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Der 9. Tag im RTL-Dschungel: Julia macht den Küblböck

Nesthäkchen Lisa muss ins Krankenhaus und Anti-Brünhild Julia soll 40.000 Kakerlaken über sich ergehen lassen, wie einst Daniel Küblböck. Nach neun Tagen im Dschungel stellt sich die Frage: Müssen die VIP-Camper auf die Psycho-Couch?

Von Sylvie-Sophie Schindler

Früher hat man den Kindern erzählt, dass sie auf der Straße oder unter der Brücke landen, wenn sie sich nicht auf den Hosenboden setzen und gefälligst brav lernen. Heutzutage sind die elterlichen Drohungen wesentlich drastischer. Kinder, die fragen: "Mama, Mama, muss ich, wenn ich groß bin, auch ins Dschungelcamp", bekommen zur Antwort: " Nur wenn du dich nicht richtig anstrengst in der Schule, dann holen dich die bösen, bösen Fernsehmänner, nehmen dir die Fernbedienung weg und fliegen dich in den dunklen, dunklen Dschungel, wo ein dicker, dicker Mann wartet, in einem hässlichen, hässlichen Overall, um Millionen Menschen zu zeigen, wie du dir den Popel aus der Nase ziehst." Einen Haken aber hat die Sache: Es mag Kinder geben, die es sogar richtig gut finden, wenn einen lianengrüne Zukunft vor ihnen liegt.

Bestimmt mag es unter den Urwaldcamp-Insassen auch solche geben, die ein glänzendes Abitur abgeliefert haben. Trotzdem ist irgendetwas faul an diesen Pseudo-Tarzanen. Man munkelt, sie seien verzweifelt, hoffnungslos oder litten unter Profilneurose. Was ist da wirklich dran? Wie hätten beispielsweise Sigmund Freud und Co. die Probanden beurteilt? Tag neun - aus psychologischer Sicht.

Was sich Dirk Bach bei seinen albernen Hüten denkt, die selbst im Karneval eine schlechte Wahl wären, allein diese Frage lässt sich sicher erst umfassend beantworten, wenn man den Pummel-Moderator wochenlang auf die Psychocouch legt. Wurde er von seinen Geschwistern unterdrückt? Bekam er nicht die nötige väterliche Anerkennung? Handelt es sich um eine Störung in der ödipalen Phase? Auf eine eindeutige Diagnose festlegen, auch ohne Psychoanalyse, lässt sich hingegen Weizenblondchen Isabel Edvardsson: Zwangsstörung. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie sich täglich stundenlang im Gesicht bemalt oder, wie in der aktuellen Folge, akribisch die Augenbrauen zupft? Andererseits liegt auch der Verdacht nahe, das Camp-Nackedei leide unter Kakophobie, der Angst vor Hässlichkeit. Was natürlich ein Klacks ist im Vergleich zu den Phobien des Ross A. Eigentlich gibt es, wie in jüngster Vergangenheit zu erleben war, kaum eine Angst, die der Ex-Bro'Sis-Sänger nicht hat. Umso beängstigender ist es nun, zu erleben, wie die Chef-Memme in Folge neun eine seelische 180-Grad-Drehung macht und in den Gute-Laune-Terror flüchtet. Mag es sich dabei um eine manische Phase handeln?

Lisa muss ins Krankenhaus und scheidet aus

So viel Zwiebeln kann man gar nicht schneiden wie Tränen geflossen sind bei Lianen-Nesthäkchen Lisa Bund. Der medizinische Befund, auf Grund dessen sie nun als Erste das Camp verlassen musste und in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, ist laut Dschungel-Heiler Dr.Bob unumstritten: Gastritis. Das Tränen überströmte Träller-Weibchen kann getröstet werden: eine Magenschleimhautentzündung geht auch wieder vorbei. Doch wie steht es um die Psyche einer 19-Jährigen, die redet wie eine 11-Jährige, die zum ersten Mal in ein Ferienlager fährt? Original-Ton Lisa B.: "Immer wenn es mir schlecht gegangen ist, ist die Mama gekommen. Mir fehlt die Liebe." Auch für dieses Verhalten gibt es Psychologen-Vokabular: infantile Regression. Doch dann, wenig später, und das macht die Angelegenheit noch verwirrender, der ultimative Mama-Verrat. Als sich die Nachwuchssängerin von ihren Teamkollegen verabschiedet - mit dem obligatorischen Tränen-Tsunami- und Barbara Herzsprung busselt und herzt, schluchzt sie: "Barbara, du bist die tollste Frau die ich je kennen gelernt habe." Von Mama keine Rede mehr.

