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Das Fernsehgericht: "Der Banker": Einer, der richtig auspackt

Voss war einer der führenden Investmentbanker, hat viel Geld verdient - und redet jetzt über sein "Nahkriegserlebnis". Arte zeigt einen erschreckenden und packenden Einblick in die Finanzbranche.

Von Oliver Creutz

Der Meister des Universums trägt bevorzugt einen geknoteten Schal. Er heißt Rainer Voss, doch sein Name tut nichts zur Sache. Seinen Job als Investmentbanker hat er niedergelegt. Aber er war lange Zeit weit genug oben, um auspacken zu können. Über die Welt der Banken und die Menschen, die sie bevölkern. Es sind keine netten Menschen, und auch Voss ist nicht gerade sympathisch. Aber er erzählt bereitwillig über das, was er ein "Nahkriegserlebnis" nennt: die Arbeit in der Finanzbranche.

Das Universum stellt sich als eine sehr kleine Welt dar: die Türme von Frankfurt, die kalt in den Himmel ragen, und deren Tiefgaragen allmorgendlich schwarze Porsches, rote Ferraris und weiße BMW verschlucken. Auch wenn am Ende des Tages alle Anderen schlafen, brennt in den Türmen noch Licht. Dort sitzen die Banker, die der Chef abkommandiert hat zum "One Nighter" oder gar "Two Nighter". Man schläft um 2 Uhr am Schreibtisch ein und wird um 5 Uhr von der Putzfrau geweckt. Wer oft genug in der Firma übernachtet hat, zählt bald zu den Auserwählten mit einem Monatsgehalt von 100.000 Euro. Voss hat wahrscheinlich mehr verdient. Er ist ein begnadeter Erzähler, und man kann sich vorstellen, wie er einst Ideen verkauft hat, die beigetragen haben zum großen Finanz-Crash. So einem nimmt man alles ab. Etwa Ölbonds, deren Zinsen in Heizöl ausgezahlt wurden.

Eine Szenerie wie nach dem Krieg

Dem Dokumentarfilmer Marc Bauder ist mit Voss ein großer Fang gelungen. Bauder muss nichts erklären und kommentieren, er lässt seinen Protagonisten reden. Voss ist ausreichend selbstverliebt, um das Nest, das ihn nährte, zu beschmutzen. Er beherrscht perfekt den "Sie können sich das nicht vorstellen"-Sound. Glaubt man Voss, steht die Apokalypse unmittelbar bevor. Wie wohl seine ehemaligen Kollegen auf ihn blicken, wenn sie die Offenbarungen des Rainer V. sehen? Ist er für sie ein Abtrünniger, ein Verräter? Oder ein Clown, über den sie nur lachen können? Oder fühlen sie sich wie bei den Anonymen Alkoholikern? Einer muss ja den Anfang machen.

Aufgenommen wurden die Gespräche in einem leer stehenden Bankenturm. Die Böden sind wie ausgeweidet, Kabel quellen hervor. Es sieht tatsächlich aus wie nach dem Krieg. Voss schreitet durch die Wüste von Großraumbüros, erklärt, wie ein Master of the Universe arbeitet: Vor ihm ein Halbkreis aus Monitoren, zwei Tastaturen und ein Telefon. Herrscher-Werkzeug. Rückt ein Kollege in die Ecke, so wird seine Bedeutung peripher. Und wer nicht jedes Jahr zehn Prozent zulegt, für den öffnet sich - im übertragenen Sinne - ein Fenster in die Tiefe. Wer diese Büros betritt, sollte alle Hoffnung fahren lassen. Die einzige Wärme, die man spürt, stammt vom Höllenfeuer.

Voss lässt die coole Maske fallen

Es ließe sich einwenden, dass Marc Bauder ein Klischee verfilmt habe. Das Weltbild der Bankengegner wird nicht gerade erschüttert. Dem Film gelingt es aber, dass unsere Angst nicht nachlässt. Hinter jedes Filmkapitel ließe sich der Satz stellen: "Dieses war der erste/zwei/dritte Crash, und der nächste folgt sogleich." Glaubt man der Plaudertasche Voss, dann fällt als nächstes Frankreich.

Einmal wird der Banker wortkarg: Da geht es um seine Familie. Voss, sichtbar angefasst, will nicht reden. Der Regisseur Bauder zeigt, wie Voss nicht reden will. Es wird ungemütlich. Voss lebte überwiegend in den Türmen und hat Frau und Kinder vernachlässigt. Auch das: ein Klischee. Aber ein wirkungsvolles. Voss lässt die coole Maske fallen. Er war einer der vielen Köpfe des Ungeheuers. Wer ihm zu nahe kommt, verbrennt.

Urteil: Diese 90 Minuten wirken wie ein Sog in das dunkle Herz der Banken. Packender als jede Fiktion.

"Der Banker - Master of the Universe", Dienstag, 17.6. um 22.55 Uhr auf Arte

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