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Der "echte" Tatortreiniger erzählt Den Tod auf der Schippe


Er war das Vorbild für die preisgekrönte Serie "Tatortreiniger" mit Bjarne Mädel. Der echte Tatortreiniger über die Arbeit mit dem Tod - und warum sie sein Leben zerstörte. Von Katharina Miklis

Was vom Leben übrig bleibt? Die Wände im Bad sind blutverschmiert. Gehirnmasse klebt in den Fugen. Vor wenigen Stunden lag hier noch eine Leiche. Jetzt steht der Tatortreiniger Schotty in dem Blutbad. Doch anstatt die Körperflüssigkeiten von den Kacheln zu scheuern, beißt er erstmal beherzt in seine Stulle. Es gibt Fleischsalat.

Ist ja nur ein Film: Bjarne Mädel spielt in der Serie "Der Tatortreiniger" einen Putzmann, der sich darauf spezialisiert hat, Spuren menschlichen Ablebens zu beseitigen. Gerade wurde die NDR-Produktion mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet. An der zweiten Staffel wird schon gearbeitet. Und am Donnerstag wird die erste Folge der vierteiligen Mini-Serie von Regisseur Arne Feldhusen ("Stromberg") erstmals auch in der ARD ausgestrahlt. Ist ja nur ein Film? Die Szene mit dem Fleischsalat kann Christian Heistermann gut nachvollziehen. Er ist der "echte" Tatortreiniger. Der Mann, der Bjarne Mädel auf seine Rolle vorbereitet hat - und nach eigenen Angaben Deutschlands erster zertifizierter Tatortreiniger ist. Wenn der 43-jährige Berliner einen Tatort betritt, hat er in der Regel schon gut gefrühstückt. "Die Wurst davor ist besser als die Wurst danach", weiß der Profi.

Ein Gebet und einen "sauberen Abgang" für die Toten

Der Familienvater mit der großen Statur und der ruhigen Stimme hat aufgehört zu zählen, wie viele Tatorte er schon gesäubert hat. Seit seiner Jugend arbeitet der Sohn eines Teppichreinigers und eines Zimmermädchens in der Gebäudereinigung. Seit fünf Jahren gehört die Tatortreinigung zum Portfolio seiner Reinigungsfirma. Ein "Scheißjob", sagt er selbst. In diesen Jahren hat er schon alles gesehen: blutverschmierte Badezimmer, verwahrloste Wohnungen, in denen Verstorbene wochenlang unbemerkt gelegen haben und sich die Leichenflüssigkeit in den Boden gefressen hat. Meist handelt es sich um Suizide. Christian Heistermann wird gerufen, wenn die Toten beseitigt wurden und es darum geht, den Dreck wegzumachen. Blut, Erbrochenes, Leichenflecken, Maden, Urin, Kot.

"Ich glaube an den lieben Gott", sagt der nachdenkliche Mann, der versucht, in der Religion Antworten zu finden. Wenn er einen Tatort betritt, sendet er dem Toten einen letzten Gruß in Form eines Gebets. Oft denkt er über das Leben nach dem Tod nach. Den Verstorbenen will er "einen sauberen Abgang ermöglichen" - im wahrsten Sinne des Wortes. Heistermann ist ein Profi, was die Spuren des Todes und menschliche Körperflüssigkeiten angeht. "Getrocknetes Blut ist am hartnäckigsten", erklärt er und steckt sich eine Zigarette an, "wenn es schon schwarz und hart ist." Dann wird es zunächst mit einem Spachtel abgekratzt, nachgebürstet, später feucht abgewischt. Am Ende wird alles desinfiziert. Schwierig wird es, wenn die Leiche ein paar Tage gelegen hat. "Dann ist der Gestank unerträglich". Gewöhnen könne man sich daran nicht. Nicht an die Bilder. Nicht an den Ekel.

Ein blutiges Steak und eine Dusche für das Vergessen

Christian Heistermann mag die Serie "Der Tatortreiniger". Sie ist nah dran an der Realität. Zumindest was das Handwerk angeht. Eins jedoch zeigt sie nicht: Wie es weitergeht, wenn der Putzmann den Tatort verlässt. Dann kommt das Grübeln. Und das hat Christian Heistermann krank gemacht.

