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Die Medienkolumne: Warum gibt es keinen deutschen Borat?

Die westliche Welt lacht im Kino über den verrückten Pseudo-Kasachen Borat. Da kann man sich schon mal fragen, warum es ähnlich entlarvende Radikalität nicht im deutschen Humor gibt - die Medien-Kolumne auf stern.de, ab jetzt jeden Dienstag.

Von Bernd Gäbler

Beseelt lachend kommen die Kinobesucher aus diesem Film. Mit genügend Aufwand angekündigt, hält "Borat", was er versprochen hat. Selbstverständlich liegt das an der Radikalität des Protagonisten. Der britisch-jüdische Comedian Sacha Baron Cohen ist nicht nur einfach politisch inkorrekt, sondern ein Brachial-Aufklärer. Der archaische Eindringling in unsere Zivilisation ist zugleich deren präziser Beobachter. Dünn ist das Eis, auf dem wir wandeln. Schnell bricht es unter Vorurteilen krachend zusammen.

Alle, mit denen Borat nur in Berührung kommt, entlarven sich selbst. Und er sprengt gängige Sitten- und Moralvorstellungen - ob in der Hocke kackend am Trump-Tower oder im sorgfältig choreographierten Nacktringkampf. Borat bereichert uns.

Warum aber, um Gottes willen, gibt es bei uns nichts Ähnliches, wo doch angeblich das Comedy-Gewerbe seit gut einem Dezennium medial nur so brummt?

Unbekannt ist "Borat", und erst recht die vorhergehende Figur des "Ali G.", bei uns ja keineswegs. Es gab sogar immer wieder direkt bei ihm abgekupferte Versuche. Am nächsten dran an "Ali G." waren wohl Erkan und Stefan. Zu besten Zeiten haben sie ähnliche Experten-Interviews geführt wie "Ali G.", der zum Beispiel einen für Rauschgiftdelikte von Jugendlichen zuständigen Polizeiinspektor souverän als Drogen-Berater beanspruchte. Zu so etwas gehört gute Vorbereitung, Intuition und im richtigen Moment eine gehörige Portion an Penetranz und Schlagfertigkeit. Erkan und Stefan sollten angeblich typische deutsch-türkische Prolls sein.

Erkan und Stefan hatten Potenzial, aber keine Entwicklung

Als Figuren waren sie minderbemittelt und wenig eigen. Sie fragten von unten, nur vorgetäuscht selbstbewusst. Zwar erhielten Erkan und Stefan Beifall, und die Kinofilme Zulauf, aber immer haftete ihnen etwas Konstruiertes an. Sie waren Ballermann, lebten nicht in, sondern von einer Szene, der sie zugleich den Spiegel vorhielten. Für Weiterentwicklung waren sie zu dösig. Zu sehr lebten sie in der Nachbarschaft von Mundstuhl und Ingo Appelt. So blieben Erkan und Stefan eingeengt auf den banalen Augenblickserfolg der ein oder anderen Sprachschöpfung. Jetzt haben die Macher Mühe, sich von ihren Figuren zu entfernen.

Kaya Yanar schleudert sein Talent

Als erster großartiger Ethno-Comedian mit eigener Show wurde Kaya Yanar schlagartig berühmt, bekam schon bald den Deutschen Fernsehpreis, galt als großes Talent. Befreit konnten Deutsche über Türken lachen und sogar Türken über sich selbst - ein wildes Karussell im Spiel mit Vorurteilen und wechselseitigen Verklemmungen deutete sich an. Wahrscheinlich kam der Erfolg zu früh. Zwar hat der TV-Comedian noch die ein oder andere zusätzliche Figur erfunden, aber er stagniert. Mimik und Intonation, ja sogar die Grundideen seiner Sketche, sind immer gleich. Es gibt nichts Neues, keine weitere Perfektion, keine Steigerung. Nichts tut weh. Alles ist harmlos. Letztlich sind die Macken Macken und die Vorurteile Vorurteile. Kaya Yanar verschleudert sein Talent.

