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Christiansen-Abschied: Ein allerletzter Gruß von "Dittsche"

Mit Bundespräsident Horst Köhler als einzigem Gast verabschiedete sich Sabine Christiansen in der letzten Ausgabe ihrer Sendung gewohnt staatstragend und allgemeinverbindlich - bis auf den subversiven "Dittsche"-Film zum Schluss.

Von Peter Luley

Ob er denn schon wisse, was er nächsten Sonntag mache, wollte die Moderatorin zum Abschluss von ihrem Gast wissen. "Wahrscheinlich an Frau Christiansen denken", antwortete in seiner eigentümlichen Diktion der Bundespräsident. Um rasch hinzuzufügen: "Was Sie gemacht haben, hat aus meiner Sicht Fernsehgeschichte geschrieben. Und auch die Deutschen werden denken, wenn sie Sie nicht mehr haben: 'Ach, die Frau Christiansen'."

Mit diesen so unbeholfenen wie zweifellos nett gemeinten Worten des "ersten Mannes im Staate" (Christiansen) ging sie gestern also zu Ende, die beinahe zehnjährige Ära des Palavers aus dem glatt polierten Berliner Glaskuppelbau. Das heißt, nicht ganz: Vor den Abspann hatte die Redaktion einen eigens produzierten "Dittsche"-Film gestellt. Da erklärte der von Comedian Olli Dittrich verkörperte Hamburger Imbissbuden-Philosoph aus der gleichnamigen ARD-Reihe, angetan mit Bademantel und Bierbuddel, in breitem Slang dem Tresenmann, wie er neulich mit Freunden "Christiansen gespielt" habe. Wie man "aus Sofakissen Kurt Beck nachgebaut" habe und nur das Beine-Übereinanderschlagen der Christiansen-Darstellerin Probleme bereitet habe - wegen deren stämmiger Statur. Und dann klopfte doch tatsächlich von draußen der zwischenzeitlich zum Christiansen-Nachfolger ausgerufene Günther Jauch an die Grillstuben-Scheibe. Aber: "Der hat hier Hausverbot", beschied der Wirt.

Verblüffend subversiv

Der "Dittsche"-Sketch war der verblüffend subversive Schlussakkord eines Finales, das ansonsten geradezu idealtypisch für die Geschichte des Formats im Vagen waberte und erwartungsgemäß über das oberflächliche Abhaken von Schlagworten (Hartz IV, Mindestlohn, Managergehälter, Heuschrecken, G8/Globalisierung, EU, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Pisa, Krippenplätze etc.) nie hinauskam. War schon die Einzel-Einladung an den Bundespräsidenten unter der Überschrift "Zeitenwende - Ein Jahrzehnt Deutschland" ein Christiansen-typisches programmatisches Statement, so blieb die Moderatorin auch ihrer vielkritisierten Methode des Nicht-Nachfragens zugunsten konfliktfreier Gesprächs-Atmosphäre treu.

Kein unangenehmes Nachhaken gab es zu Köhlers kritisierbarer Rolle bei der Nicht-Begnadigung des RAF-Terroristen Christian Klar, dafür reichlich Gelegenheit zur Selbstdarstellung für den Gast. So durfte Köhler Umfragen kommentieren, wonach ihn 82 Prozent der Deutschen sympathisch finden; er durfte Merkel loben und bekunden, seit der Ruck-Rede Roman Herzogs sei Bewegung in die Politik gekommen. Ein wenig zierte er sich bei der Charakterisierung seiner eigenen Amtsführung ("von sich selber Unbequemlichkeit zu sagen, das ist nicht so das Richtige"), bekannte jedoch: "Ich bin kein Unterschriftenautomat." Applaus vom Studiopublikum erntete er mit Appellen für ein einfacheres Steuer- und ein sozial gerechteres Bildungssystem.

"Kinderlärm als Zukunftsmusik"

Zwischendurch bekamen ausgewählte Studiogäste - ein Hartz-IV-Empfänger aus Ostdeutschland, ein Telekom-Techniker, eine Unicef-"Juniorbotschafterin", eine "Studentin türkischer Herkunft" und ein Vier-Sterne-General a. D. - Gelegenheit zu Fragen an das Staatsoberhaupt. Ob Köhler auch finde, dass nationale Symbolik wichtig für junge Männer und Frauen sei, fragte etwa der Ex-Soldat. Ja, antwortete Köhler und verwies auf die "friedliche, unverstellte Freude" bei der Fußball-WM. Warum Kinder bei uns nicht so beliebt seien wie in anderen Ländern, wollte die 13-jährige Nana wissen. "Kinderlärm muss uns als Zukunftsmusik erscheinen", gab Köhler wolkig zurück. Zu verblüffen vermochten allenfalls seine gewundene Äußerung zur Türkei ("Es gibt die Türkei. Ein kleiner Zipfel der Türkei liegt auf dem europäischen Kontinent. Die Türkei ist ein anderer Kulturkreis. Das ist erst mal ein Fakt") sowie sein offenherziges Eingeständnis, die eigene Steuererklärung nicht zu verstehen und sie - in diesem Fall wohl doch automatenmäßig - trotzdem zu unterschreiben.

Unterhaltsamer waren die von Zeit zu Zeit eingestreuten Erinnerungs-Schnipsel aus alten Sendungen, gespickt mit Zitaten der häufigsten Talk-Teilnehmer, der "Wahlkampfbesten", wie Christiansen sie nannte: Gifteleien zwischen Joschka Fischer und Guido Westerwelle gehörten genauso dazu wie Stoibers legendärer Versprecher, als er Christiansen mit "Frau Merkel" anredete; auch Westerwelle mit der vorübergehenden FDP-Wunsch-Prozentzahl "18" auf der Schuhsohle, Christiansen mit US-Präsident George W. Bush vorm Kamin sowie Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder ("soll ich jetzt basta sagen?") wurden noch einmal ins Bild gerückt. Und natürlich der einstige Dauergast Friedrich Merz. Noch heute scheint es die Gastgeberin zu amüsieren, dass sie in der Sendung versehentlich dessen Steuerreform-Bierdeckel zerriss.

"Die wegmoderierten Jahre"

Höchstens in diesen kurzen Clips wehten einen tatsächlich die vergangenen zehn Jahre an, all die bereits in Buchform verewigten "Sonntage mit Christiansen", all "die wegmoderierten Jahre", wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" einmal titelte. Da mochte man dann durchaus mit dem Bundespräsidenten "Ach, die Frau Christiansen" seufzen und konnte sich Dittsches Gesellschaftsspiel gut ausmalen.

"Irgendwie haben wir heute eine Menge Abschiede im Programm", verkündete anschließend im "Tagesthemen"-Trailer Anne Will, Bezug nehmend sowohl auf das gerade Gesehene als auch auf den in den Nachrichten vermeldeten Stabwechsel von Tony Blair zu Gordon Brown in Großbritannien als auch auf den eigenen Abschied von der "ARD aktuell"-Redaktion nach rund sechs Jahren. Während Christiansen sich fortan verstärkt dem Privatleben sowie der Sendung "Global Players" im Spartenkanal CNBC Europe zuwenden will, wird Anne Will am 16. September ihre Nachfolge antreten. Der Abschied vom "Tagesthemen"-Team falle ihr schwer, bekundete sie, gleichzeitig sei sie voller Vorfreude auf das neue Format. Dem konnte man sich leichten Herzens anschließen.