Um das Gesehene zu vergessen, hat es ihm früher gereicht, sich nach so einem Leichen-Job unter die Dusche zu stellen. "Es war für mich auch nie ein Problem, abends nach Hause zu kommen und ein blutiges Steak zu essen", sagt der Vater von drei Kindern. Heute ist das nicht mehr so. Irgendwann ließen die Erlebnisse den Berliner nicht mehr los. Da war zum Beispiel dieser Fall in Potsdam. Ein Familienvater hatte sich auf der Toilette die Pulsadern aufgeschnitten. Als Christian Heistermann die Wohnung betrat, saß der Vater des Verstorbenen auf einem Sessel und schüttelte unentwegt mit dem Kopf. Die Bilder haben sich in sein Gehirn eingebrannt. "An den Wänden hingen Fotos von süßen Kindern und der bildhübschen Frau. Vor dem Häuschen am Wasser standen Anhänger mit Booten. Bilder einer heilen Welt." Die Familie sei zu Hause gewesen, als sich der Mann ins Bad zurückzog und sich das Leben nahm, erzählt Heistermann. An diesen Gedanken kann sich der Familienvater bis heute nicht gewöhnen. Auf der Rückfahrt im Auto brach er in Tränen aus.

"Ich habe so viel Einsamkeit gesehen"

Der Job als Reiniger von menschlichen Rückständen habe ihn verändert, erzählt der einfühlsame Berliner. "Ich habe so viel Einsamkeit gesehen. Menschen sterben und keiner merkt etwas. Und dann kommen wir und werfen alles weg, was diesem Menschen einmal wichtig war." Die Verrohung der Gesellschaft, zugemüllte Wohnungen, die emotional völlig leer sind - Christian Heistermann belasten diese Beobachtungen. "Ich mache mir viel zu viele Gedanken. Das tut mir nicht gut." Warum sind wir hier? Was passiert mit uns nach dem Tod? Das sind Fragen, die er sich immer wieder stellt. Er kann nicht anders.

In "Der Tatortreiniger" sind es vor allem die Gespräche Schottys mit den Hinterbliebenen, die für die lustigen Momente der Serie sorgen. Bei dem echten Tatortreiniger ist das anders. Viele schütten ihr Herz bei ihm aus. Er hat sich alles angehört: "Ich empfinde auch eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung, will ich ein guter Mensch sein," sagt Heistermann. "Aber das alles zu verarbeiten, jedes einzelne Schicksal, das ist viel zu viel." Der Putzmann will kein Seelsorger sein. "Ich muss mich um meine eigene Seele sorgen." Seit ein paar Monaten arbeitet Christian Heistermann nicht mehr. Der Zusammenbruch kam plötzlich: Er wurde im Krankenhaus eingeliefert, Diagnose Burnout. "Die psychische Belastung war doch zu groß. Ich habe mich überschätzt", sagt der Familienvater, der zurzeit nur noch zu Hause sauber macht. Seine Frau führt jetzt die Geschäfte mit den rund 40 Mitarbeitern weiter.

Es braucht Zeit, das Gesehene zu verarbeiten

Zu den gesundheitlichen Problemen kamen finanzielle. Das Geschäft mit dem Tod macht nicht reich. Außerdem zahlt Heistermanns Krankenkasse nicht mehr. Während seine Frau in der Firma ist, sammelt der Familienvater Pfandflaschen, die Kunden ihm überlassen. Noch einmal in eine Wohnung zu gehen und die letzten Spuren eines Menschenlebens zu beseitigen, kann er sich zurzeit nicht vorstellen. "Ich brauche noch viel Zeit, um alles zu verarbeiten."

Um sich aufzubauen, hört er sich manchmal zu Hause Musik von Xavier Naidoo an. "Obwohl du nicht tot bist frag ich: Bist du am Leben interessiert? Hast du dieses Wunder schon kapiert?" heißt es in einer Songzeile. Der traurige Tatortreiniger fühlt sich angesprochen: "Ich bin definitiv am Leben interessiert". Gerade deswegen belaste ihn auch nachhaltig das, was er an den Tatorten gesehen hat. Etwa der tote Familienvater. Nie könnte er selbst so weit gehen, sagt Heistermann mit bedrückter Stimme: "Ich weiß, dass es immer weiter geht, auch wenn eine Situation hoffnungslos erscheint." Wenn er irgendwann von dieser Welt geht, dann im besten Fall nach einem langen, erfüllten Leben. Und ohne dass ein Putzteam anrücken muss.

Von Katharina Miklis


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