Die Medienkolumne Unser Fernseh-Fußball - eine Saisonbilanz


In der Selbstbetrachtung des deutschen Fußballs gab es zum Saisonende hin noch eine interessante Wendung: Die Fußball-Bundesliga sei gar nicht so schlecht. Die besten Stadien, die meisten Fans, die wenigstens Schulden, das egalitärste System. Wie aber steht es um die Präsentation im Fernsehen?
Von Bernd Gäbler

Die ARD-Sportschau. Die frühe und ausführliche Zusammenfassung des Spieltags im gebührenfinanzierten Ersten ist so wie "ran" früher war: bunt und lebendig, ein Potpourri aus Spielberichten, Emotionen, Schnipsel und Werbung aller Art. Das Gefäß ist ein wenig zu groß und zu kostspielig für den Inhalt. Der wird deswegen ordentlich gestreckt. Die Präsentation ist solide: Nach unserer Beobachtung hat Reinhold Beckmann an echter, nicht nur gewollter Lockerheit gewonnen; ist Monica Lierhaus von nahezu maschineller Präzision und kann Gerhard Delling immer noch nicht davon lassen, sich als Metaphern-Rastelli zu versuchen. Die Spielberichte wirken gelegentlich solider als sie sind. Wer aus dem Stadion kommt, erkennt das soeben Erlebte gelegentlich nicht wieder.

Am letzten Spieltag behauptete die Stimmungsforschung zum Beispiel, der FC Schalke habe sich vor nur noch wenigen ausharrenden Fans verabschiedet. Tatsächlich waren rund 40.000 Zuschauer - Nord- wie Südkurve jedenfalls komplett - noch eine halbe Stunde nach dem Spiel singend im Stadion. Auch sind die Reporter nach wie vor zu verliebt in ihre so genannte "originelle" Sprache, die davon handelt, dass der Vorsprung "verwaltet", der "Sack nicht zugemacht", Tore "mit Köpfchen" erzielt werden, während "die Körpersprache" von "breiter Brust" und "aggressiv in die Zweikämpfe gehen" handelt. Das "Phrasenschwein" des DSF wäre hier gut aufgestellt. Mätzchen mit wild gestikulierenden Trainern an der Seitenlinie und Knallchargen oder hübschen Damen im Publikum spielen immer noch eine zu große Rolle.

Dabei geht es nicht etwa darum, den Sport emotionslos zu sezieren oder das Drama des Spiels zu missachten, sondern um die Relation von Informativem und Show. Da ist vieles zu hohl, was auch am ausgeprägten werblichen Umfeld liegen mag. Vor allem aber ist die "ARD-Sportschau" nach wie vor politisch gewollt - von der Bundesliga, den großen Sponsoren der Vereine, der amtlichen Medienpolitik und den Gebührenzahlern. So lange das so ist - in dieser Analyse darf man dem Premiere-Chef Georg Kofler im Nachhinein recht geben -, wird Pay-TV in Deutschland nicht aus dem Quark kommen.

Arena. Dies wird nach Adam Riese und den Grundrechenarten auch für den neuen Bezahlsender Arena gelten. Es bleibt ein Rätsel, das die jeweiligen Geschäftsführer aber gegenüber ihren Gesellschaftern gerne lösen dürfen, warum Arena schaffen soll, was das bedeutend erfahrenere Premiere mit der Bundesliga als "Premium-Produkt" nicht geschafft hat: auf Dauer genügend profitabel zu werden - und das bei gestiegenen Rechtekosten für dasselbe Produkt, bei geringerer Abo-Gebühr und einer weit geringeren Zahl von Abonnenten. Es scheint darauf hinauszulaufen, dass Pay-TV in Deutschland nur bei mehr Exklusivität oder Monopolbildung eine Chance hat. Die versprochene neue Akzentuierung von Arena gegenüber Premiere jedenfalls - näher am Zuschauer, mehr Emotion, weniger Intellektualität - macht den Braten nicht fett. Eher ist es so, dass bei einer insgesamt soliden ersten Saison hauptsächlich die etwas aufgesetzte Stimmungsmache im roten Gummizelt störte.