Er zeigt wie andere, dass es offenbar in unserer Witzkultur wenig Raum für Radikalität und Entwicklung gibt. Dies liegt auch daran, dass begrenzte Talente relativ schnell ins Fernsehen finden. Dort herrscht Quotendruck. Quotendruck führt zu Gefälligkeit.

Nicht klug genug für hyperrealistische Parodien

Dennoch suchen viele nach Selbstbehauptung und eigener Radikalität, die sich leider allzu oft nicht auf Entlarvung stürzt oder bittere Selbstkritik der jeweiligen Szene betreibt, sondern sich selbst mit steter Steigerung von Unverschämtheiten oder vulgärer Sprache genug ist. Stellvertretend dafür steht Ingo Appelt, der in einer Sackgasse festsitzt. Für treffende Beobachtungen oder hyperrealistische Parodien sind manche wohl auch einfach nicht klug genug.

Hier liegt der wesentliche Unterschied zwischen dem keineswegs unbegabten Oliver Pocher und Christian Ulmen, der inzwischen zum Schauspieler gereift ist. Er gierte in seinen Rollenspielen nie danach, mehrheitsfähig zu sein; während Oliver Pocher stets nach gleichem Schema agiert: der Auftakt ist unverschämt, wird aber alsbald wieder versöhnlich eingefriedet. So kann man später einmal Moderator einer großen Abendsendung werden, aber nie wird man Künstler.

Boning gibt den kauzigen Gelehrten

In seiner Frühzeit verkörperte Wigald Boning gelegentlich soviel dadaistischen Witz und gelebte Absurdität, dass sich daran reibende Normalität erst recht abstrus wirkte. In einer ZDF-Show "WiB-Schaukel" ließ er das noch einmal aufblitzen, indem er einfach aus der Klatschpresse bekannte C-Prominente ernst nahm und sich ihnen individuell widmete. Erstaunliches förderte er so zu Tage. Jetzt gibt er bei "Clever" (Sat.1) erst einmal den kauzigen Gelehrten.

Kerkeling ist zu freundlich

Bleibt Hape Kerkeling - übrigens immer ein Mann des Wortes, des Kostüms und der kleinen Form. Auf der Langstrecke des Films konnte er nie das Niveau halten. Wie wunderbar ist eine seiner Figuren: der Lokalreporter Horst Schlämmer. Nur leidet sie jetzt schon unter der bei jeder Inflation spürbaren Entwertung. Für den Grevenbroicher Redakteur war der Rollentausch mit Günter Jauch beim Prominenten-Special von "Wer wird Millionär?" sicher vorerst der Höhepunkt. Alles andere ist Zitat, nicht Zuspitzung; gewiss lustig, aber nie heikel. Das waren frühere Rollen-Auftritte Kerkelings durchaus - ob als neuer osteuropäischer Fußballtrainer bei Sturm Graz, als südamerikanischer Polizeipräsident auf hiesiger Schulung oder als Journalist, der auf der Bundespressekonferenz nichts begriffen hatte. Kerkeling hätte das Zeug dazu, noch mutiger, bissiger, entlarvender zu werden. Aber vermutlich ist er dazu einfach zu freundlich. Der Außenseiter-Stachel hat ihn lang genug geschmerzt.

Es gäbe also durchaus Talente, aber es fehlt der Drang. Heute lieben die jüngeren Klamauk ("Schillerstraße"), Alltägliches (Mario Barth) oder Melancholie (Johann König). Einige haben sich oberflächlich in Richtung Unflätiges zu Tode radikalisiert. Vor allem aber fehlt eine von den Rändern der Gesellschaft kommende, aber ihre Mitte ins Visier nehmende Tradition. Die jüdische wurde vernichtet und die erste Generation der "Gastarbeiter" hatte scheinbar gar nichts zu lachen.