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TV-Kritik

Kanzlerin bei "Anne Will": Die Motivationskünste der Angela Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigt in der Talkshow von Anne Will vehement ihren Kurs in der Flüchtlingskrise. Dabei erinnert sie zeitweise an einen großen Motivationskünstler des deutschen Fußballs.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Angela Merkel Anne Will

Angela Merkel zu Gast in der Talkshow von Anne Will zur "Debatte über Flüchtlingspolitik in Deutschland"

Die Ansage ist klar und deutlich: "Diese Woche sind wir dabei, Geschichte zu schreiben, denn wir packen diesen Moment." Die Antwort ist eine Bekräftigung, und sie kommt voller Inbrunst und dreimal hintereinander: "Wir sind ein Team." Diese Szene war zu sehen in der Sönke-Wortmann-Dokumentation "Deutschland. Ein Sommermärchen."

Der damalige deutsche Fußballnationaltrainer Jürgen Klinsmann steht in der Mannschaftskabine und hält einer seiner legendären Motivationspredigten. Was folgte, ist bekannt. Hatte Klinsmann einen Plan B, also einen Plan, wenn die deutsche Nationalelf nicht gewinnen sollte? Hatte er nicht. Es nicht zu schaffen, kam gar nicht erst in Frage.

Und es ist diese innere Entschlossenheit, mit der auch Angela Merkel nach fünf Monaten erneut bei Anne Will in der Talkshow saß und ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik trotz heftiger Dauerkritik erneut bekräftigte: "Ich habe keinen Plan B." Es habe, so die Bundeskanzlerin, keinen Sinn, in zwei Richtungen zu schauen.

"Wann steuern Sie um, Frau Merkel?"

Merkel räumte ein, auch sie wolle die Zahl der Flüchtlinge reduzieren. Auf eine Obergrenze ließ sie sich jedoch weiterhin nicht festlegen. "Warum krampfen Sie da rum?", warf Anne Will ein, bemüht darin, Frau Merkel stets in die Bredouille bringen zu wollen, aber nicht durch raffiniertes journalistisches Nachhaken, sondern durch teilweise taktloses Reinreden und angestrengte Nonchalance.

Man könnte auch sagen: Anne Will krampfte rum in ihrer Mission, Merkel irgendwo doch an der Achillesferse erwischen zu wollen. Und scheiterte. Stattdessen verrannte sie sich und orientierte sich in ihren Fragen nicht mehr nach allen Richtungen. Diese Tendenz zeigte sich bereits im Titel der Sendung: "Deutschland gespalten, in Europa isoliert - Wann steuern Sie um, Frau Merkel?"

Im Onlineforum zur Sendung äußerte ein User die Sorge, Will "erweckenden Anschein rechtspopulistisches Klientel ermutigen zu wollen." Merkels Strategien tiefgehender zu befragen, auch das stand nicht auf Wills Agenda. Etwa, wie es sich vereinbaren lässt, dass Merkel einerseits sagt, man wolle die Fluchtursachen bekämpfen und andererseits werden Waffen aus Deutschland in die entsprechenden Krisengebiete geliefert.

Angela Merkel und die "Realitätsverweigerung"

Durchhalteparolen um jeden Preis? Eine Politik der Alternativlosigkeit? Gegner von Merkels Flüchtlingspolitik melden sich auch im Online-Forum zur Sendung zuhauf zu Wort, monieren die "Realitätsverweigerung" der Kanzlerin. Würde man Motivationstrainer befragen, so würden die es ähnlich formulieren wie Merkel am Sonntagabend in der ARD, die dort erklärte, man könne nicht einerseits für etwas kämpfen und gleichzeitig nicht daran glauben.

Einen Plan B zu haben, bedeutet, folgt man dieser Logik, von dem eingeschlagenen Weg nicht genug überzeugt zu sein. Das ist der Kanzlerin fremd. Sie zeigte das in ihrer ganzen Haltung, wie sie da saß, wie sie sprach, in einer stoischen Ruhe, Zuversichtlichkeit und Unerschütterlichkeit, wie man sie weniger bei Politikern in Krisensituationen, sondern eher bei Buddhisten findet.

