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Musikpreis wird abgeschafft: Chronologie eines Skandals: Wie sich das Echo-Aus angebahnt hat

Das Ende für den Echo hat sich bereits vor zwei Monaten angebahnt - nicht zuletzt durch das fragwürdige Hin und Her des verantwortlichen Bundesverband der deutschen Musikindustrie (BMVI). Eine Chronologie.

"Echo"-Preisträger Farid Bang und Kollegah

Umstrittene "Echo"-Preisträger Farid Bang und Kollegah (l.)

DPA

Nach dem Skandal um die Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang wird der bekannteste deutsche Musikpreis abgeschafft. Der Echo sei durch die Geschehnisse "so stark beschädigt" worden, dass ein "vollständiger Neuanfang" nötig geworden sei, erklärte der Bundesverband der deutschen Musikindustrie (BMVI) nach einer außerordentlichen Sitzung des Vorstands (lesen Sie hier die vollständige Begründung).

Dabei kam das Ende für den Echo wenig überraschend: Die Kontroverse um den Musikpreis dauert fast zwei Monate an - in der immer wieder neue Gründe und Formulierungen gefunden wurden, den Auftritt von Kollegah und Farid Bang zu rechtfertigen.

Eine Chronologie um das Hin-und-Her und Hadern des BMVI in der Echo-Kontroverse.

28. März: "Die Sprache des Battle-Rap ist hart"

"Trotz Hassparolen sind die Rapper (Kollegah und Farid Bang, Anm. d. Red.) für den Echo nominiert“, kritisiert die „Bild“-Zeitung. "Ihre Texte sind voller Gewalt und Antisemitismus. Doch jetzt könnten sie dafür sogar einen Preis bekommen". Echo-Geschäftsführerin Rebecka Heinz erklärt dem Boulevardblatt:

"Die Sprache des Battle-Rap ist hart und verbale Provokationen sind ein typisches Stilmittel. Die Kunst- und Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, angesichts der Textzeilen in ‚0815‘ haben wir aber tatsächlich den Ethik-Beirat gebeten, sich mit dem Produkt zu beschäftigen."

6. April: "Formaler Ausschluss nicht der richtige Weg"

Der Ethik-Beirat des Echo, der in Zweifelsfällen vom BMVI-Vorstand berufen werden kann, soll laut Verband "die Vereinbarkeit eines Werkes mit grundlegenden gesellschaftlichen Normen" beurteilen. Und letztlich über die Nominierung oder Auszeichnung eines Künstlers entscheiden. Das Gremiuem besteht aus Vertretern des öffentlichen Lebens. Das Ergebnis:

Es handle sich um einen "absoluten Grenzfall zwischen Meinungs- und Kunstfreiheit und anderen elementaren Grundrechten", sagt Wolfang Börnsen, Sprecher des Echo-Beirats. In einigen Texten sei die Wortwahl "provozierend, respektlos und voller Gewalt", so der CDU-Politiker. "Sie als Stilmittel des Battle-Rap zu verharmlosen, lehnen wir ab und möchten an dieser Stelle unsere deutliche Missbilligung gegenüber der Sprache und den getroffenen Aussagen unterstreichen" Doch: "Nach intensiver und teilweise kontroverser Diskussion sind wir dennoch mehrheitlich zu dem Ergebnis gekommen, dass ein formaler Ausschluss nicht der richtige Weg ist."  

12. April: "Kollegah & Farid Bang treten als zwei außerordentlich erfolgreiche Repräsentanten des Genres HipHop auf"

Am heutigen Abend wird der Echo verliehen. "Erfolg mit Antisemitismus und Frauenhass" oder "Das hat der deutsche Pop nicht verdient" - die Medien überschlagen sich (noch immer) mit ihrer Kritik. Am selben Tag teilt der BVMI mit

