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TV-Kritik

"Markus Lanz": Auftritt in Talkshow: Hans-Georg Maaßen, der fehlerlose Verschwörungstheoretiker

Hans-Georg Maaßen weiß zu provozieren. Das stellt der Ex-Verfassungsschutzchef in der TV-Show "Markus Lanz" unter Beweis. Und nebenbei stellt Maaßen noch die Unabhängigkeit der Medien infrage.

Von Andrea Zschocher

Der frühere Chef des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen (r.), bei Markus Lanz

"Shuttleservice" statt Seenotrettung: Der frühere Chef des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen (r.), bei Markus Lanz

"Das war jetzt ein bissel anstrengend", befand Talkgast Freya Klier nach dem der Schlagabtausch zwischen Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, Markus Lanz und dem Journalisten Olaf Sundermeyer. Das Gespräch hätte sie, teilweise, an alte Männer erinnert, "die nicht genug geliebt worden sind." Das ist natürlich etwas polemisch zusammengefasst, aber ja, es war ein Abend der starken Positionen und doch recht abwegigen Gedankengänge.

Maaßen sieht Tagesschau und Antifa unter einer Decke

So ließ sich Hans-Georg Maaßen zur irritierenden Verschwörungstheorie hinreißen, dass die Tagesschau mit der Antifa unter einer Decke stecke - wegen eines Videos, das diese - wie viele andere Medien auch - nach den Vorkommnissen in Chemnitz gezeigt hatte. Maaßen fragte bei Lanz, was der Zusammenhang zwischen beiden Institutionen sei und ob da nicht mehr dahinter stecke, als die Bürger des Landes ahnen. Kennen Sie die Mysteryserie aus den 90er-Jahren "X-Factor: Das Unfassbare", bei dem der Moderator der Sendung auch immer fragte, ob der geschilderte Fall Wahrheit oder Fiktion ist? Nun, im Fall von Maaßens Äußerung musste zumindest ich kurz daran denken.

Ganz generell wetterte Maaßen im Talk viel und ausgiebig über DIE Medien. Dabei hatte er vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien im Visier, die seinem Empfinden nach Meinung machen würden. Im Gegensatz zu anderen Medien sei der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein "anderes Regime". Genau diese Sprache, führte auch Journalist Olaf Sundermeyer an, heize die Lügenpresse-Diskussion doch aber immer weiter an. Maaßen nahm erstaunlich beharrlich sowohl Sundermeyer als auch Markus Lanz in die Verantwortung für das, was seiner Meinung nach in der deutschen Medienlandschaft alles schief laufen würde. Immer wieder verwies er auf die Fehler, die "sie" (meint: die Journalisten, die Öffentlich-Rechtlichen, aber durchaus auch Lanz und Sundermeyer als Teil dieser Medien) in den vergangenen Jahren gemacht haben. So sei das Vertrauen der Leser, Zuschauer und Zuhörer zerstört worden.

Dass viele glauben, Maaßens Interview in der "Bild"- Zeitung nach den Protesten wegen des gewaltsamen Todes eines Deutschen in Chemnitz, sei ein Fehler gewesen, wies er weit von sich. Es sei halt ganz praktisch gewesen, Zufall, kein Kalkül, dass seine vier Sätze zu den Vorkommnissen, in denen er bestritt, dass es bei den Demonstrationen in Chemnitz zu Hetzjagden auf Ausländer gekommen sei, ausgerechnet  in der "Bild" gelandet seien. Er sei mit "Bild"-Chef Julian Reichelt zum Abendessen verabredet gewesen. "Sie nehmen mich auf den Arm", warf Lanz ein, die Idee, dass hinter dem "Bild"-Coup kein Kalkül gesteckt habe, falle schwer zu glauben. Nein, es sei alles zufällig gewesen beharrte Maaßen, er hätte auch mit der "Taz" oder der Deutschen Presse-Agentur"sprechen können.

Lanz kann Maaßen nicht aus der Ruhe bringen

Aus der Ruhe bringen ließ sich Maaßen am Dienstag zu keiner Zeit. Egal wie oft Markus Lanz es versuchte - und das muss man dem Moderator an der Stelle wirklich zugutehalten, er versuchte es die erste halbe Stunde des Talks konsequent - Maaßen hatte auf alles eine Antwort. Selbstgefällig, arrogant, überlegen, erklärte er, wieso er Worte wie "Shuttleservice" statt Seenotrettung nutzt und wieso er seine Aussage, dass er nicht in die CDU eingetreten sei damit  1,8 Millionen Araber nach Deutschland kommen, nach wie vor für richtig halte.

