HOME

Doku-Soaps: Darum gucken wir Promis beim Kotzen zu

Langeweile mit Gülcan Kamps, Schönheits-OPs mit Brigitte Nielsen und jetzt auch noch Drogenentzug vor laufender Kamera - immer mehr Prominente stellen ihr Privatleben im TV zur Schau. Voyeurismus hat Hochkonjunktur. Doch die geschmacklichen Entgleisungen zeigen, dass die Doku-Soaps ihren Zenit überschritten haben.

Von Katharina Miklis

Am Sonntag haben wir noch mit Brigitte Nielsen Geburtstag gefeiert und ihre schönen, neuen Brüste bewundert. Am Dienstag mit Gülcan Kamps und Collien Fernandes auf dem Bauernhof Trübsal geblasen und am Donnerstag waren wir mit Sarah Connor Reizwäsche kaufen. Wer die Abende in dieser Woche vor dem Fernseher verbracht hat, kennt nicht nur die sexuellen Vorlieben von Frau Nielsen und die Körbchengröße von Sarah Connor, sondern hat sich unter Umständen auch durch das Leben sämtlicher anderer B-Promis gezappt.

Promi-Voyeurismus findet in diesem Sommer seinen vorläufigen Höhepunkt im TV-Programm. Immer mehr Stars machen ihr Privatleben öffentlich. Wer von seinem eigenen Leben gelangweilt ist, kann sich an den Banalitäten der Promis ergötzen und sich daran erfreuen, dass es unter Umständen noch Öderes gibt als das eigene Leben. Man muss noch nicht mal die Wohnung verlassen, um am Leben der vermeintlichen Stars teilzuhaben.

Reality-Soaps als Freundschaftsersatz

Die Quoten zeigen, dass der Promi-Trash zieht. Doch woher rührt die Faszination für das Leben der B-Promis, in dem oft gar nichts Aufregendes passiert? Für Trendforscher Andreas Steinle basiert das große Interesse auf mehreren Motiven: "Zum einen vermittelt der in seiner Normalität dargestellte Promi die entlastende Botschaft, dass man über keine außergewöhnlichen Talente verfügen muss, um reich und berühmt zu werden. Zum anderen ermöglicht die Abbildung des Alltäglichen, mit dem Promi eine parasoziale Beziehung einzugehen." Reality-Soaps funktionieren gewissermaßen als Freundschaftsersatz. "Der Zuschauer steht auf einer Ebene mit dem Promi und kann dadurch auf imaginärer Ebene Freundschaft mit ihm schließen." Aber das ist laut Steinle nicht alles: "Ein nicht zu unterschätzender Teil der Zuschauer erfreut sich sicherlich auch nur an der Peinlichkeit der sich selbst entzaubernden Promis und genießt das Fremdschämen."

Und das Fremdschämen fällt nicht schwer, wenn man bedenkt, wobei die Promis sich filmen lassen. Das Delmenhorster Popsternchen Sarah Connor und Ex-Boygroup-Sänger Marc Terenzi lassen bereits zum zweiten Mal ihr stinklangweiliges Alltagsleben dokumentieren. Und das ist so unaufregend, dass diesmal auch die Geschwister und Mutter Soraya verstärkt vor die Kamera gezerrt werden. Die ganze Familie im Selbstdarstellungswahn. Demnächst bekommt selbst Sorayas Ehemann, ein plastischer Chirurg, seine eigene Dokusoap. "Der Schönmacher - Die Welt des Dr. Tacke" soll laut RTL Geschichten aus dem Leben des "außerordentlich charmanten" Arztes zeigen.

Die härteste Währung in unserer Mediengesellschaft: Aufmerksamkeit

Im Spätsommer werden sich Moderatorin Jana Ina und Ex-"Bro'Sis"-Sänger Giovanni Zarella nach ihrer TV-Soap "Just Married - Frisch verheiratet" nun auch bei ihrer Schwangerschaft begleiten lassen ("Wir sind schwanger"). Sogar im Kreißsaal soll gefilmt werden. Im Herbst lassen sich Claudia und Stefan Effenberg beim Umzug aus Amerika in die ehemalige Villa von Bastian Schweinsteiger nach München begleiten. Und wer denkt, Brigitte Nielsens Schönheits-OP-Soap war schon am Rande der Geschmacklosigkeit, dem sei gesagt: Es geht noch schlimmer. Ab heute Abend vollziehen drogensüchtige Promis wie Brigitte Nielsen und Hollywood-Schauspieler Daniel Baldwin in "Celebrity Rehab" auf MTV den öffentlichen Entzug.

Was versprechen sich die Prominenten davon, bei solchen Formaten mitzumachen? Laut Trendforscher Steinle geht es ihnen darum, nicht in Vergessenheit und damit in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. "Und für denjenigen, der auf das Geld angewiesen ist, geht es um die ökonomische Sicherung der Existenz." Allem voran geht es aber um die härteste Währung in unserer Mediengesellschaft: Aufmerksamkeit. "B-Promis, die allein dafür bekannt sind, bekannt zu sein, sichern sich Aufmerksamkeit nur noch durch die Offenbarung intimster Details". Und die TV-Sender greifen dankbar zu, da Promi-Doku-Soaps billig zu produzieren sind und trotz ihrer zweitklassigen Qualität genügend Zuschauer erreichen.

Wenn der letzte Promibusen gestrafft ist...

Und was kommt, wenn der letzte ausgeleierte Promibusen gestrafft, der Seelenstriptease und Drogenentzug vollzogen wurde? Der Trendforscher sieht da noch durchaus Raum für die Ausweitung der Intimitäts- und Peinlichkeitsschwelle: "Heute lassen sich Promis beim Fettabsaugen filmen - was schon extrem geschmacklos ist. Morgen werden sie uns womöglich noch vorführen, wie sie aus dem Fett ein Kunstwerk basteln." Doch das Ende ist in Sicht. "Irgendwann nutzt sich diese Steigerungslogik so weit ab, dass die Zuschauer das Interesse verlieren. Die aktuellen geschmacklichen Entgleisungen deuten darauf hin, dass die Promi-Doku-Soaps ihren Zenit überschritten haben."

Die Zeit wird also kommen, in der manch einer sich wieder daran gewöhnen muss, sein eigenes Leben zu leben. Eine Zeit, in der wir unserem imaginären Freund Daniel Baldwin nicht mehr den Kopf über der Kloschüssel halten müssen, Sarah Connor nicht mehr beim stundenlangen Shoppen begleiten und uns nicht mehr mit Gülcan die Fußnägel lackieren. Aber kein Grund zur Sorge: Das Leben geht weiter. Für alle, die nicht wissen wie, hat der Trendforscher noch einen guten Tipp: "Wieso gucken wir unseren Nachbarn nicht einfach beim Rasenmähen zu. Das ist doch viel extremer."

  • Katharina Miklis