Oliver Welke ist als gut gelaunter, aber doch auch etwas distanzierter Moderator jedenfalls regelmäßig besser als wenn er sein professionelles Selbst-Missverständnis als "Comedian" zelebriert. Die Reporterleistungen sind unterschiedlich, dadurch aber immerhin nicht eintönig. Die "Field-Reporter" meist zu aufgeregt und von ihrer Mission durchdrungen. Neu erfinden kann man den Live-Fußball nicht; sondern hauptsächlich besser oder schlechter präsentieren. Bei den internationalen Spielen hat Kai Pflaume auf Sat1 so vor allem bewiesen, dass er noch längst kein Günther Jauch ist.

Das ZDF-Sportstudio.

Wer die legendäre BBC-Sendung "Match of the Day" liebt, weiß, wie Fußball kompakt, zugleich emotional ergreifend und analytisch durchdrungen präsentiert werden kann. Hier vergibt das "Sportstudio" noch immer Chancen. Vor allem die Reporter sind zu schlecht. Sie können kaum die "Story" eines Spiels erzählen, ohne an der Chronologie zu kleben. Sie tun so als würden sie aktuell berichten, müssten aber ein "heute journal" des Fußballs produzieren. Die Gespräche sind meist nicht interessant genug, um diesen Mangel auszugleichen. Das neue Studio ist hübsch, und auch Frau Müller-Hohenstein ein Gewinn. Leider guckt sich Poschmann immer mehr Marotten - wie das locker in die Sätze geschobene "ist doch klar" - von Johannes B. Kerner ab. Und zwei arge Populismen stören das Bild: Die "Torwand" könnte der Altar des "Sportstudios" sein, ist aber durch die Zuschauerbeteiligung zur Kirmes-Nummer verkommen. Fast noch schlimmer ist der halb beckmesserische, halb denunziatorische Gestus vom "Pfiff des Tages". Hier feiert der Fußball-Spießbürger sich selbst.

Das DSF.

Für das DSF, das sich bescheiden und solide als Sender der doch auch ehrenwerten Zweiten Liga profilieren könnte, gilt generell: getretener Quark wird breit, nicht stark. Wie viel Programmzeit aus den Ligaspielen geschunden wird, ist einigermaßen unübersichtlich. Außerdem wirken manche Reporter - dies gilt weder für den erfahrenen Thomas Herrmann, noch für den Moderator Frank Buschmann - doch so, als hätten sie den Zensurenschnitt für andere Sportredaktionen nicht geschafft. Entwürdigend wirken die stets auf absolut Debile zugeschnittenen Gewinnspiele. Recht lieblos geht der Sender auch mit den Elementen Analyse und Ehemalige um. Die Nähe zu Vereinen und früheren Spielern könnte besser genutzt werden. Es reicht nicht, den ein oder anderen gestern noch kurz behosten rasch in einen Anzug zu stecken. Wie gut sind dagegen die so genannten "pundits", also die "Waisen", meist auch Alt-Internationale, aber eben für ihre Aufgabe geschulte, bei der BBC! Gelungen ist es einigermaßen, die "Doppel-Pass"-Runde am Sonntagvormittag als Frühschoppen des Fußballs zu etablieren.

Was wir nie erfahren. Weitgehend unbeackert im Fernseh-Fußball bleibt nach wie vor alles Semi-Aktuelle. Dabei geht es nicht um einen Anspruch an den Sport-Journalismus, permanent großartige "Enthüllungen" zu bieten, Sensationen über Doping im Fußball oder Geschäftemacherei an die Öffentlichkeit zu bringen, sondern bereits um viel einfachere Fragen und Beobachtungen: Warum ist ein Trainer gut und der andere nicht? Wie wird überhaupt heutzutage trainiert? Wie erfolgt Team-Bildung? Wie wäre es, den "Pfiff des Tages" durch eine "Kleine Taktikschulung" zu ersetzen? Gibt es neue optische Varianten, um dem komplexen Spiel analytisch noch besser beizukommen? Könnte es eine interessante Form der Langzeit-Beobachtung geben? Vorausgesetzt, es gibt tatsächlich Sportjournalismus und nicht nur Event-Begleitung, dann scheint die gute Tagespresse hier dem TV-Journalismus deutlich überlegen zu sein.


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