Dienstjubiläum.

Von Sophie Albers

Die Leiche sieht wirklich toll aus. Wie eine Puppe sitzt die blonde Frau im hellen Trenchcoat des Nachts an einem Biergartentisch. Das Blut vom Kopfschuss passt farblich genau zum Nagellack. Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kollege Mario Kopper (Andreas Hopper) machen die Tote schnell als Michaela Bäuerle aus, eine seit zwölf Jahren verschwundene junge Frau aus Ludwigshafen. Und dann geht es los - das große Chaos von Schuld, Sühne und Mord. So verschlungen, dass einem zuweilen ganz schwindelig wird.

Es geht um eine betrogene Ehefrau, die nicht verzeihen kann (Corinna Harfouch als "blondes Schrapnell"), einen Jammerlappen-Gatten, den mehr quält, als man denkt, einen invers geläuterten Ex-Häftling, falsche Tote und neue Identitäten. Vor allem aber geht es in "Vermisst", im Jahr 20 der "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal, um eines: sie selbst. Das verwirrt eigentlich am meisten.

Die Blondine hatte vor dem Kopfschuss bei der Hauptkommissarin angerufen. Sie wollte sich mit ihr treffen, um zu einem zwölf Jahre zurückliegenden Mordfall auszusagen. So gerät Odenthal an Nick Ritterling (Thomas Sarbacher – der, wenn man nah genug rangeht, aussieht wie Robert De Niro). Ritterling saß die vergangenen Jahre wegen Mordes an seiner Frau im Gefängnis, was auf den ersten Blick allerdings so gar nichts mit der ermordeten Michaela Bäuerle zu tun hat. Aber egal, es geht schließlich um Lena Odenthal.

Beziehung: Katze

Um die Freiheit besser spüren zu können, lebt Ritterling auf einem Boot, und irgendwie hat es der Mann mit den dunklen Wuschelhaaren der Kommissarin mit den harten Gesichtszügen angetan. Immer wieder taucht sie bei ihm auf, glaubt, dass er unschuldig in Haft war, lässt sich bekochen und nach zwei Glas Wein auch tiefgründige Fragen stellen.

Die erste lautet, was sie in ihrem Leben vermisse, und Odenthal findet keine Antwort. Auch als ein Privatdetektiv ihre Wohnung durchwühlt, um herauszufinden, wer sie eigentlich ist, muss sie beim Wiedereinräumen feststellen, dass sie selbst Schwierigkeiten hätte, das auf den Punkt zu bringen. Drehbuch sei Dank kommt sie aber doch noch drauf: "Lena O., nicht mehr ganz jung. Beziehung: Katze. Freunde: meine Kollegen. Oft einsam". Dann gibt sie sich ein paar Minuten der Fantasie eines Neuanfangs hin. Vielleicht sogar mit dem Mann, der beim Kochen so wunderbar lächelt. Aber natürlich sind die träumerischen Minuten der Lena O. gezählt.

Die Menschen sind nämlich so schlecht, dass es eigentlich ganz okay ist, Lena O. zu sein. Und außerdem muss sie ihre Katze füttern.