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DSDS 2012: So rosig wie ein Schweinehintern

Worauf darf man Dieter Bohlen nicht ansprechen? Auf sein Alter. Moderator Marco Schreyl machte es trotzdem. Überhaupt war die erste Mottoshow nicht so schlimm wie befürchtet – dank eines Schnulzensängers und eines Schweizers, dem die Zukunft gehört.

Von Mark Stöhr

Wenn sonst schon nicht viel passiert, dann eben ein Outing. Kristof Hering, der Mann für die Schwiegermütter-Songs im Kandidatenfeld, outete sich als schwul. Und nicht nur das: Sein Freund ist 30 Jahre älter. Dieter Bohlen fand das Geständnis – natürlich – "megamutig". Vorher musste er sich aber aufregen. Denn Marco Schreyl, der Mann für das Grobgehackte, hatte sich in seiner Anmoderation einen Schwenk zu Bohlens eigener Beziehung erlaubt. Bekanntlich ist der 58-Jährige mit einer 27-Jährigen zusammen. Seine Carina sei im genau richtigen Alter für ihn, ätzte Bohlen und sendete Giftblicke aus seinem Knittergesicht. Hering stand indes etwas betreten herum in einem wirklich sauhässlichen Jeansfrack. Er hatte gerade "Verdammt, ich lieb' Dich" von Matthias Reim gesungen.

Man will sich nicht ausmalen, was für Diskussionen diesem Outing vorausgingen. Ob sich Hering selbst dazu entschloss oder ob RTL nachhalf? "DSDS" tut sich in dieser Staffel bekanntlich schwer, seine Kundschaft zu mobilisieren. Die Quoten sind nicht katastrophal, aber doch deutlich im Rückwärtsgang. Der Show fehlt es an den großen Soaps hinter den Songs. Keine Knast- und Waisenhauskarrieren, keine schmutzige Wäsche, bloß schmutzige Töne. Von denen dafür eine ganze Menge. Bei so viel Mangel an Story und Talent kommt der arme Hering genau recht. Das sahen die Zuschauer ähnlich: Der 22-Jährige schaffte den Sprung unter die Top 9, wenn auch knapp. Gehen musste der Österreicher Thomas Pegram, ein "Künstler" (Bohlen), der sich so gesehen ohnehin in der Sendung geirrt hatte.

"Hammerhits" sollten es sein in der ersten Mottoshow, "hammerpeinliche" Darbietungen waren zu befürchten nach den bisherigen Leistungen der meisten Kandidaten. Doch zur großen Überraschung blieb der Superstar-GAU aus: Nur wenige Tonverschiebungen und Texthänger gab es zu beklagen – wenn ein Stimmchen allein nur schwer den Berg hinauf kam, war gleich der Background-Chor da und schob es von hinten an. Als einziger fiel Joey Heindle bei der Jury durch. Er hat in der Show die Nachfolge von Vorjahresieger Pietro Lombardi angetreten als liebenswerter Trottel vom Dienst. Bohlens Urteil über Heindles Interpretation von "Hey, Soul Sister": "Für einen Kindergeburtstag war's geil, für eine Schallplattenaufnahme scheiße." Hamed Anousheh bekam von Bohlen den Rat, sich einen Psycho-Coach zu suchen: "Du scheißt dir auf der Bühne in die Hose."

Zwei Favoriten aus der Schweiz

Der Abend plätscherte also vor sich hin – mit einer erstaunlich peppigen Performance von Fabienne Rothe, auch Vanessa Krasniqis Version eines Adele-Songs klang wie ein Adele-Song –, bis Bruce Darnell plötzlich auf dem Jurytisch stand. Er weinte. "Deine Stimme geht bis in den Himmel", schluchzte er und brüllte immer wieder: "Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich sagen soll!" Dafür sagte er recht viel. Der solchermaßen Gepriesene war – natürlich – Jesse Ritch. Der Schweizer ist der mit Abstand begabteste Sänger in der diesjährigen "DSDS"-Truppe. Er hat Soul, er hat Groove und ist offenkundig auch noch ein netter Typ. Er müsste sich schon beide Arme brechen und die Nase, um nicht ins Finale zu kommen.

Sein härtester Konkurrent ist ebenfalls Schweizer: Luca Hänni. Er ist das Bravo-Bärchen, der Person gewordene Teenagertraum, der Liebling der Töchter und der Mütter, hübsch, gut gebaut, freundlich, sanft, sprich: ein perfekter Langweiler mit Schmachtpotential, der auch noch Gitarre spielen kann. Schon in der ersten Liveshow vor einer Woche verkündete Bohlen, einer wie Luca würde herauskommen, wenn er sich einen Superstar bauen könnte. Gestern wechselte er in seiner Metaphorik vom Frankenstein-Labor zur Landwirtschaft: "Deine Zukunft bei "DSDS" ist so rosig wie ein Schweinehintern."

Das sieht bei Kristof Hering anders aus. Für ihn sind die Top 9 möglicherweise das Maximum seiner Möglichkeiten. Seine Roland Kaiser-Stimme ist gut, aber bei RTL im falschen Kanal, er scheint bisweilen unter einem solchen Überdruck zu stehen, dass man Sorge haben muss, er fliege einem gleich um die Ohren. Aber Herings Plan B, wenn es mit dem Titel nichts wird, ist gleichzeitig Plan A: "Für meinen Freund bin ich immer der Superstar."