Wenn der "Klinsi" bei Merkel durchkommt

Mag dieser Vergleich auch hinken und Beschwerden von Buddhisten zur Folge haben, fest steht: Selbst der allerkleinste Zweifel hat bei Merkel, und das demonstriert sie in der Sendung durchgehend, keinen Platz. "Ich bin zutiefst überzeugt, dass der Weg, den ich eingeschlagen habe, richtig ist", erklärte sie. Und betonte: "Das heißt nicht, dass ich nicht beizeiten nachjustieren muss." Es handle sich in den Jahren ihrer Kanzlerschaft um das "schwierigste Problem, das wir zu bewältigen haben". Die Sorgen der Bürger und andere Themen wie etwa aus der Renten- und Familienpolitik würden deshalb aber nicht aus dem Blick geraten.

Merkel verdeutlichte, dass man die Flüchtlingsaufgabe nicht in wenigen Monaten lösen könne, sondern als Prozess verstehen müsse. Und dafür müsse man einen langen Atem aufbringen: "Wir haben noch viele Schritte zu gehen." Sie verstehe, wie sie sagte, die Menschen, die ungeduldig sind und auch die, die sagen, die Politik hätte es nicht im Griff. Ihre Erklärung: Menschen seien so lange unzufrieden, wie sie den nachhaltigen Erfolg nicht sehen. Versprechen werde sie dennoch keine machen. In einer so ernsten Phase der Debatte könne man nicht zusichern, "was vier Wochen hält und danach nicht mehr". Mit kurzfristigen Lösungen könne sie sich nicht befassen. Denn, und da brach wieder der "Klinsi" in ihr durch: "So werden Sie nie Erfolge erzielen."

"Alle wollen, dass Schengen erhalten bleibt"

Die Bundeskanzlerin verwies darauf, dass man nicht sagen könne, es sei bisher nichts erreicht worden: "Wir sind vorangekommen." Wenn es um die Zusammenarbeit mit der Türkei gehe und darum, die Außengrenzen schützen, seien 28 EU-Staaten einer Meinung. Und, so Merkel: "Alle wollen, dass Schengen erhalten bleibt." Uneinig sei man hingegen weiterhin in der Frage der Flüchtlingsverteilung.

Merkel warnte vor nationalen Alleingängen. Denn: Wenn der eine seine Grenze definiere, müsse der andere leiden. "Das ist nicht mein Europa", sagte sie. Sie sehe nicht, dass Deutschland in der Flüchtlingsfrage isoliert dastehe, und sie werde weiterhin die Gemeinschaft suchen. "Wir müssen Europa zusammenhalten und Humanität zeigen", sagte die Bundeskanzlerin. Das sei, wie sie sagte, "meine verdammte Pflicht." Merkel sicherte Griechenland umfassende Hilfe zu. Man habe in der Eurokrise doch nicht für Griechenland gekämpft, um es jetzt "ins Chaos zu stürzen."

"Wir sind ein Team" wie bei Jürgen Klinsmann

Wie ein roter Faden zog sich durch die Sendung, zwar nie ausgesprochen, aber doch da, die Parole des "Nie wieder". Es gehe auch um Deutschlands Ansehen in der Welt, man befinde sich in einer bedeutsamen Phase in der Geschichte des Landes. Rund 90 Prozent der Menschen hätten in einer Umfrage gesagt, es sei wichtig, Kriegsflüchtlingen Schutz zu bieten, zitierte Merkel. Das ermutige sie. Ein bisschen hört es vielleicht an wie der Ruf von Klinsis "Jungs": "Wir sind ein Team". Merkel räumte jedoch ein, sie sei in der Flüchtlingsfrage "manchmal auch verzweifelt". Xavier Naidoo schrieb zum Sommermärchen 2006 einen Song: "Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer." Er könnte ihn auch für die Bundeskanzlerin geschrieben haben.