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Dschungelcamp, Tag 3: Schabenfreude ist die schönste Freude

Die Gräben werden tiefer im australischen Guantanamo. Während Sara Kulka sich leider berappelt, gehen Walter Freiwald zunehmend die Gäule durch. Gut, dass Null-Null-Scheider eine Lösung parat hat.

Von Ingo Scheel

Die Algorhithmen der Camp-Dramaturgie, sie greifen zuverlässig bei der Dschungel-Olympiade: Beim Einzug wirkt der Sekt noch nach, am Tag drauf folgen sinnentleerte Schulterschlüsse bei schmerzhaften Momenten der Klarsicht. Am dritten Tag dann das Aufbrechen von Psychosen und die ersten Risse an den menschlichen Sollbruchstellen. In diesem Falle war das, bitte nicht überbieten, natürlich Walter Freiwald.

Hatte der sich am Vortag schon als Nachfolger von Jauch und Gottschalk in Stellung gebracht, uns also einen schillernden Eindruck seiner Zukunft beschert, war nun der Blick zurück, war Vergangenheitsbewältigung das Motto. Zuhören musste ihm dabei nicht etwa ein Mitinsasse, sondern das schnöde Sprechzimmer. Der Mann hat seine Lektion gelernt, hatte in den letzten Jahren ja auch genug Zeit zum Fernsehen: So früh sind die Mitgefangenen zuweilen noch nicht bereit für den ganz großen Rundumschlag. Denen kann man vielleicht mal trocken vor den Kopf hauen, dass man sie "anpinkeln" würde oder dass Kinder kaufen doof ist - aber für das ganz große Besteck ist es zu früh. Oder von vornherein zu spät, je nachdem, um wen es geht. Hashtag Models. Hashtag Pisa. Hashtag Patricia Blanco. Oder heißt die jetzt schon irgendwas mit Phoenix?

Wie Phoenix aus dem Ascher

Aber zurück zu Walter. Der stieg wie Phoenix aus dem Ascher und lederte über Stunden - wo ist der 24/7-Livestream, wenn man ihn braucht? - gegen seinen einstigen Vorgesetzten. Und Vormieter, wenn man so will.

Wer die Bilder des dahinsiechenden Harry Wijnvoord auf seiner Furzmulde am Lagerfeuer vor Augen hat, kann sich kaum vorstellen, dass dieser Schlaflabor-Patient irgendjemandem etwas zu Leide tut. Soll aber wohl am Rande von "Der Preis ist heiß" ein echter Miesepeter gewesen sein. Und das gegenüber Macgyver Freiwald: Aus einer Reinigung und einem Frisiersalon hatte der in den 70er Jahren eine Radiostation gebaut. Unglaublich. Womöglich mit Dosen-Telefon und Sea Monkeys aus einem Yps-Heft. Und mit Howard Carpendale. Das ist doch Wahnsinn, Walter. Oder um es mit Sara zu sagen: "Das alles hier fickt mein Gehirn".

"Je suis Walter"

In der Tat penetriert die Akte Freiwald die Synapsen so köstlich, man möchte sich umgehend "Je suis Walter" auf die Knöchel tätowieren lassen. Als hätte Vincent Raven in der Raucherecke eines Leipziger Jobcenters aus den Genen von Gollum und Günter Pfitzmann einen neuen Menschen gezaubert. Die Patina-Monologe gibt es dann hoffentlich nach Ende der Staffel als Hörbuch zu kaufen.

Und was sagt der Mann dazu, der einst ein -E- zuviel gekauft hat? Scheiders Rolfe diagnostizierte trocken: "Der ist bipolär". Naja, wir wissen ja, was gemeint ist. Ganz der zerstreute Professor setzte sich Rolfe dann gleich noch mit dem Allerwertesten auf seine Brille. Von drei mitgebrachten Sehhilfen sind nun schon zwei, Verzeihung, im Arsch. Dabei, das weiß doch jedes Kind und auch Null-Null-Scheider selbst: Ohne Brille erkennt den doch keine Sau. Nun denn, eine ist ja noch da. Zur Not muss Walter dann aus, sagen wir mal, einem Stück Bambus, einem Rest Seife und Rebeccas Kopfharz eine neue bauen. Der kann das. Hat ja auch in den 70ern … ach, das hatten wir schon.

Rebecca, die Hellseherin

Was wir noch nicht hatten, war das Wort des Abends. Nein, nicht bipolär. Schlürfatmung. Genau: Schlürfatmung. Eine Entspannungstechnik, die gern bei Burnout-Syndrom oder anderen Erschöpfungszuständen angewandt wird. Walter Freiwald kennt sich da aus. Und gewirkt hat es auch. Schlürfen, atmen, schlürfen, atmen - so von Dr. Freiwald gestählt, ging Sara Kulka in ihre dritte Prüfung in Folge und bescherte dem Team unter dem Motto "Schabenfreude", einer Art Cocktailmixer voller Kakerlaken, Geschmeiss und Mehlwürmern, tatsächlich sattmachende sieben Sterne.

Rebecca Dingsbums-Barum wurde anschließend zur Seherin: "Das war es erstmal mit Sara und der Dschungelprüfung. Das war den Zuschauern sicher zu erfolgreich". In der Tat - beim nächsten Mal wird das andere Playboy-Cover ins Rennen geschickt, muss Angelina Heger dafür sorgen, dass Essen auf den Tisch kommt. Und vielleicht gibt es dann auch eine Antwort auf die Frage, wann endlich Momo unter Iffis Klamotten raus darf.