Panne bei Markus Lanz im ZDF

Ob er einen Fehler gemacht hätte in seinem Job als Chef des Verfassungsschutzes, wollte Lanz wissen, selbstverständlich auf besagte Sätze in der Zeitung anspielend. "Man macht jeden Tag Fehler beim Kommasetzen", war die Antwort, die dann doch kurz sprachlos machte. Denn selbstverständlich ist ein Zeichensetzungsfehler nicht in der gleichen Liga wie besagtes Gespräch mit der "Bild". Immerhin: Horst Seehofer sei über die vier Sätze informiert gewesen und hätte sein Ok gegeben, wenngleich er nicht gewusst habe, mit welcher Zeitung Maaßen das Gespräch führte.

Vitale Fehler habe er nie begangen, so Maaßen. Ihm sei auch immer klar gewesen, dass der diese Arbeit nicht bis zur Rente ausführen würde. Die Bürde des Amtes sei zu groß, es sei psychisch wie physisch sehr herausfordernd gewesen. Vermissen würde er die Arbeit nicht, lediglich die vielen Informationen, die er im Amt täglich bekommen habe und der Dienstwagen samt Chauffeur würden ihm fehlen. Inzwischen sei er aber auch gut im normalen Leben angekommen, berichtete Maaßen. Man muss schon ganz schön satt sein, um so eine Antwort mit aller Ernsthaftigkeit vorzutragen.

Maaßen bestreitet Aufwiegelung

Unverständlich ist für Maaßen, dass über ihn überhaupt so viel berichtet worden sei. Er hätte ja nur, verteidigte er sich, gesagt, was gewesen sei. Die Aufregung um seine Äußerung könne er gar nicht so recht nachvollziehen. Im "Bild"-Interview habe er ja nur gesagt, dass am 26. August 2018 keine Hetzjagd(en) in Chemnitz stattgefunden hätten. Die Formulierung, es solle möglicherweise durch "gezielte Falschinformation" von einem Mord abgelenkt werden, ist für Maaßen deswegen unstrittig, weil er als Jurist vom größtmöglichen Verbrechen ausgegangen sei, was hätte geschehen können. Von Aufwiegelung wollte der Ex-Verfassungsschutzchef nichts wissen.

Stattdessen empfindet es Maaßen als sein Recht und geradezu seine Pflicht, die Bürger dieses Landes via Twitter und auf Vorträgen darüber zu informieren, was ihn bewegt. So sind seiner Meinung nach viele Geflüchtete illegal nach Deutschland eingereist, weil sie in den 16 sicheren Drittländern hätten bleiben müssen. Er stört sich auch an der Bezeichnung Flüchtlinge, es seien Migranten. Flüchtlinge ist der Begriff für die Menschen, die aus anerkannten Gründen auf der Flucht sind. Alles andere sei Framing und das akzeptiere er nicht. Im Kontakt mit Bürgern werde ihm, so berichtete Maaßen, immer wieder gesagt, wie froh Menschen seien, dass er ausspreche, was andere sich nicht mehr zu sagen trauten. "Jemand in Ihrer Position und mit Ihrer Intelligenz sollte sowas einfach nicht sagen. Punkt", warf Lanz ein und erntete dafür Applaus.

Hans-Georg Maaßen blieb davon unbeeindruckt. Den ganzen Abend über war er glatt, überlegt. Warum er sich denn 2015, als die Presse durchaus Fehler in der Berichterstattung gemacht habe, nicht geäußert hatte, fragte Lanz. "Das war eine andere Situation", kommentierte Maaßen. An der einen oder anderen Nachfrage beziehungsweise Zurechtweisung durch Lanz schien er sich aber durchaus zu stören. Unwirsch wurde er da, griff besonders Journalist Olaf Sundermeyer mehrfach an. Letztlich aber wirkte Maaßen im Talk mit Lanz wie jemand, der seine Schäfchen im Trockenen hat und jetzt ein wenig zündelt, um zu schauen, was passiert, im Bewusstsein, dass Deutschland eben in vielen sozialpolitischen Fragen schon gespalten ist.