"Die Diskussion um Kollegah & Farid Bang und die Nominierung mit 'JBG3' hat eine Dimension erreicht, die so nicht vorherzusehen war. Die Entscheidung des ECHO-Beirats als unabhängiges Gremium, sie nicht von der ECHO-Nominierung auszuschließen, war eine mehrheitliche Entscheidung im Sinne der Kunstfreiheit, aber ganz deutlich verknüpft mit klarer Missbilligung der Sprache und der in dem Song getroffenen Aussagen sowie mit dem Appell, dieses Thema auf breiter gesellschaftlicher Front öffentlich zu diskutieren. (…)

Kollegah & Farid Bang treten als zwei außerordentlich erfolgreiche Repräsentanten des Genres HipHop auf, das seit über einem Jahrzehnt von sehr vielen Menschen hierzulande gehört wird. Das ist der Grund, weshalb sie im Vorfeld für einen Auftritt angefragt wurden und nun live performen werden."

16. April: "Welle der Betroffenheit, die uns sehr bestürzt"

Farid Bang und Kollegah haben den Echo gewonnen, Buhrufe geerntet, von Campino (und zahlreichen weiteren Künstlern) kritisiert. Nach dem Notos Quartett gibt auch der für sein Lebenswerk geehrte Klaus Voormann aus Protest den Preis zurück. Der BVMI teilt mit:

"Im Zuge der aktuellen Debatte mussten wir erkennen, dass wir uns in einem Umfeld wiederfinden, das den Preis in ein falsches Licht rückt. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben. Wir möchten an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen, dass auch wir als Verband und Veranstalter des ECHO jede Art von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Gewaltverherrlichung ablehnen. Die Art und Weise der öffentlichen Befassung mit der Auszeichnung des Albums führte zu einer Welle der Betroffenheit, die uns sehr bestürzt und die den Preis überhöht und zugleich überfordert."  

16. April: "Grundsätzliche Überarbeitung des Echo"

Der BVMI kündigt in einer zweiten Pressemitteilung "grundsätzliche" Veränderung und "entsprechende Konsequenzen" an:

"Dieses Grundprinzip des ECHO sowie alle mit der Nominierung und Preisvergabe zusammenhängenden Mechanismen werden wir nach den Erfahrungen aus diesem Jahr, die uns getroffen und erschüttert haben, in allen Details umfassend analysieren, entsprechende Konsequenzen daraus ziehen und ein neues, solides Fundament schaffen.

Der Bundesverband Musikindustrie wird neben der grundsätzlichen Überarbeitung des ECHO die vom ECHO-Beirat angeregte Diskussion um die Kunstfreiheit und ihre Grenzen mit den verschiedenen Beteiligten innerhalb und außerhalb der Branche weiterführen. (...) Die mediale Befassung und die Vielfalt der Betroffenheit hat auf besondere Weise verdeutlicht, wie tief das Thema gesellschaftlich sitzt und wie wichtig die ehrliche Auseinandersetzung damit ist, die über Schlagzeilen hinausgeht."

25. April: "Marke Echo stark beschädigt"

Weitere Künstler haben angekündigt, ihre Preise aus Protest zurückzugeben - die Negativschlagzeilen reißen nicht ab. Und der BVMI zieht einen Schlussstrich: 

"Den „ECHO“ wird es nicht mehr geben. Das hat der Vorstand des Bundesverbandes Musikindustrie gestern in einer außerordentlichen Sitzung in Berlin beschlossen. (…) Man wolle jedoch keinesfalls, dass dieser Musikpreis als Plattform für Antisemitismus, Frauenverachtung, Homophobie oder Gewaltverharmlosung wahrgenommen wird.

Das um den diesjährigen ECHO herum Geschehene, wofür der Vorstand sich entschuldigt habe, könne zwar nicht mehr rückgängig gemacht werden, man werde aber dafür sorgen, dass sich ein solcher Fehler in Zukunft nicht wiederhole. Die Marke ECHO sei so stark beschädigt worden, dass ein vollständiger Neuanfang notwendig sei, der auch eine Neuaufstellung bei ECHO KLASSIK und ECHO JAZZ nach sich ziehe." 

Netzreaktionen zum Echo-Aus
fs/Mit Material der DPA