Lisa ist also weg vom Fenster und alle anderen trauern oder spielen wenigsten so, als ob sie trauern würden, auch wenn höchstens auf Soap-Darsteller-Niveau. Doch wer weiß, wie lange das gut gegangen wäre mit einer Gerade-Mal-Frau, die immer noch in der Trotzphase steckt. Es hätte durchaus die Gefahr bestanden, dass Bata Illic und Konsorten bald unter Ephebiphobie leiden, unter der Angst vor Teenagern. Bei Julia Biedermann können sich die Krankenkassen ihr Geld sparen, denn auch der Laie erkennt, worunter die Newcomer-Playmate mit der Sprödigkeit einer Religionslehrerin leidet: Insektophobie, Angst vor Insekten beziehungsweise Akarophobie, Angst vor Insekten, die Juckreiz hervorrufen. Als sie erneut zur Dschungelprüfung antrat, schien sie jedoch von Übermut oder Realitätsverlust übermannt und verkündete mit fester Stimme: "Ich habe mir diesmal vorgenommen, nicht schlapp zu machen." Die jüngste Vergangenheit sitzt der Anti-Brunhild schwer im Nacken: bereits zweimal scheiterte sie, Sterne für die Gruppe zu ergattern.

Julia macht die Küblböck-Prüfung

Die Aufgabe bei der Prüfung namens "Krabbelgruppe" (was übrigens auch eine passende Bezeichnung für die Dschungelinsassen wäre) lautete: setz die Schutzbrille auf, leg dich in einen Schneewittchensarg und warte darauf, wie 40.000 Kakerlaken (Gewicht: 15 Kilogramm!) auf dich herabregnen. Diese Prüfung musste Daniel Küblböck vor mehr als drei Jahren auch ablegen. Allein bei den Anweisungen von Dr. Bob wurde es einem schon mulmig: "Halte den Mund zu, denn sonst kriechen die Kakerlaken rein. Wenn sie es schaffen, dann musst Du gut kauen. Sie laufen überall hin, wo es dunkel ist." Tapfer wie ein Dreikäsehoch zum Drei-Meter-Sprungbrett stieg Julia B. in den Glassarg, doch dann siegte ihre Insektophobie. Sie schrie: "Nein, ich will die Prüfung nicht machen - ich bin ein Star, holt mich hier raus." Die Konsequenz: Dirk Bach freute sich wie ein kleines Kind über einen Lolli: "Das habe ich mir immer gewünscht, dass ein Star die Dschungelprüfung ablehnt." Des einen Freud, des anderen Leid: weil Julchen nicht antrat, gab es für die Dschungelcrew weiterhin nur Reis und Bohnen zu essen.

Überhaupt die Ernährung. Dass die VIP-Camper in 100 Prozent ihrer Zeit so viel Stuss daherreden, mag der Tatsache geschuldet sein, dass einfach die Vitamine und Nährstoffe fehlen. Da half es nur wenig, dass Bata und Ross von ihrer Schatzsuche neun rohe Eier - wovon fünf zu Bruch gingen- ins Lager balancierten. Beim kollektiven Rühreier-Reis-Mampfen gab es wieder eine Kostprobe verbaler Vielseitigkeit und erstaunlicher Belesenheit: "Manchmal ist die einfache Küche die beste." Wie gesagt, es ist bestimmt einer mit glänzendem Abitur dabei. Auch sonst wurde man regelrecht mit Sprüchen aus.08/15-Ratgebern bombardiert. Hier eine kleine Auswahl: "Du musst an dich denken", "Achte auf deine Füße, das ist das oberste Gebot", "Achte auf deinen Körper", "Du bist kein Feigling, wenn du nein sagst", "Mach nichts, was dir schaden könnte", "Man muss auch mal nein sagen können." Nur Moderatorin Sonja Zietlow, die diesmal ziemlich apathisch wirkte, tanzte aus der Reihe und kam mit einer Weisheit daher, die sich als Kalenderspruch noch nicht durchgesetzt hat. "Denk an die Quote", wies sie Dirk Bach an.

Auch wenn manch ein Zuschauer kaum an sich halten kann - am Samstag durfte er noch niemanden rauswählen. Was eine Ausnahme ist, denn eigentlich war geplant, dass ein Promi aus dem Lager bugsiert wird. Doch da Lisa schon vorzeitig aus dem Rennen gegangen ist, muss vorerst niemand Abschied nehmen. Das Schicksal meint es wohl gut mit ihnen. Wären die Buschbewohner jedoch bei "Deutschland sucht den Superstar" angetreten, es hätte die übelsten Kakerlaken- und Klobürsten-Sprüche von Juror Dieter Bohlen gehagelt. Was die Dschungelgruppe stimmlich so draufhat, demonstrierten sie bei ihrer selbst inszenierten Show "Deutschland sucht den Dschungelstar":nichts. Trotzdem landete Chef-Trösterin Michaela auf Platz Eins mit dem Karnevalsliedchen: "Ich hab' ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner. Döner macht schöner." Was zeigte, dass wenigstens einer in der Gruppe frei von jeder Phobie ist, zumindest vor der Katagelophobie, der Angst vor Spott und vor der Kyphophobie, der Angst vor Erniedrigung. Moment mal, sind das nicht eigentlich die Standardvoraussetzungen, um überhaupt ins Dschungelcamp zu gehen?

  • Sylvie-Sophie Schindler