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TV-Kritik

"Bachelor in Paradise": Böse Gerüchte um Rosenkavalier Sebi - "Isch sage dir, wie ein Pschychotriller!" 

Beim Bachelor geht es zu wie beim Ohnsorg-Theater. Immer kommt jemand reingestolpert, dann wird gelacht, dann geküsst, dann geschimpft, später geheult, dann wieder geküsst. Und dann liegt ein Skandal in der Luft. Klingt unterhaltsamer, als es ist.

Von Ingo Scheel

Bachelor in Paradise

Sebastian (links) in Erklärungsnot, Philipp grinst sich eins - bei "Bachelor in Paradise" lag ein Skandälchen in der Luft

Philipp trägt Hochwasser-Hosen. Janika kotzt im Strahl. Die Strukturen sind gefestigt. Irgendwo drückt irgendjemand irgendwem irgendwelche Brüste ins Gesicht. Carina bekommt eine Date-Karte, die sie gar nicht haben möchte. Es ist der Tag der Unterwerfung im deutschen Fernsehen. In der ARD Unterwerfung nach Houellebecq-Art, bei nach Backpack-Art. Wer hier die letzten Wochen verpasst hat, dem reicht als Was-bisher-geschah-Jingle im Prinzip der Sponsoren-Spot von Batida: Bikinis, Baden, Beachen. Und Nüsse.

Der angejahrten, an dieser Stelle auch gar nicht noch einmal aufzurollenden Ist-lahm-Debatte, stellt sich durchaus effektiv eine Art Hoppla-jetzt-komm-ich-Dramaturgie dem Wegnicken vor dem ersten Werbeblock entgegen. Irgendwo springt eine Annika aus dem Gebüsch, fällt eine Janika vom Pontong - könnten die nicht zumindest etwas unterschiedlichere Namen haben, liebes RTL? - und darf sich in den Plausch am Pool einreihen.

"Wer hat hier schon mal mit’m Sebi gepoppt?"

Das Wichtige an den neu angelandeten Kurzzeit-Patienten: Es wäre gut, wenn sie mit einem der bereits Anwesenden, im besten Fall Sebastian, im Leben vor dem Paradies schon mal die Köpfe oder was auch immer zusammengesteckt haben.

Da gehen dann also Fernsehteams durch Fußgängerzonen von -Hürth, rufen "Wer hat hier schon mal mit’m Sebi gepoppt?", und von den fünf, sechs Personen, die sich dann melden, darf eine mit nach Koh Samui. Diesmal also die doppelte AnnikaJanika. Mit der einen hatte Sebastian ein Date, mit der anderen Verkehr - oder war es umgekehrt? Egal, es gibt auch so einfach genug zu gucken, als dass man sich mit derlei Details herumärgern muss.

Überall werden sich die Köpfe heißgeredet. Christian fühlt sich wie ein Lappen. Paul hat aber sowas von einem Hals. Natürlich wegen Sebi und ihm seine Art, mit Frauen umzugehen. Und wenn der Bachelor sich schon über sowas aufregt, dann aber, also wirklich Carina fährt natürlich auch einen Hals. Isch hätt kei Bock an deine Stelle, entfährt es Domenico. Michi trägt Hemdchen und Stirnband aus dem Kosovo-Krieg auf und klar weiß jede von den Damen, dass Sebastian "ein Arsch" ist, aber das findet man schließlich doch am liebsten selbst raus. Er riecht halt so gut. Und traut sich, in höllescharfe Chilischoten zu beißen. Wobei das mit der Traute so eine Sache ist, wenn man die kleinen roten Dinger schlichtweg nicht kennt.

Irgendwann sind bei  "Bachelor in Paradise" alle Nacken massiert und alle Tattoos eingecremt

Unterbrochen wird das Gebrabbel sporadisch von den Ausflügen. Sebastian - schon wieder der, ich weiß - darf mit der gerade erst Gestrandeten Annika - wir erinnern uns: ein Date - auf den Markt fahren, einkaufen und sich dann von einer kompetenten Kochkraft, an deren zutiefst glücklichem Gesicht abzulesen ist, dass sie kein Wort versteht, zeigen lassen, wie man ein Thai Curry herstellt. Mnjam. Lecker. Scharf. Und wieder ab ins Heim.

Später dürfen nochmal Domenico und Evelyn mit dem Bötchen umme Insel kurven. Schönster Dialog beim Erblicken eines Mannes mit Aquadüsen unter den Sohlen:

"Er fliegt. Er macht. Er tut!"

"I have Ängst!"

Seit Luzi und Dietmars Schrebergarten-Gespräch über den Bad Dürkheimer Wurstmarkt, hat die Liebe keine so schönen Worte mehr gefunden wie bei Domenico aus Linsengericht und Evelyn aus Dingsda. 

Ein schlimmer Verdacht

Irgendwann schließlich sind alle Nacken massiert, haben alle Hintern die Höschen gefressen, sind die Tränen getrocknet, die Tattoos eingecremt, da gibt es plötzlich das Gerücht, Sebastian, der schlimme Finger, hätte eine Freundin zu Hause. Das bedeutete, würde bedeuten, zöge nach sich - selbst Domenico kann sich das merken - den Ausschluss aus der Show. Klar, dass das jetzt lückenlos aufgeklärt werden muss. Jannika, oder Annika, weiß noch zu berichten, dass er vor der Kamera tatsächlich nicht so touchy-touchy ist, wie hinter der Kamera. Sie sagt das mit solcher Inbrunst, dass man kurz geneigt ist, zu glauben, dass das etwas zu bedeuten hat. Für Domenico wird die Spannung fast unerträglich: "Isch sage dir, wie ein Pschychotriller!" 

Er hat natürlich keine Freundin, sagt er. Alles in Butter also. Oder etwa doch nicht? Am Ende jedenfalls - soviel Cliffhanger muss sein - zieht sich Sebi wutentbrannt den Mikrosender aus der Buxe. Das war dann aber schon ein wenig spannend. Scherz.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo