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Tag 9 im Dschungelcamp: Senile Campflucht bei RTL

Immer mehr Insassen wollen das Dschungelcamp freiwillig verlassen. "Rambo-Ramona Leiß" dagegen ist von den Zuschauern gegen ihren Willen rausgewählt worden. Das ist gut so - auch für sie selbst.

Von Björn Erichsen

Es scheint eines dieser ganz normalen Einspielfilmchen zu sein. "Hey du, ja du! Ruf mich an!", flötet Kim Debkowski. Jazzy palavert: "Anrufen, anrufen, anrufen! Ich finde es hier super!" Und Micaela Schäfer verspricht, ihren kaum sichtbaren "Borat-Slip" beim Baden anzuziehen. Alles ganz normal also, die übliche Anrufbettelei der Kandidaten - wären da nicht Vincent Raven und Ailton. "Keine Bock mehr", jammert der Brasilianer und schiebt die dicke Unterlippe noch ein Stückchen weiter raus. "Ich bin am Limit", krächzt der Rabe und schaut finster drein: "Ich will nach Hause." Und damit es auch der letzte Ailton-Anhänger versteht: "An Fans alle! Bitte bitte nicht nix rufe an! Bitte!" Man kann sich sicher sein: Wären die beiden zeitgleich in der Kabine gewesen, sie wären aufeinander losgegangen, im Kampf um das schnellste Ticket nach draußen.

Okay, geschenkt, die Sendung heißt "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" - doch derartig viele Fluchtpläne wie in dieser Staffel hat es im achtjährigen Bestehen der Ekel-Show noch nicht gegeben. Es sind ja nicht nur Raven und Ailton, auch Radost Bokel weinte sich am Samstagabend die großen Bambi-Augen feucht, sie wolle jetzt so schnell wie möglich raus zu ihrem Mann. Vor seiner Abwahl hatte auch schon Daniel Lopes in den Sack gehauen - und war dann unter größtmöglicher Dehnung des Regelwerks zurück ins Camp verfrachtet worden. Und siehe da: Der angeblich so phlegmatische Martin Kesici scheint ein echtes Cleverle zu sein. Mit seinem freiwilligen Abgang an Tag 7 wartete er exakt so lange, bis ihm eine weitere Tranche der Honorarzahlung zustand, so dass er jetzt angeblich mit 23.000 Euro nach Hause geht . Kein schlechtes Salär für eine Woche – und tschüs, Dschungelcamp!

Ailton will nicht mehr

Trotz angeblicher Schulden in sechsstelliger Höhe hat Ailton schon seinen Ausstieg verkündet. Wegen der Sprachbarriere (Zietlow: "Ailton kann schon Deutsch – allerdings nur Konsonanten.") lässt der Fußballvagabund allerdings Jazzy für sich sprechen: Sein Herz sei nicht mehr hier, sein Kopf wolle nicht mehr, und was gar nicht mehr gehe: die ständigen Bohnen. Dabei schaut der Brasilianer so traurig drein, als hätten sie in Rio gerade den Karneval verboten. Nur die energische Intervention von Brigitte Nielsen, aufgerichet etwa drei Köpfe größer als der Kugelblitz, sorgt dafür, dass der "Sympath-Mann" - schon jetzt ein Kandidat für das Wort des Jahres - es zumindest noch einen Tag probieren will. Ein Auszug würde ihn vermutlich in eine handfeste Identitätskrise stürzen: "Ailton auswechseln nicht mehr schlecht?" "Ailton doch nicht immer gewinne?"

Die große Verliererin aber heißt Ramona Leiß. Sie bekam, was sich andere sehnsüchtig wünschen: die Rote Karte vom Publikum. Mit ihren ständigen Schimpftiraden hat sie offenbar nicht nur die meisten Camp-Bewohner, sondern auch die Zuschauer gegen sich aufgebracht. Einen Freak-Bonus wie bei Sarah Knappik - nach dem Motto: "Irre, aber irgendwie faszinierend" - gönnte man ihr nicht. Vermutlich hat ihr weinerlicher Monolog am Samstagabend das Fass zum Überlaufen gebracht: Sie habe früher ständig "das perfekte Kind" sein müssen, immer gab es Leistungsdruck, und das sei vor ihrem Wutanfall am Vortag wieder hochgekommen, erzählte sie ihrer Vertrauten Brigitte. Doch auch die verriet ihr nicht, dass eine harte Kindheit als Rechtfertigung - die wirklich schlimmen Sachen mal ausdrücklich ausgenommen - in etwa so beliebt ist wie Herpes beim Zungenkuss.

"Rambo-Ramona" das "freundliche Mäuschen"

Ramona rechnete nicht mit der Abwahl, das war ihr deutlich anzusehen. Sie schluchzte ein paar Mal, bemühte sich dann aber um Contenance. "Es war eine schöne Zeit hier", sagte sie. "Aber jetzt bin ich raus aus dem Internat." Der Aufprall auf die Wirklichkeit wird hart ausfallen, denn die Kluft zwischen Fremd- und Selbstbild ist beachtlich. "Mit ein paar Reibungspunkten" rechne sie schon, erzählte sie vor Beginn der Show in einem Interview. Ansonsten sei sie eher der Harmonie-Typ, so "ein freundliches Mäuschen". Man darf gespannt sein, wie sie auf die RTL-Zusammenschnitte reagiert, oder ihre neuen Spitznamen: "Rambo-Ramona", "Ramonator" oder "Krösa-Maja nach der Menopause". Mit seinem Voting hat ihr das Publikum wahrscheinlich sogar einen Gefallen getan, denn es wäre wohl mit jedem Tag im Camp nur schlimmer geworden.

Unter dramaturgischen Gesichtspunkten ist ihr Auszug natürlich ein Verlust - war sie doch eine zuverlässig tickende Zeitbombe am Lagerfeuer der zerbrochenen Eitelkeiten. Doch wer weiß: Vielleicht gibt es ja nun den großen Harmonieschub, und die ganzen Renegades würden auf einmal doch bleiben wollen. Bei RTL wäre man erleichtert, würde doch jeder weitere frewilige Abgang Geld kosten durch die entgangenen Anrufe. Wenn es dagegen schlecht läuft, könnte es im australischen Busch sehr schnell sehr leer werden. Stellen Sie sich das mal vor: Es ist Dschungelcamp, und keiner geht mehr hin.